Immer schön mit dem Kopf durch die Wand: der kriminelle Gewalttäter Xatar (Emilio Sakraya) in „Rheingold“ Foto: Warner

Fatih Akin erzählt in seinem beinharten Kinodrama „Rheingold“ die Geschichte des Rappers Xatar, der als Migrantensohn in einen kriminellen Teufelskreis gerät.

Der Fall erregte Aufsehen im Dezember 2009: Eine Gruppe Kleinkrimineller um den Rapper Xatar alias Giware Hajabi überfiel an der Autobahnausfahrt Ludwigsburg-Nord einen Goldtransporter und machte Beute im Wert von rund 1,7 Millionen Euro. Die Täter entkamen, Xatar gelang die Flucht in den Irak. 2011 wurde er an Deutschland ausgeliefert und kam vor Gericht. Fatih Akin hat aus diesem Stoff nun ein Kinodrama gemacht, das vor allem eines ist: beinhart. Ungeschönt zeigt der Hamburger Filmregisseur zunächst die Fluchtgeschichte der kurdisch-iranischen Familie Hajabi – und dann den Abstieg des Migrantensohns Giware, der sich in Bonn vom kriminellen Milieu der Straße einsaugen lässt.

Ohne Umschweife wird klar, was das Publikum erwartet: Schergen des Islamisten Ajatollah Chomeini stürmen nach dessen Putsch 1979 ein Konzert in Teheran und erschießen wahllos Orchestermusiker. Der Dirigent und Komponist Eghbal Hajabi, Giwares Vater, entkommt mithilfe der Musikerin Razal (Mona Pirzad), die seine Ehefrau und Giwares Mutter werden wird.

Auf der Flucht vor den Religionsterroristen gelangt das Paar in den Irak, wo Saddam Hussein die kurdische Minderheit verfolgt. Akin zeigt deren verzweifelten Freiheitskampf und die Hajabis mittendrin, die dafür einen hohen Preis zahlen: Bald sitzen sie im Zuchthaus und werden dort aus unterschiedlichen Motiven übel gefoltert. 1985 gelangen sie nach Paris und dann nach Bonn.

Ein Opernabend, der manches ändert

Der Vater kann wieder arbeiten, und der junge Giware hört erstmals in einem Konzerthaus Musik: Wagners „Rheingold“. Das Rheingold mache unsterblich, erzählt der Vater dem Sohn. Diese kulturelle Anbindung macht Hoffnung auf eine tiefgründige Geschichte, die sich nicht einlöst.

Der Vater verlässt die Familie, Giware beginnt zu dealen. Er lernt im Boxstudio, wie man andere zu Brei schlägt, was Akin ausführlich zeigt. Das bringt ihm den Straßennamen Xatar ein, Kurdisch für „Gefahr“. Bald entzieht er sich einem Haftbefehl gen Amsterdam, wo er in die Abhängigkeit eines Drogenkartells gerät, Ware verliert und den Goldraub als einzigen Ausweg sieht.

Die Nachbarstochter erobert sein Herz

Emilio Sakraya („Tribes of Europe“) wie auch Ilyes Raoul gelingt eine Gratwanderung: Beide machen Xatar in verschiedenen Altersstufen charismatisch genug, dass man ihn mögen könnte – wenn er nur nicht so gewalttätig explodieren würde. Umgeben ist er von Typen, die noch weniger Überblick und Perspektive haben als er selbst.

Zwei Figuren ragen positiv heraus: ein autodidaktischer Hip-Hop-Produzent (Denis Moschitto) und die Nachbarstochter Shirin (Sogol Faghani), deren Herz der bindungsgestörte Xatar zu gewinnen versucht.

Er bleibt Teil einer Parallelgesellschaft

Die Kleingangster sprechen das Halbdeutsch der Straße, artikelfrei und durchsetzt mit Begriffen wie „Brah“ („Bruder“), „Çüş“ („krass“) und „Wallah“ („Ich schwöre“). Akin inszeniert sie als Gruppe desillusionierter Traumtänzer, die glauben, ihnen gehöre die Welt. Dabei gelingt es ihnen in der ampelverdichteten Stauregion Stuttgart zunächst kaum, dem Goldtransporter zu folgen. Der Coup ist die stärkste Sequenz des Films – weil er offenlegt, wie „lost“ („verloren“) diese Kerle in Wahrheit sind. Genau darum ist „Rheingold“ auch ein bitterer, unangenehmer Film. Fatih Akin zwingt sein Publikum, harte Realitäten aus der Nähe anzuschauen. Träume von einem gedeihlichen Miteinander sind hier gescheitert, hoffnungslose Romantiker all jene, die an eine integrative Entwicklung glauben. Das ist zum Verzweifeln – vor allem deshalb, weil „Rheingold“ Rassisten und rechten Hetzern Munition liefern könnte nach dem Motto: Seht her, wir haben es immer gewusst!

Xatar bringt es zwar zum Rapstar, bleibt aber Teil einer Parallelgesellschaft. Biodeutsche treten vor allem als Strafverfolger auf, Polizisten, Richter, Gefängniswärter. Der Multikulti-Optimismus, den Akin in seiner launigen Komödie „Soul Kitchen“ (2009) so herzerwärmend propagiert hat, fehlt hier ebenso wie klare Gesellschaftskritik. Die hat der Filmemacher im starken Selbstjustiz-Drama „Aus dem Nichts“ (2017) zum Umgang mit Nazis formuliert. „Rheingold“ ist unversöhnlich, ein Hilfeschrei in die Leere.

„Ich hab zu viel gesehen“

Das wird so richtig deutlich, wenn am Ende Xatars Song „Mama war der Mann im Haus“ das Drama in zwei Sätzen zusammenfasst: „Vater war nicht da / Straße war mein Vorbild“ heißt es da und „Ich hab zu viel gesehen / und konnt nicht widerstehen“.

Rheingold. D 2022. Regie: Fatih Akin. Mit Emilio Sakraya, Ilyes Raoul. 138 Minuten. Ab 16.

Vom Gangster zum erfolgreichen Unternehmer

Xatar
 Geboren wurde er 1981 in der iranischen Provinz, ausgesprochen wird sein Künstlername mit einem kehligen „chr“ am Anfang. Nach dem Abitur in Deutschland folgte ein Musikstudium in London, folgten aber auch Ermittlungen wegen Drogenhandels. Spektakulär in die Schlagzeilen geriet Xatar 2009 durch einen gemeinsam mit zwei Komplizen durchgeführten Überfall auf einen Goldtransporter. Die Beute von 1,8 Millionen Euro ist bis heute unentdeckt.

Erfolg
 Heute lebt Xatar als Unternehmer, Verleger, Gastronom, Rapper, Produzent und Nachwuchsförderer mit Familie in Berlin. Aber auch die vergangenen Jahre sind immer wieder von dem ein oder anderen Gerichtsprozess mitgeprägt.