Gökay Sofuoglu sagt, dass jede Ausschreitung auf Demos wegen der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien allen Türken und Kurden in Deutschland schaden. (Archivbild) Foto: dpa/Gregor Fischer

Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, blickt besorgt auf den Konflikt, der aus der Türkei auf seine Community überschwappt. Im Interview rät er allen Beteiligten zur Mäßigung – und hält den Kern des Konflikts von vielen Deutschen für missverstanden.

Stuttgart - Am Samstag wäre Stuttgart fast Schauplatz von Demonstrationen geworden, die politisch aufgeladener kaum hätten sein können: Erstmals seit der Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien vor wenigen Wochen hätte es beinahe auf ein Aufeinandertreffen von Befürwortern und Gegnern dieser kommen können – wenn die Befürworter die Demo nicht kurzfristig abgesagt hätten. Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) und der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg (TGBW) sieht die türkische Community in Deutschland auseinanderdriften und Jahrzehnte der Integrationsarbeit bedroht.

Herr Sofuoglu, ist ein friedliches Miteinander zwischen Türken und Kurden in Deutschland überhaupt noch denkbar?

Die Ethnisierung des Konfliktes greift aus meiner Sicht zu kurz. Ohne mich in die aktuelle Politik in Nordsyrien einmischen zu wollen, möchte ich das vorneweg doch betonen. Und es geht mir hier nicht darum, Erdogans Politik zu legitimieren. Meine Haltung dazu haben wir, so glaube ich doch, schon oft sehr deutlich gemacht. Die Situation in der Türkei und Nordsyrien ist aber komplexer als sie hierzulande wahrgenommen wird. Zu dieser Vielschichtigkeit gehört: Erdogan hat ja durchaus auch kurdische Anhänger. Aber zurück zur Situation bei uns: Die hier lebenden Türken und Kurden tun sich keinen Gefallen damit, wie sie in Teilen rund um den Konflikt auftreten!

Inwiefern?

Das fängt bei der hasserfüllten Sprache im Netz an, wofür niemand Verständnis aufbringen kann, und das geht mit Ausschreitungen bei Kundgebungen weiter. Die Meinungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit sind hohe Güter, die nicht missbraucht werden dürfen. Deshalb müssen wir appellieren, dass die Provokateure marginalisiert werden und die Veranstalter der Kundgebungen dafür sorgen, dass sie von den Demonstrationen ausgeschlossen werden.

Einige Menschen hier finden, dass solche Konflikte in Deutschland überhaupt nicht ausgetragen werden sollten.

Wir alle wissen: Es gibt in einer globalisierten Welt keine lokalen Probleme mehr. Das ist Fakt. Sonst würde sich ja unsere Bundesregierung auch nicht so intensiv damit beschäftigen. Ich glaube, die Leute, die so was sagen, haben auch etwas dagegen, dass die Fridays-for-Future-Demos in Deutschland ausgetragen werden, oder motzen gegen die Traktoren, mit denen unzufriedene Landwirte durch unsere Stadt fahren.

Die Stimmung auf den Demos um Nordsyrien ist aber trotzdem etwas aggressiver als die Stimmung auf den Schülerdemos ...

.... und genau da, bei den Klimaprotesten, würde ich auch lieber mehr junge Türken und Kurden sehen.

Interessiert die das nicht?

Das würde ich nicht sagen. Aber die Demos in Zusammenhang mit der Militäroffensive richten sich auch gegen die Bundesregierung und die Machthaber in Europa. Die Gegner der Militäroffensive sagen, Europa hätte die Kurden alleingelassen, die Befürworter sagen, Europa lässt die Türkei allein. Das führt im Ergebnis bei vielen jungen Menschen in der Community zu Frust. So erkläre zumindest ich mir das verhältnismäßig geringe Interesse einiger junger Türken an anderen Themen.

Warum schießen sie sich so auf dieses eine Thema ein?

Das hat unterschiedliche Gründe. Als die ersten Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen, schrieben sie eine gemeinsame Geschichte. In den 80er Jahren gab es mehr Zusammenhalt, da gehörten die allermeisten einfach zur Arbeiterklasse. Dass es den alten Zusammenhalt nicht mehr so gibt, spüren wir auch bei uns im Verband. Man kommt bei Konflikten wie diesen leider nicht mehr zusammen, um Lösungen zu finden.

Die da wären?

Nach einem gemeinsamen Nenner in Deutschland zu suchen, uns nicht auf das zu konzentrieren, was uns teilt, sondern auf das, was uns eint. Wie wir hier gemeinsam unsere Zukunft gestalten wollen. Und dass wir durch den Konflikt in der Türkei unseren Blick davon abwenden, was unsere Zukunft in Deutschland viel stärker bedroht.

Von was?

Ich halte Rassismus für die größte Gefahr in diesem Land. Das hat jetzt erst wieder Halle gezeigt, als ein junger Mann aufgrund rassistischer Motive zwei Menschen erschoss und nur Sicherheitstüren ein noch schlimmeres Massaker verhinderten.

Der Täter aus Halle handelte vor allem aus antisemitischen Gründen.

Und als er nicht in die Synagoge reinkam, ist er halt zum Dönerladen gegangen. Die machen da keinen Unterschied.

Solchen Menschen ist es vermutlich herzlich egal, ob Demos wie die am Samstag friedlich verlaufen oder nicht.

Das mag stimmen. Trotzdem stehen Jahrzehnte der Integrationsarbeit auf dem Spiel und ich wünsche mir, dass das nicht umsonst war. Wir dürfen keine Bilder produzieren, die das wieder einreißen.

Das Gespräch führte Sascha Maier.

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