Possierlich aber gefährlich: die Rötelmaus. Foto: Lehtikuva_Oy

Rötelmäuse können das Hantavirus übertragen. Das Gesundheitsamt rät daher im Extremfall zum Kammerjäger. Für eine Frau aus Stuttgart-Dachswald kommt das nicht in Frage. Sie hat eine andere Methode.

Dachswald - Heide Sauer wohnt in einem Terrassenhaus im Dachswald. Sie ist eine Tierliebhaberin und hatte Jahre lang Rassekatzen. Doch bei der Rötelmaus hört ihre Freundschaft auf. Die möchte sie nun doch nicht auf ihrer Terrasse oder gar in der Wohnung haben. Denn die kleinen Nager können das Hantavirusübertragen. Dieses verursacht bei Menschen eine grippeähnliche Krankheit. Blutdruckabfall und Nierenfunktionsstörungen bis hin zum Nierenversagen können die Folge sein.

„Also bin ich aktiv geworden“, erzählt die alte Dame. Im Fachgeschäft besorgte sie sich Mäusefallen – allerdings solche, bei denen die Tiere nur gefangen und nicht getötet werden. Die Nager, die in die Falle gingen, wurden von Sauer in den Wald gebracht und dort ausgesetzt.

Vorsichtsmaßnahmen müssen eingehalten werden

Doch die Tiere nehmen überhand. „Die sind ja wirklich intelligent und köstlich zum Angucken“, sagt Sauer. Aber eben doch gefährlich. Also hat die Frau aus dem Dachswald bei der Stadt angerufen. In der Hoffnung, von dort Unterstützung zu bekommen. „Irgendjemand muss doch Bescheid wissen und einem helfen“, sagt sie. Sie versuchte es beim Amt für Umweltschutz, bei der Ungeziefermeldestelle, beim Tierschutz und beim Gesundheitsamt. Doch eine zufriedenstellende Auskunft habe sie nicht bekommen, sagt die Seniorin. Eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamts habe ihr geraten, beim Betreten der Terrasse einen Mundschutz zu tragen. Ein Vertreter des Umweltamts teilte ihr mit, sie müsse die Tiere mindestens 500 Meter weit wegfahren.

„Ich bin jetzt am Ende meines Lateins“, sagt Sauer. Einerseits wolle sie die Tiere nicht töten, andererseits wolle sie doch gerade jetzt im Sommer auch mal die Terrassentür offenlassen, ohne befürchten zu müssen, dass hinterher Mäuse in ihrer Wohnung sind. Gut ein Dutzend Mäuse hat die Seniorin mittlerweile gefangen und in den Wald gebracht. Unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen – wie sie betont. So trage sie zum Beispiel immer dicke Gartenhandschuhe.

Die Zahl der Erkrankungen hat zugenommen

Dazu rät auch das Gesundheitsministerium Baden-Württemberg. Kürzlich informierte es darüber, dass im Südwesten aktuell die Infektionen mit dem Hantavirus rasant zunehmen. Seit Jahresbeginn wurden dem Landesgesundheitsamt 464 Erkrankungen gemeldet. Im Vorjahreszeitraum waren es 22 Fälle. Baden-Württemberg gehört zu den Hauptverbreitungsgebieten in Deutschland. Bundesweit gab es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bis Ende Mai 672 gemeldete Hantavirus-Erkrankungen. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 64.

Der Grund für die vielen Fälle ist laut Ministerium ein starkes Vorkommen von Bucheckern im vorigen Jahr. Sie sind die Hauptnahrungsquelle der Rötelmaus, deren Population durch die gute Futterlage stark stieg. Gebiete mit hohem Buchenwaldanteil sind am stärksten betroffen. Die höchsten Neuerkrankungsraten werden in den Kreisen Reutlingen, Böblingen, Göppingen, Tübingen und Heidenheim beobachtet. Erkrankt waren zuletzt Menschen im Alter von vier bis 85 Jahren. Bei mehr als der Hälfte der gemeldeten Fälle war sogar eine Behandlung im Krankenhaus notwendig.

Im Zweifel hilft nur der Kammerjäger

Auf Nachfrage unserer Zeitung, was zu tun ist, wenn man Rötelmäuse auf seinem Grundstück entdeckt, antwortet die Pressestelle des baden-württembergischen Gesundheitsamts: „Kommt es zu einem vermehrten Auftreten von Rötelmäusen im Garten, ist vor allem zu beachten, dass die Mäuse nicht in Schuppen und Häuser gelangen. Mögliche Eintrittsstellen sollten ausfindig gemacht und abgedichtet werden“; darüber kann Sauer nur lachen. „Die Tiere sind intelligent und wendig. Die gehen an der Hauswand hoch“, sagt sie.

Weiter rät das Gesundheitsamt, dass Unterschlupf- und Nistmöglichkeiten für Nager entfernt werden müssen. Und dass Tierfutter über Nacht nicht offen stehen gelassen werden sollte, um die Mäuse nicht zusätzlich anzulocken. Das macht Heide Sauer auch nicht. Sie hat inzwischen sogar schon die Vogeltränke entfernt. „Für die Vögel tut mir das leid. Sie suchen jetzt ihr Wasser“, sagt die Seniorin. Und weiter schreibt das Gesundheitsamt, dass, wer tote Mäuse entsorgt, nach Möglichkeit Gummihandschuhe und bei Staubentwicklung auch einen Mund-Nasen-Schutz tragen sollte. Bei einem massiven Mäusebefall helfe nur ein Schädlingsbekämpfer.

Als Betroffene könne sie über diese Hinweise nur lachen. „Die haben doch keine Ahnung von der Praxis“, sagt Sauer. Die Tiere töten lassen, dass wolle sie auf keinen Fall. Doch die kleinen Nager immer in den Wald zu fahren, das werde ihr langsam auch zu dumm und zu teuer. „Das sind ja mittlerweile Luxusmäuse“, sagt Heide Sauer und lacht. Immerhin: Ihren Humor hat sie noch nicht verloren.

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