Das Kundenverhalten hätte sicht gewandelt und der Katalog sei immer weniger genutzt worden, teilte der schwedische Möbelkonzern Ikea mit. In der Bildergalerie finden sich ältere Katalog-Cover mit berühmten Slogans wie „Lebst du schon?“ Foto: AFP/Gabriel Bouys

Der schwedische Möbelkonzern Ikea stellt nach der diesjährigen Jubiläumsausgabe seinen gedruckten Katalog ein. Die Titelseite des Katalogs bildete oft gesellschaftliche Trends ab.

Stuttgart - Jedes Jahr im August derselbe Handgriff: Fluns, Pallra oder Tjena – die Namen der Zeitschriftensammler variieren nach Farbe und Material – aus dem Billy-Regal ziehen, einen Katalog herausnehmen, das neue Exemplar hineinpacken.

Vermutlich haben viele Menschen ihren Ikea-Katalog ansonsten das Jahr über immer seltener benützt. Wer über den Kauf eines Pax-Kleiderschrankes oder einer Küchenarbeitsplatte nachdenkt, klappt das Laptop auf oder schaut auf dem Smartphone nach, ob die Sachen im nächst gelegenen Laden vorrätig oder bestellbar sind.

200 Millionen Ikea-Kataloge in 50 Ländern – in einem Jahr

So wundert es nicht wirklich, dass der Konzern beschlossen hat, den Ikea-Katalog nach 70 Jahren einzustellen. Das Kundenverhalten und der Medienkonsum hätten sich zuletzt gewandelt und der Katalog sei immer weniger genutzt worden, teilte der schwedische Möbelriese am Montag mit. Im auflagenstärksten Jahr 2016 waren 200 Millionen Exemplare des Katalogs in 32 Sprachen in über 50 Ländern verteilt worden.

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad schaltete schon 1945 Werbeanzeigen, ließ 1951 den ersten Katalog drucken. Die Entscheidung, den Katalog nicht weiterzuführen, fiel nach Unternehmensangaben im Zuge der „derzeit laufenden Transformation, durch die Ikea digitaler und besser erreichbar werden soll“, sagte Ikea-Manager Konrad Grüss.

Ikea wirbt im Jubiläumsjahr mit Nachhaltigkeit

Im vergangenen Jahr sei der Onlinehandel bei Ikea weltweit um 45 Prozent gewachsen, die Webseite habe mehr als vier Milliarden Besucher verzeichnet. Zudem entwickelte das Unternehmen eigene Apps.

Ein bisschen schade ist das natürlich trotzdem. Denn häufig konnte man dem aktuellen Titel gesellschaftliche Trends ablesen. Den neusten Katalog etwa bekommt nur noch, wer ihn bestellt. Und auf dem Cover ist kein werbewirksames Motto zu lesen. Ganz Greta-Thunberg-genehm wird auf Achtsamkeit und Innovation hingewiesen: Tipps und Tricks für einen „besseren Alltag“ und eine Gardine, die wohl Umweltgifte filtern soll.

Man setzt auf die Schonung von Ressourcen, bietet Produkte an, die aus recyceltem Material bestehen. Die werden zwar zum Teil in Billiglohnländern, aber unter fairen Bedingungen hergestellt. Jüngst wurden Kunden gebeten, gut erhaltene Möbel zur Wiederverwertung zurück zu bringen statt sie für den Sperrmüll auf den Bürgersteig zu stellen.

Berühmter Slogan „Wohnst du noch“

Mit dem Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ im Jahr 2007 etwa wurde der Trend zum wohlig, emotional ausgeglichenen Lebensstil vorweggenommen. Seit skandinavisches Design durch den dänischen „Hygge“-Hype noch beliebter geworden ist, setzt das schwedische Unternehmen noch stärker auf Gemütlichkeit. In früheren Jahren warb man auf dem Cover mit Jugendlichkeit und niedrigen Preisen. „Wer jung ist, hat mehr Geschmack als Geld“, behaupteten die Marketingleute auf dem Katalogtitel des Jahres 1976.

Längst ist Ikea nicht mehr nur Anlaufstelle für Wohnanfänger, die möglichst nicht so repräsentativ oder protzig wie ihre Eltern wohnen wollen. Die Firma gewinnt bekannte Designer für sich, deren Produkte sich oft nur Besserverdiener leisten können und die für Ikea günstige Möbel entwerfen.

Auf diese Weise entsteht vielleicht ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Am Nachhaltigsten freilich wäre es, weniger oder gar nichts zu kaufen. Damit auf einem Ikea-Katalogtitel zu werben, wäre dann doch etwas viel verlangt von einem Unternehmen, das Waren verkaufen will.

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