Kokain lässt sich als Rückstand im Abwasser nachweisen. Foto: dpa

Die Kokain-Produktion erreicht laut Uno-Drogenbericht ihren historischen Höchstwert. Auch Stuttgart scheint im Trend zu sein, sagen die Polizei und die Drogenreste im Abwasser der Landeshauptstadt.

Stuttgart - 1976 tausend Tonnen Kokain sind laut dem aktuellen UN-Drogenbericht 2017 weltweit hergestellt worden – so viel wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Der Anstieg entspreche 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Stuttgart zeichnet sich ein ganz ähnliches Bild ab. Kokain ist auch hier auf dem Vormarsch, sagen zumindest die Erkenntnisse der Polizei und Reste der Substanz, die im Abwasser zu finden sind.

Das Prinzip des Nachweises im Abwasser ist einfach: Die konsumierten Drogen werden auf der Toilette ausgeschieden und sammeln sich in der Kanalisation zusammen mit Abwasser, Abfall und anderen Artefakten. Diese Mengen sind winzig – vergleichbar mit der Miniatur einer Nadel in einem Heuhaufen, so groß wie ein Fußballfeld. Doch Chemiker können sie filtern und so herausfinden, wie viel Kokain, Ecstasy oder Amphetamine in einer Stadt konsumiert werden.

Peter Schilling, der stellvertretende Institutsleiter des Abwasserlabors der Stadtentwässerung Stuttgart, beobachtet einen Anstieg von Kokain im Stuttgarter Abwasser. „2017 hat die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht das Stuttgarter Abwasser auf Rückstände untersucht. Wir haben wochenlang Proben gesammelt, die tiefgefroren nach Norwegen geschickt wurden“, sagt Schilling. Untersucht wurden insgesamt 60 europäische Städte, die Proben aus ihren Kläranlagen eingesendet hatten.

Stuttgart im europaweiten Vergleich auf Platz 30

Wichtig war, ob das Abwasser unverdünnt, also ohne Beigabe von Regenwasser im Klärwerk ankommt, wo sich das Klärwerk befindet und wie viele Bewohner sich unter der Woche und am Wochenende in der Stadt aufhalten. „Da sehr viele Arbeitspendler Stuttgart am Wochenende verlassen, musste das auch in die Analyse einfließen“, sagt Schilling: „Stuttgart hat Samstags und Sonntags keine 600 000 Einwohner.“ Trotz Touristen und Ausflüglern aus dem Umland. So konnten die Forscher analysieren, wie viele illegale Drogen auf den Wochentag genau konsumiert beziehungsweise wieder ausgeschieden wurden.

2017 lag Stuttgart bei den Rückständen von Kokain im europaweiten Vergleich auf Platz 30 – mit 216,5 Milligramm auf tausend Einwohner. „Stuttgart hat sogar München überholt, was mich gewundert hat“, sagt Schilling. Vergleichsweise beliebter waren in Stuttgart aber Amphetamine: Die Landeshauptstadt lag 2017 europaweit mit 69,9 Milligramm auf Platz 16.

Das Stuttgarter Abwasser wurde 2018 nicht untersucht. „Letztes Jahr wurden nur fünf deutsche Städte ausgewählt. Vermutlich wurden die Zuschüsse gekürzt“, mutmaßt Schilling.

Auf einen Anstieg des Konsums auch innerhalb nur eines Jahres deutet jedoch der Vergleich der Abwasseranalysen der übrigen europäischen Städte hin, die zum wiederholten Mal getestet wurden. In 22 von 38 Städten war die Konzentration von Kokainrückständen im Abwasser demnach gestiegen.

Polizei beobachtet mehr Drogendelikte um Kokain

Das kann die Stuttgarter Polizei bestätigen: So ist die Zahl der registrierten Delikte im Zusammenhang mit Kokain in Stuttgart von 282 im Jahr 2017 auf 455 im Jahr 2018 gestiegen. „Für dieses Jahr erwarten wir erneut einen Anstieg, da zeichnet sich eine klare Tendenz ab“, sagt Tobias Tomaszewski, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart. Die Menge der beschlagnahmten Drogen habe sich im selben Zeitraum von 1,6 Kilo sogar auf 6,8 Kilo erhöht, also mehr als vervierfacht. „Dafür sind aber wahrscheinlich wenige große Funde verantwortlich“, sagt der Sprecher.

Dabei würden die Ermittlungen im Drogenmilieu nicht leichter, heißt es aus dem Polizeipräsidium. Der offene Drogenhandel auf der Straße oder an bekannten Szenetreffs habe sich in Whatsapp-Gruppen verlagert.

Passend zum Befund in Stuttgart, sind auch die Anbauflächen des Kokains in Kolumbien laut der Studie 2017 um 7 Prozent gewachsen. Die Hauptabsatzmärkte für die Droge seien Nordamerika und Europa. Für einen Anstieg des Kokain-Konsums in Stuttgart spricht außerdem, dass der Straßenverkaufswert stabil geblieben ist und die Nutzung digitaler Technologien, wie dem Darknet und Verschlüsselungstechniken, auf dem Vormarsch sind.

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