Was wie ein Rockkonzert anmutet, ist ein Gottesdienst im Wizemann Foto: Martin Haar

Gottesdienst im Kulturzentrum Wizemann: Der Stuttgarter Jesustreff von Gründer Tobi Wörner ist eine Erfolgsgeschichte in der württembergischen Landeskirche. Das Konzept zieht Sonntag für Sonntag rund 400 Besucher an.

Bad Cannstatt - Popkonzert oder Gottesdienst? Beides. Seit Sonntag dient das Kulturzentrum Wizemann dem Jesustreff als Heimat. Was in einem Gemeindezentrum an der Nordbahnhofstraße bescheiden begonnen hat, ist nun eines der beliebtesten Gottesdienstformate unter dem Dach der evangelischen Landeskirche.

Kaum ein anderer Gottesdienst in Stuttgart schafft es, an einem Sonntag gleich zweimal das Gotteshaus zu füllen. Schon zum Start am vergangenen Sonntag mussten um 11 Uhr und um 18 Uhr Stuhlreihen angebaut werden. Das Konzept, neue Musik mit der altbewährten guten Nachricht zu verbinden, zieht vor allem Familien und Gläubige bis etwa 40 Jahre an. „Wir freuen uns auf dieses Experiment. Wir haben nun im Wizemann mehr Platz, ein tolles Ambiente und eine gute Botschaft für unsere Stadt“, sagt Leiterin Carolin Lena Wolf.

Wie gesagt: Bisher war der Jesustreff-Gottesdienst im Gemeindehaus der Nordgemeinde beheimatet. Aber mit der steigenden Popularität wuchs der Wunsch nach Veränderung. „Wir brauchten mehr Platz“, sagt Wolf. Bisher hatten die innovativen Christen versucht, den Platznot mit sonntäglich drei Gottesdiensten auszugleichen. „Aber es war ein hoher Aufwand“, sagt Wolf.

Die Jesustreffler, wie sie sich selbst nennen, hatten vor dem Neu-Start im ehemaligen Industrieareal in der Quellenstraße 7 ein wenig gezittert und sich gefragt: Finden die Menschen auch ins Wizemann? Die Sorge war unbegründet. Schließlich blieben die Erfolgsfaktoren dieselben. Mehr noch: Parallel zum 11-Uhr-Gottesdienst gibt es nun auch einen Kindergottesdienst.

Keine Blaupause für andere Gemeinden

Als Blaupause für andere Gemeinden, die an Besuchermangel leiden, taugt der Jesustreff freilich nicht. Hier werden durch die rockige Lobpreismusik und den Ort ganz bestimmte Bedürfnisse angesprochen. Aber von der Art, wie die Jesustreffler den Gläubigen begegnen, können andere sicherlich lernen.

Tobi Wörner, Gründer des Jesustreffs, bringt es in seiner Predigt auf den Punkt: Es geht um die Einstellung von Menschen. „Es muss sich was ändern! Wir brauchen keine Veränderung im Äußeren.“ Auf die Situation der Kirche im Allgemeinen übertragen, hieße das: Es geht in Zukunft weniger um den Ort, die Musik oder das Format, sondern wie sich Menschen in der Kirche begegnen. Und es geht um die Lebenswirklichkeit der Menschen. Tobi Wörner, ein sehr begabter Prediger, holt seine Zuhörer genau dort ab. In der Mitte ihres Lebens. Ergänzt mit einer geschliffenen Rhetorik und lebensnahen Bildern verwandelt er das verkündete Wort zur Nahrung für den Alltag. Zu Manna des Geistes. Wörner erzeugt mit persönlichen Beispielen immer wieder Aha-Effekte. Wenn er erzählt, dass er anlässlich seines 40. Geburtstag eine Minikrise hatte, merken die Zuhörer auf. Aber er schafft alsbald kollektive Erleichterung, wenn er die Auflösung seiner Melancholie verrät: Ein Freund hatte dafür gebetet, dass Tobis beste Ideen in seinem Leben noch vor ihm liegen mögen. „Da hat es bei mir klick gemacht“, sagt Wörner, „ich war immer noch 40, aber das Alter hat durch die neue Perspektive eine andere Bedeutung.“ Er nennt es Erneuerung der Denkweise. Ein Rezept für jeden Einzelnen, vielleicht aber auch für die kränkelnde Volkskirche.

Damit solche Sprüche keine leeren Formeln bleiben, müsste laut Wörner eine Entwicklung stattfinden. Getragen von viel Ehrlichkeit, Öffnung und Offenheit. „So beginnt wirkliche Erneuerung“, sagt Wörner und schlägt geschickt wieder den Bogen: „Das Wizemann ist nur eine äußerliche Veränderung. Wichtig ist, was hier stattfindet, um die Herzen zu verändern. In der Praxis funktioniere dies nur im Miteinander: „Um Gott zu begegnen und Gemeinschaft zu erleben, braucht es ja nicht unbedingt ein Kirchengebäude.“

Menschen fühlen sich angenommen

Im speziellen Fall auch keine Orgelmusik inklusive einer traditionellen Liturgie. Spirituelle Tiefe scheint keine Frage der Musikrichtung zu sein. Wer sieht, wie Jesustreffler während des Lobpreisgesangs die Botschaft der Liedtexte mit empfangenden Händen verinnerlichen, versteht das Erfolgsgeheimnis des Jesustreffs. Aber auch das eines anderen modernen Formats, das den modernen Stadtmenschen offenbar anspricht: den Gospel-Gottesdienst in der Friedenskirche. Wer sich von der Musik emotional anstecken und inspirieren lässt, ist offenbar empfänglicher. Die Liebesbotschaft dringt ungefiltert in die Herzen.

Um das zu erleben, strömen junge Menschen oder Junggebliebene aus der ganzen Region zum Jesustreff. Ihre Motive, nach Stuttgart zu pilgern sind nahezu ähnlich. „Hier muss ich nicht wie in meiner Heimatgemeinde etwas vorspielen“, sagt eine Gottesdienstbesucherin aus dem Kreis Ludwigsburg. Ihre Freundin aus Calw ergänzt: „Man wird hier auf Augenhöhe so genommen, wie man ist. Man hat hier mehr Freiraum – auch zeitlich. Denn man kann es sich aussuchen, ob man um 11 oder um 18 Uhr kommen will.“ Fast alle Besucher loben indes unisono: „Der Jesustreff entspricht meinem Lebensstil.“

Damit haben Jesustreffler mit ihrer Art von Kirche offenbar ins Schwarze getroffen. „Die Veränderung muss von innen her kommen“, sagt Tobias Wörner und bemüht in seiner Predigt dazu die Jahreslosung 2017: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Für Wörner ist es ein „revolutionärer Gedanke“.

Beim Jesustreff wird er gelebt.

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