Das größte Risiko einer Infektion mit Krankenhauskeimen haben Kinder und Operierte Foto: dpa

Jährlich sterben 22 000 Menschen infolge einer Krankenhausinfektion. Grund ist oft die mangelnde Hygiene mit Keimen. Das Evangelische Diakoniekrankenhaus Freiburg begegnet diesem Problem mit eigenem Hygienefachpersonal.

Freiburg - Sie darf überall hin: in den Operationssaal, auf die Intensivstation und in jedes Krankenzimmer. Sie geht dorthin, wo die Instrumente für den nächsten medizinischen Eingriff gesäubert, zusammengepackt und etikettiert werden. Jedem schaut Elke Bux-Müller auf die Finger: Ärzten und Schwestern. Sie läuft mit und beobachtet. Niemand soll sich kontrolliert fühlen. Doch genau das ist die Aufgabe der Hygienefachschwester des Evangelischen Diakoniekrankenhauses in Freiburg: Sie überprüft, ob alle Mitarbeiter steril arbeiten.

Die Kontrolle wird immer wichtiger: Krankenhäuser haben in der Öffentlichkeit schon den Ruf, Krankmachhäuser zu sein. Experten behaupten, dass rund 600 000 Menschen sich jedes Jahr in deutschen Kliniken mit Keimen infizieren. Ein Drittel davon halten sie für vermeidbar.

Es gehe so schnell, sagt Elke Bux-Müller. „Wenn Ärzte und Pflegekräfte von einem Patienten zum anderen gehen, Verbände austauschen, Katheter legen oder auch nur zur Begrüßung Hände schütteln, ohne die eigenen Hände zu desinfizieren, können sie Patienten mit den Keimen anderer anstecken.“ Dann kommt es zu solchen Geschichten, die in den Medien auftauchen: der Fall aus Rheinland-Pfalz etwa, der wegen eines Schienbeinbruchs operiert werden musste und Wochen später fast sein Bein verloren hätte. Ein Krankenhauskeim war bis zum Knochen vorgedrungen und verursachte eine schwere Sepsis. Traurige Schlagzeilen machten auch die Frühgeborenen, die im Klinikum Bremen von einem antibiotikaresistenten Keim befallen waren und schließlich daran gestorben sind.

In Freiburg versucht man solche Fälle im Vorfeld zu bekämpfen. Die Pflegeschüler des Diakoniekrankenhauses bekommen eine Lektion in Sachen Händedesinfektion: 30 Sekunden lang wird das Mittel verrieben. Eine fluoreszierende Lampe zeigt, wie gründlich die Säuberung war: Eine Schülerin hält ihre Hände unter das blaue Licht. Ein paar helle Flecken am Handrücken, „ansonsten alles wunderbar“, sagt Bux-Müller.

Das hat Vorbildwirkung: Das Diakoniekrankenhaus Freiburg hat das Gold-Zertifikat der europaweiten Hygiene-Kampagne „Aktion Saubere Hände“, an der bundesweit Alten- und Pflegeheime sowie fast die Hälfte aller deutschen Krankenhäuser teilnehmen. Gemessen wird der Desinfektionsmittelverbrauch pro Tag und Patient auf jeder Station. Daraus wird die Anzahl der Händedesinfektionen pro Patient berechnet.

Doch Zahlen und Zertifikate spiegeln nur grob wider, ob sich das Personal richtig verhält – das weiß auch Elke Bux-Müller. „Natürlich gibt es immer noch Fehlverhalten“, sagt sie. Auch eine gewisse Betriebsblindheit könne man den Kollegen nicht absprechen. „Vor allem wenn es hektisch zugeht, es nicht genügend Personal gibt und man selbst nicht bei der Sache ist“, sagt sie. Dann wird eben doch nicht so gründlich desinfiziert, wie es sein sollte.

