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Karlsruher Hochschule für Gestaltung bietet den Studiengang an - Zwei Stunden im Hörsaal.

Karlsruhe - "Der Sloti kommt heute nicht", klärt mich eine ältere Frau auf, als Peter Sloterdijk zu Vorlesungsbeginn noch nicht am Pult steht. Nein, der Fernsehphilosoph und Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung hat heute keine Zeit für seine Fans. Dabei ist der Hörsaal wieder brechend voll. Da mag der Abendwind noch so lind durch das nahe Gartencafé säuseln - hier drinnen im ZKM wird eisern studiert.

Es geht ja ums Ganze. Nichts Geringeres als Diplom-Bürger wollen die 250 meist älteren Zuhörer werden. Wahlweise hat die Hochschule auch den Diplom-Patienten, -Konsumenten, -Rezipienten und -Gläubigen im Angebot.

Kinderuni für Erwachsene erklärt die Welt

Was sich anhört wie ein Studentenulk, ist in Wirklichkeit eine Art Kinderuni für Erwachsene mit dem Anspruch, die Welt zu erklären. Es sei aber nicht das Ziel, von oben herab Wissen zu vermitteln, erklärt der Kulturwissenschaftler Bazon Brock, der die Idee zu den Studiengängen hatte. Es gehe vielmehr um "Wissenschaft als Anstrengung, die Zumutungen des Lebens möglichst human bestehen zu können".

Man kann es auch so sagen: Es gibt ein paar hundsgemeine Fragen, die der Durchschnittsbürger gar nicht mehr zu stellen wagt. Manipuliert das Produkt den Käufer? Geht es auch ohne Steuern? Macht Medizin uns gesünder? Warum haben wir Angst vor dem Islam? Nicht, dass es keine Informationen darüber gäbe. Doch je mehr Teile das Erkenntnispuzzle erhält, desto schwieriger ist es zu bauen.

Projekt ist auf zwei Jahre angelegt

Sloterdijk und seine Gastdozenten wollen deshalb Zusammenhänge knüpfen, Disziplinen überbrücken, vielleicht auch Sinn stiften mit ihrem auf zwei Jahre angelegten Projekt. Mal philosophisch-hochtrabend, mal auf Volkshochschulniveau halten sie ihre Vorlesungen. Immer donnerstags von 18 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

"Der Medizinprofessor letzte Woche hat nur Altbekanntes erzählt", beklagt sich meine Nachbarin zur Linken, Notizblock und Bleistift im Anschlag, "und auf die Alternativmedizin ging er auch nicht ein." Sie ist trotzdem wiedergekommen, denn heute will sie sich erklären lassen, wie es zur Finanzkrise kam. Am liebsten natürlich von Sloti, der so schön formulieren kann.

Die Theorie klingt abwegig - aber schlüssig

Der fehlt zwar heute, doch der Hauptreferent des Abends, der Bremer Soziologe, Historiker und Ökonom Gunnar Heinsohn, benötigt ohnehin keinen Dialogpartner. Er ist eine Art Universalgelehrter, redet schnell und flüssig und breitet unter dem Titel "Die Unkenntnis des Systems Wirtschaft als größtes systemisches Risiko" seine eigene Wirtschaftstheorie aus. In dessen Zentrum steht das Eigentum, aus dem er Begriffe wie Zins, Geld und Markt ableitet. Die allermeisten seiner Fachkollegen sehen das zwar anders, aber alles klingt schlüssig, und die Karlsruher Studiosi schreiben eifrig mit.

Im Parforceritt eilt der Professor von Adam Smith zu John Maynard Keynes und anderen Geistesgrößen, widerspricht mal eben einem Nobelpreisträger und legt schließlich dar, worin er die Ursache der Bankenkrise sieht: in dem billigen Geld, das die großen Zentralbanken auf den Markt geworfen haben - und noch werfen.

"Sie denken, wenn sie den Zins herunterschrauben, kommen die Unternehmen an günstige Kredite für Investitionen", sagt Heinsohn. Das sei ein Irrtum, denn dieses Geld komme nie bei ihnen an, weil sie kein Pfand bieten könnten: Der Preis ihrer Unternehmen sei nämlich krisenbedingt niedrig. Stattdessen griffen die Geschäftsbanken nach dem billigen Geld und investierten in fragwürdige Papiere. Soll heißen: Regierungen und Banken machen alles falsch.

Konsequenzen ziehen als Diplom-Bürger ist nicht leicht

Die Dame links von mir schaut irritiert. Das Mitschreiben hat sie aufgegeben, und als der Professor behauptet, man hätte die Banken nicht retten und deren Verluste dem Steuerbürger aufbürden müssen, sieht man, wie es in ihr arbeitet. Es gebe ja ohnehin keine Banken, legt der Referent nach, sondern nur Bankeigentümer: "Die hätten dann halt von Multimillionär auf Millionär umlernen müssen."

Ein Raunen geht durch den Saal, und als Heinsohn schließlich ankündigt, nun wolle er auch die Griechenlandkrise erklären, hört man irgendwo den Ruf: "Oh Gott!" Nie, niemals könnten die Griechen ihren gigantischen Schuldenberg wieder abtragen, orakelt der Ökonom. Deutschland und die EU hätten mit dem Rettungspaket von 750 Milliarden Euro nur eine neue Blase aufgepumpt - und die werde irgendwann platzen.

Angehende Diplom-Bürgerin geht konfus nach Hause

"Ist das nicht furchtbar?", raunt ein Mann hinter mir. "Ich wüsste jetzt gern, welche Konsequenzen wir als Diplom-Bürger daraus ziehen sollen", fragt schließlich eine Frau aus dem Publikum. Sie gehe jetzt ganz konfus nach Haus. Doch sonderlich viel Trost kann sie nicht mitnehmen. Bürger könnten Zentralbanken wenig beeinflussen, konstatiert der Referent. Am besten sei es, Währungsspekulanten brächten die Euro-Blase zum Platzen.

So stehen sie also auf, die angehenden Diplom-Bürger, und gehen hinaus in den Karlsruher Sommerabend. Ihre Blicke verraten, dass sie große Zweifel haben, ob sie ihr Lernziel heute erreicht haben. Aber das Studium hat ja gerade erst angefangen. Und eine Prüfung wird auch nicht verlangt.

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