Regina Ammicht Quinn über die Ängste von Einheimischen und Zuwanderern.

Stuttgart - Nur wenn Deutsche und Migranten sich häufiger begegnen und austauschen, so glaubt Regina Ammicht Quinn, verschwinden auf beiden Seiten die Ängste. Wir haben mit der Staatsrätin und Theologie-Professorin gesprochen.

Frau Ammicht Quinn, Sie sind Staatsrätin für interkulturellen und interreligiösen Dialog. Das klingt sehr akademisch. Brauchen Sie noch mehr Erkenntnisse?

Forschung muss sich ständig erneuern. Außerdem gibt es Fragen, auf die wir noch keine befriedigende Antwort haben. Ich würde zum Beispiel gern wissen, warum sich einige junge Zuwanderer abgrenzen, und was man dagegen tun kann. Solche Forschungen will ich anregen.

Warum klappt der Dialog nicht? Fehlt es an einer Bühne oder am Willen, dass Christen und Muslime aufeinander zugehen?

Ich verstehe den Dialog breiter als zwischen diesen Gruppen. Wir dürfen weder andere Weltreligionen außen vor lassen noch konfessionslose Menschen. Natürlich geht es auch um den Diskurs zwischen Christen und Muslime, weil sich die Angst vor dem Fremden oft am Islam festmacht. Es ist auch nicht so, dass es an Gelegenheiten zum Gespräch fehlte oder am guten Willen. Es gibt viele ehrenamtliche Initiativen. Trotzdem brauchen wir mehr Aufklärung und die Fähigkeit, das Wissen mit dem Herzen zu begleiten. Dabei helfen nur Begegnungen.

Ein Ort der Begegnung ist die Schule, wo Zuwanderer häufig Probleme haben. Wo wollen Sie da ansetzen?

Bildung ist für eine gelungene Integration sehr wichtig. Die Schule zu reformieren ist aber nicht meine Aufgabe. Ich kann Bildungspolitik begleiten und Anregungen geben. Ich möchte zum Beispiel auf die Mentorenausbildung des deutsch-türkischen Forums hinweisen. Dabei werden junge türkischstämmige Gymnasiasten oder Studenten zu Mentoren für Grundschüler türkischer Herkunft ausgebildet. Das sind Initiativen, auf die wir bauen müssen, die wir aber auch sichtbar machen müssen.

Der Verfassungsschutz sagt, mangelnde Bildung mache junge Türken besonders anfällig für islamistisches Gedankengut. Wie groß ist die Gefahr des Islamismus?

Aus Studien auch in anderen Ländern wissen wir, dass der militante Islamismus eher in der Mittelschicht anzutreffen ist als in bildungsfernen Schichten. Islamisten setzen bei Identitätskrisen und der Suche nach Anerkennung an, darauf weist auch der Verfassungsschutz hin. Ich halte die Gefahr, dass hierzulande terroristische Keimzellen entstehen, für relativ gering. Die Gefahr allerdings, dass junge Menschen sich bei ihrer Identitätssuche abgrenzen gegen die Mehrheitsgesellschaft und dieser dann verlorengehen, halte ich für ganz real. Wir können uns diese Abgrenzung bis hin zur Abwanderung gut ausgebildeter Migranten einfach nicht mehr leisten.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gilt als Beispiel für gelungene Integration. Wie kann so etwas gelingen, und was kann die Politik dazu beitragen?

Politik kann nicht von oben eine größere Gastfreundschaft verordnen. Sie kann natürlich andere Zuwanderungsgesetze machen, aber damit löst man nicht das Problem, dass Einheimische vor dem Hintergrund der Zuwanderung Angst haben, ihre Heimat zu verlieren, und Zuwanderer Angst haben, ihre Identität einzubüßen. Weil ich dieses Problem für zentral halte, möchte ich meine Arbeit unter die Überschrift Heimat und Identität stellen. Ich glaube, es ist ein langer Prozess, diese Ängste abzubauen. Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen, aber er vollzieht sich auch auf emotionaler Ebene. Es muss sich auch etwas an der Gefühlslage verändern. Das geht nur, wenn sich die Menschen begegnen. Wir müssen deshalb im Alltag ansetzen und zum Beispiel die ehrenamtliche Arbeit fördern. Wir müssen uns aber auch fragen, was man tun kann, um die Verwaltung interkulturell aufzustellen. Nehmen Sie zum Beispiel das Finanzamt. Das ist ein Ort, an dem nicht nur Zuwanderer Unwohlsein empfinden.

Man könnte türkische Finanzfachleute und Lehrer beschäftigen ...

Die muss man zunächst finden, und dann muss man willens sein, sie einzustellen.

Sehen Sie einen Nachholbedarf bei der Beschäftigung von Ausländern beim Land?

Da gibt es einen großen Nachholbedarf. Ich sehe aber auch den Willen, hier aufzuholen.

Was verstehen Sie persönlich unter Heimat?

Meine Eltern sind Heimatvertriebene, deshalb stand die Frage "Wann gehen wir alle wieder heim?" in meiner Kindheit ganz groß im Raum. Ich bin aufgewachsen mit dem Gefühl: Hier geht's uns zwar gut, aber daheim sind wir woanders. Deshalb wurde auch unser Dialekt in der Familie sorgfältig bewahrt. Heute ist der Begriff Heimat bei mir nur noch wenig geografisch geprägt. Ich habe durch meinen Mann auch eine große amerikanische Familie und glaube: Ich bin dort daheim, wo die mir nahestehenden Menschen sind. Andererseits ist es natürlich auch schön, durch einen Ort zu gehen, wo man genau weiß: Wenn du dich jetzt nicht beeilst, wird die Ampel da vorne rot, und hier musst du aufpassen, weil ein Loch im Gehweg ist. Auch das ist ein Heimatgefühl, sich ohne nachzudenken irgendwo bewegen zu können.

Hat sich der Heimatbegriff verändert?

Er hat sich auf jeden Fall verändert, sonst könnten wir ihn in einem Land, wo man unter der Überschrift Heimatliebe Menschen ausgerottet hat, nicht mehr benutzen. Der Begriff ändert sich auch deshalb, weil junge Menschen über das Internet Netze knüpfen, die mit Geografie nichts mehr zu tun haben. Mit dem schnellen Wandel und der Globalisierung gewinnt auch das Lokale wieder an Wert. Es ist die Sehnsucht nach dem Überschaubaren und Beständigen.

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