Kaum eine andere Berufung – ob haupt- oder ehrenamtlich – vermittelt mehr Lebenstiefe als der Dienst in der Hospizbewegung. Foto: dpa

ElisabethKunze-Wünsch geht in den Ruhestand und hinterlässt ein anspruchsvolles Erbe. Denn das Erwachsenen-Hospiz mit seinen Mitarbeitern steht derzeit im Schatten des Kinder- und Jugendhospiz’. Das soll ihr Nachfolger ändern.

Stuttgart - Es ist nur eine Stellenanzeige. Und doch hat das große Inserat in der Samstagausgabe unserer Zeitung in manchen Kreisen eine überraschende Botschaft. Die Suche nach einer neuen Gesamtleitung bedeutet nämlich, dass das Hospiz Stuttgart seine profilierte Chefin Elisabeth Kunze-Wünsch verliert. Dabei ist sie noch längst nicht im Ruhestandsalter. So ist es nicht verwunderlich, dass die evangelische Theologin in diesen Tagen auf erstaunte Fragen immer wieder sagen muss: „Alles halb so wild, ich gehe erst am 1. September 2019 in den Ruhestand.“ Elisabeth Kunze-Wünsch ist demnach noch fast ein Jahr lang da.

Warum dann die Anzeige? „Weil ich Hoppla-Hop nicht leiden kann“, sagt sie. Sie will in aller Ruhe nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin schauen. Möglichst selbige(n) noch ein wenig einarbeiten. Denn die Aufgaben sind im Laufe der Zeit immer anspruchsvoller geworden. „Die Arbeit ist noch intensiver geworden“, sagt die Hospizleiterin - auch durch die Eröffnung des Kinder- und Jugendhospiz‘ in der Diemershalde. Insofern ist hier auch noch eine Menge Luft nach oben.

Erwachsenen-Hospiz braucht Aufmerksamkeit

Will heißen: Der oder die Neue müssen nicht nur die zwei Zentren an der Stafflenbergstraße und in der Diemershalde koordinieren. Nebenbei wollen auch die Sitzwache, der ambulante Bereich und die Kübler-Ross-Akademie versorgt sein. „Nicht zuletzt brauchen wir im Erwachsenenbereich auch eine starke Öffentlichkeit und Vernetzung“, sagt Elisabeth Kunze-Wünsch.

Hinter diesem Satz steckt eine besondere Dynamik. Denn keiner im Hospiz Stuttgart wagt laut auszusprechen, dass das Kinder- und Jugendhospiz seit seiner Eröffnung vor etwa einem Jahr alle(s) in den Schatten stellt. In Sachen Aufmerksamkeit und bei den Spenden. Tatsächlich hat das Kinder- und Jugendhospiz einen sehr hohen Spendenbedarf (800 000 Euro pro Jahr). Daher will sich Elisabeth Kunze-Wünsch auch „nicht darüber beschweren“, dass sich so viele Stuttgarter für die jungen Menschen engagieren. Aber sie sagt auch: „Wir dürfen die anderen Bereiche nicht aus dem Blickfeld verlieren.“

Die Formulierung „Wir“ ist eigentlich falsch. Sie meint eigentlich Außenstehende. Denn unter dem Dach des Hospiz Stuttgart weiß jeder, dass es keine Trennung gibt. „Eigentlich haben wir zwischen der Diemershalde und der Stafflenbergstraße eine Win-win-Situation“, sagt die Leiterin und gibt ein Beispiel: Wenn ein schwer kranker Mensch im Erwachsenen-Hospiz sich Sorgen um das Wohl und Weh seiner Kinder machen müsse, sei dieser Schmerz oft viel schlimmer, als der des eigenen Schicksals. In solchen Momenten sei es sehr segensreich zu wissen, dass die Kinder bei den Mitarbeitern des Jugendhospizes bestens aufgehoben seien.

Alleine dieses Beispiel zeigt, welch unschätzbaren Wert die Hospizarbeit für eine Gesellschaft haben kann. Aber auch für all jene eine Bereicherung des eigenen Lebens darstellt, die sich in die Sache des Gedanken der Hospiz-Pionierin Cicely Saunders stellen: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Im Angesichts des Todes fallen alle Masken

Genau das hat Elisabeth Kunze-Wünsch in den vergangenen sechs Jahren als Gesamt-Hospizleiterin erlebt. „Die Fülle der Möglichkeiten von Menschsein“, wie sie in ihren Begegnungen mit Sterbenden, Kranken und deren Angehörigen immer wieder erfahren durfte. Wie jeder, der in diesem Bereich arbeitet, hat auch sie gelernt: „Im Angesichts des Todes fallen alle Masken, Rollen und Konventionen weg. Das braucht man dann nicht mehr. Und dieses wahre Menschsein bereichert mich nach wie vor jeden Tag aufs Neue.“

Und doch – obwohl kaum eine andere Berufung mehr Lebenstiefe vermittelt – wird Elisabeth Kunze-Wünsch mit vierungsechzigeinhalb Jahren vor ihrer Zeit gehen. Und sich gedanklich schon „jetzt mit diesem Weg“ auseinandersetzen. „Das ist auch ein Grund, warum wir meine Stelle so früh ausgeschrieben haben“, sagt sie. Aber viel wichtiger ist ihr, dass sie nun umsetzt, was ihr in den Jahren ihrer Hospizarbeit bewusst geworden ist. „Mich haben die Jahre nicht trauriger, sondern bewusster gemacht. Die Kranken waren mir ein Lehrer. Ich habe gelernt, dass unser Leben so begrenzt sein kann. Daher freue ich mich nun auf Jahre der Freiheit“, sagt Elisabeth Kunze-Wünsch.

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