Nur wenige Bewohner von Sant’Anna haben damals überlebt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Babys, Frauen, Alte: Im Zweiten Weltkrieg ermordeten SS-Männer in der italienischen Toskana rund 560 Menschen. Bis heute trägt Stuttgart eine Mitschuld. Daran erinnerten junge Deutsche und Italiener im Hotel Silber.

Stuttgart - Bevor Daniel Scheu im August dieses Jahres elf Tage in der Toskana verbracht hat, hatte er „von dem Ganzen noch nie etwas gehört“. Im Nachhinein sei es eine unbeschreibliche Erfahrung gewesen, sagt er. Und vor allem habe er und die anderen 15 Jugendlichen gelernt, „dass es wirklich so war – und nicht alles aus Geschichtsbüchern erfahren.“ Der 27-jährige Stuttgarter spricht von dem Massaker in Sant’Anna di Stazzema; einem Bergdorf in der Toskana.

Dort wurden von den Nationalsozialisten am 12. August 1944 rund 560 Menschen getötet, darunter auch Babys, Frauen, Alte. Der Großteil der Menschen wurde auf dem Kirchplatz erschossen, der Leichenberg danach angezündet. Außerdem stürmten die SS-Männer die Häuser. Nur wenige Bewohner von Sant’Anna überlebten das Massaker; sie hatten sich unter Treppen oder in Ställen so versteckt, dass die Soldaten sie nicht fanden.

Junge Menschen besuchen Ort des Massakers

Diejenigen, die überlebten und auch heute noch am Leben sind, haben Daniel Scheu sowie 15 weitere junge Menschen aus Deutschland und Italien im August getroffen. Die Naturfreundejugend Württemberg veranstaltet seit 2017 jedes Jahr ein Friedenscamp an jenem Ort, an dem der Massenmord geschehen ist. Ziel des Camps ist es, dass die Deutschen und die Italiener von den Ausmaßen des Nationalsozialismus erfahren und die Erinnerung weitertragen. Bei Daniel Scheu hat dies hervorragend funktioniert. Nachdem er aus Italien zurückkam, hat er mit vielen Bekannten über das Erlebte und Gehörte gesprochen. „Wir können heute nicht mehr rückgängig machen, was damals passiert ist. Aber wir können daran erinnern“, betont er. „Und wir können immer wieder hervorheben, was für ein Privileg Europa ist.“ Über ihre Erlebnisse haben die jungen Menschen am Samstag im Lern- und Gedenkort Hotel Silber gesprochen.

Stuttgarter Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen ein

Dass es das Friedenscamp gibt, hat auch einen mahnenden Charakter. Denn außerhalb von Sant’Anna hatte sich lange niemand für das Massaker interessiert, es herrschte ein kollektives Schweigen. Erst 2005 verurteilte ein italienisches Gericht zehn deutsche Soldaten zu lebenslanger Haft. In Deutschland wurden diese Urteile aber nicht vollstreckt. 2012 stellte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen 14 Täter ein, die im Südwesten lebten. Niemandem könne eine individuelle Schuld nachgewiesen werden, hieß es. Behörden in Hamburg und Karlsruhe entschieden zwar anders – ein Prozess fand dennoch nicht statt, weil der letzte lebende Täter nicht mehr verhandlungsfähig war. „Umso mehr sollten wir heute Kraft und Energie in den Friedensprozess stecken“, mahnt Daniel Scheu.

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