Das Internet birgt neben Informationen Suchtpotenzial, etwa durch Computerspiele. Foto: Fotolia

Bei der Arbeit und in der Freizeit bietet das Internet unzählige Möglichkeiten. Doch es birgt auch Risiken: Laut einer Studie sind vier Prozent der Jugendlichen in Deutschland internetsüchtig.

Berlin - Telefonisch kann den Sohn schon lange keiner mehr erreichen, und er meldet sich auch nicht bei den Eltern. „Erst dachte ich, es ist die normale Abnabelung, wenn ein junger Mann zum Studium das Elternhaus verlässt“, sagt Christine Hirte. Irgendwann stellen sie und ihr Mann fest, dass da etwas nicht stimmen kann. Sicher waren sie, als ein Anruf einer Hausverwaltung kam: Der Sohn war aus seiner Studentenwohnung ausgezogen und wohnte nun bei einer Internetbekanntschaft. „Seine alte Wohnung war total vermüllt, sein Leben komplett aus dem Lot geraten“, erzählt die Mutter. Das Problem: Der 23-Jährige war süchtig. Süchtig nach einem Online-Computerspiel.

Das ist fünf Jahre her. Die Hirtes haben damals eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Internetabhängigen ins Leben gerufen. Denn mit dieser Krankheit, wie Christine Hirte das nennt, ist der heute junge Mann nicht allein. Laut einer repräsentativen Studie sind etwa 560.000 Bundesbürger, das ist ein Prozent, der 14- bis 64-Jährigen in Deutschland, abhängig von der Online-Welt. Und 2,5 Millionen nutzen das Internet exzessiv. In der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen sind 2,4 Prozent süchtig, unter den 14- bis 16-Jährigen sogar vier Prozent.

„Das Risiko, in eine Abhängigkeit zu geraten, ist in der Gruppe der Älteren vor allem bei Ledigen, Männern, Arbeitslosen und Menschen mit Migrationshintergrund gegeben“, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), am Dienstag in Berlin. In der Gruppe der Jüngeren halte sich das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen, die vom Internet nicht loskommen, hingegen die Waage. „Die Jungen sind eher anfällig für Online-Spiele und die Mädchen für soziale Netzwerke“, erläutert Hans-Jürgen Rumpf, Suchtexperte von der Universität Lübeck.

Spezialisierte Fachkräfte fehlen

Die Erforschung des Phänomens Internetsucht sei am Anfang, umfangreiche Daten gebe es noch nicht. „Doch die Zahlen, die wir haben, zeigen Handlungsbedarf“, sagt Dyckmans. Vor allem die Beratungs- und Behandlungsangebote müssten ausgeweitet werden. Momentan fehle es vielerorts an ausreichend spezialisierten Fachkräften. Um dem entgegen zu wirken, soll beispielsweise das von der Drogenhilfe Köln ins ­Leben gerufene Projekt ESCapade, eine ­Familienberatung für Betroffene und deren Eltern, bundesweit angeboten werden.

Auch müsse die Internetsucht endlich als eine eigenständige Krankheit anerkannt werden, so Dyckmans. Da könne die Politik aber nichts machen. „Die Einordnung in das internationale Diagnoseklassifikationssystem muss durch die medizinischen Fachgesellschaften geschehen.“

Aber wann gilt ein Mensch als internetsüchtig? Immerhin ist das Surfen im Netz aus dem Leben der Meisten, sei es beruflich oder privat, nicht mehr wegzudenken. „Die Kriterien werden noch erarbeitet“, sagt Hans-Jürgen Rumpf. Es gebe bereits Vorschläge: Zum Beispiel der Kontrollverlust. Wenn der Nutzer vollkommen die Kontrolle darüber verliert, wie lange er sich im Internet aufhält und sein Nutzen nicht einschränken kann. „Die Merkmale sind ähnlich wie bei anderen Süchten“, sagt Rumpf.

Christine und Christoph Hirte hatten ­erkannt, dass sie handeln müssen. Sie haben ihrem Sohn auf Anraten der Beratungsstelle die finanzielle Hilfe gestrichen und ihm immer wieder Briefe geschrieben, in dem sie ihm ihre emotionale Unterstützung angeboten haben. Vor zweieinhalb Jahren hat sich der Sohn von sich aus wieder bei den Eltern gemeldet. Dem ­Onlinespiel habe er den Rücken gekehrt, doch den jungen Mann plagen weiterhin Depressionen. „Er hat nun mal eine Krankheit“, sagt die Mutter.

Merkmale der Internetsucht

Entzugserscheinungen , die auftreten, wenn man einige Zeit nicht im Internet ist.

Kontrollverlust über die Dauer des Aufenthalts im Web.

Negative Gefühle wie Trauer oder Kränkungen sollen kompensiert werden.

Informationen gibt der Fachverband Medienabhängigkeit im Internet unter www.fv-medienabhaengigkeit.de. Hilfe für Eltern unter www.rollenspielsucht.de.