Solche Situationen werde es immer wieder geben. „Aber wir versuchen, offen darüber zu sprechen“, sagt Bux-Müller. Bei sogenannten Fehlerkonferenzen können Kollegen Versäumnisse nennen, ohne personelle Konsequenzen fürchten zu müssen. „Es ist ein ständiger Lernprozess“, sagt der Pflegedirektor Matthias Jenny. Bessere Hygieneregeln lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen durchsetzen. „Sie müssen erst allen bewusst und dann zur Routine werden.“

Gerät eine Klinik wegen eines Bakterienausbruchs in die Schlagzeilen, werden gebetsmühlenartig die Rufe nach Reformen wiederholt. Die Zustände in deutschen Kliniken werden angeprangert, und es wird neidisch ins europäische Ausland geschaut – mit Vorliebe in die Niederlande. Dort sind die gefährlichen multiresistenten Keime MRSA ein seltener Ausnahmefall. „Prävention auf allen Ebenen“ lautet dort das Erfolgsmodell. Bei jeder Aufnahme in ein Krankenhaus wird überprüft, ob der Patient einer MRSA-Risikogruppe angehört. Dazu zählen beispielsweise Pflegeheimbewohner, Dialysepatienten und Menschen mit chronischen Wunden oder Kathetern. Diese Patienten werden sofort getestet und – bis der Laborbefund vorliegt – vorsorglich isoliert. So hat man schon Anfang der 80er, als sich die ersten MRSA-Keime ausgebreitet haben, das Problem in Griff bekommen.

Das Diakoniekrankenhaus Freiburg ist eine von vielen deutschen Kliniken, die diesem Vorbild nacheifern. Doch der Erfolg stellt sich nur langsam ein. Aufgrund jahrelanger Versäumnisse in der Hygiene ist der multiresistente Keim MRSA heute in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet – die Gesunden tragen den Keim zu den Kranken in die Kliniken. Das macht die Infektionsprävention umso aufwendiger.

Zudem schafft der Kostendruck in den Krankenhäusern Rahmenbedingungen, unter denen die guten Vorsätze in Sachen Hygiene an ihre Grenzen stoßen. Das Personal fehlt, die Arbeitsdichte steigt, und die Materialien sollen möglichst preiswert sein. Hinzu kommt das Krankenhaus selbst, dessen Gebäude nicht besonders hygienefreundlich sind: Meist sind die Wege von Station zu Station nicht gut abgetrennt. Selbst nachträglich eingeführte Hygienemaßnahmen wie Schleusen können nicht richtig greifen. Ein weiteres Problem ist, dass in vielen Häusern überlegt wird, welche Bereiche man kostensparend ausgliedern könnte. Meist trifft es dann den Reinigungssektor, der nach festen Zeitplänen arbeitet – und nicht immer nach Notwendigkeit.

„Wer den Kampf gegen die Keime ­wirklich aufnehmen möchte, muss diese Dinge berücksichtigen“, sagt auch Thomas Hauer vom Deutschen Beratungszentrum für ­Hygiene. „Die Infektionsprävention ist ­inzwischen zu einem richtigen Fachbereich geworden, ebenbürtig mit anderen wie der Chirurgie oder der Radiologie.“ Dies sollte in den Kliniken endlich eingeführt werden – auch wenn es mehr Personal und auch mehr Investitionen bedeutet. „Die Kliniken brauchen ein für sie maßgeschneidertes Hygienekonzept“, sagt der Hygienefacharzt.

Inzwischen gebe es zwar mit dem ­Hygieneförderungsgesetz und dem In­fektionsschutzgesetz auch Unterstützung vonseiten der Politik. „Doch die beste Verordnung nutzt nichts, wenn das Fachpersonal fehlt, um sie umzusetzen.“ Wichtig sei zudem ein ­fachkundiges Antibiotika-Management. Denn eine unkontrollierte Vergabe fördere weitere Resistenzen.

Der Kampf gegen die Krankenhauskeime könnte sogar noch schwieriger werden. ­Inzwischen gibt es multiresistente ­Krankheitserreger, die sich nicht nur auf der Haut, sondern auch im Inneren des Körpers an­siedeln. Im Darm sind sie für die Ärzte aber kaum erreichbar. Zudem kann es sich um ganz unterschiedliche Bakterien handeln, die ihre verschiedenen Resistenzgene auch noch untereinander austauschen. Mit dem klassischen niederländischen Modell alleine werden die Kliniken nicht auskommen, so Hauer. Die meisten Patienten mit problematischen Keimen können gar nicht mehr durch Tests erfasst und damit auch nicht mit gezielten Hygienemaßnahmen bedacht werden. „Moderne Hygienekonzepte sehen daher eine standardisierte Basishy­giene für alle gleichermaßen vor“, sagt Hauer. Die seien in der Lage, die Weitergabe von solchen nicht erfassten Erregern zu ­verhindern.

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