Bürger füllten die Michaelskirche bis auf den letzten Platz bei der Gründung des Freundeskreises für Flüchtlinge. Foto: Cedric Rehman

Hunderte haben sich im Bezirksrathaus eingefunden, um einen Freundeskreis für Flüchtlinge zu gründen. Die Menge an hilfsbereiten Bürgern musste in die Michaelskirche umziehen, weil die Räumlichkeiten im Bezirksrathaus zu klein waren.

Degerloch - Damit habe sie nicht gerechnet, sagt die Bezirkschefin Brigitte Kunath-Scheffold, während vor ihren Augen der Sitzungssaal im Bezirksrathaus aus allen Nähten platzt. Die Menschen schieben sich durch die Gänge, stehen auf der Treppe zum ersten Stock. Brigitte Kunath-Scheffold verweist auf die Lautsprecher außerhalb des Sitzungssaals, mit deren Hilfe sie sich an all jene wenden will, die es nicht in den Saal geschafft haben. Dann flüstert ihr jemand etwas zu. Die Menschen, die ihrer Einladung gefolgt sind, einen Degerlocher Freundeskreis für Flüchtlinge zu gründen, stünden bereits auf der Straße, verkündet sie.

Kunath-Scheffold schaut sich nach Pfarrer Albrecht Conrad um. Gemeinsam beschließen sie, die Veranstaltung in die Michaelskirche zu verlegen. Auch die Kirche füllt sich bis auf den letzten Platz. Die Bezirksvorsteherin schätzt nach der Veranstaltung, dass 500 Menschen gekommen sind. Pfarrer Conrad wendet sich beeindruckt an die vielen Hilfsbereiten. „Ist denn schon Weihnachten?“, ruft er den Menschen zu.

Bezirkschefin präsentiert Sprecher

Die Bezirkschefin tritt ans Mikrofon und präsentiert das Sprecherteam, das sie zusammengebracht hat, damit es beim neuen Freundeskreis die Fäden zusammenhält. Neben Brigitte Kunath-Scheffold, ist die ehemalige Leiterin der Filderschule, Helgard Woltereck, Pfarrer Andreas Maurer, Bernhard Bayer vom Hospiz Sankt Martin, der Unternehmensberater Hans-Martin Ehmann sowie Hans-Joachim Strüder vom Vorstand des Rotary-Clubs Stuttgart an vorderster Stelle mit dabei.

Bevor sie der künftigen Kerntruppe des Freundeskreises das Wort überlässt, wendet sich Brigitte Kunath-Scheffold noch mal mit einem Katalog an Fragen an das Publikum in der Michaelskirche. Diese solle jeder für sich beantworten, der sich für Flüchtlinge engagieren möchte, rät die Bezirkschefin. Was ist die Motivation für das geplante Ehrenamt? Wie lange und wie regelmäßig möchte sich der Einzelne einbringen? Welche Interessen und Kenntnisse bringt der Ehrenamtler mit? Wo liegen körperliche und psychische Grenzen? Besteht Offenheit für andere Kulturen? Gerade die letzten beiden Fragen machen deutlich, dass die freiwillige Arbeit in einem Freundeskreis für Flüchtlinge die Ehrenamtler fordern wird.

Gut gemeinter Rat aus Möhringen

Die Repräsentanten des Führungsteams machen aber deutlich, dass sie sich der Herausforderung stellen wollen. Als Gast berichtet der Möhringer Bezirkschef Jürgen Lohmann davon, wie der Nachbarbezirk die Aufnahme von Hunderten Flüchtlingen bewältigt. Einen Rat gibt er den Degerlochern mit auf den Weg. Aufrufe an die Bevölkerung zu Sachspenden sollten sie vorsichtig dosieren. „Sonst werden sie erschlagen“, sagt er. Bernhard Beyer bietet das Hospiz Sankt Martin mit seinen Erfahrungen in der Trauerarbeit den Ehrenamtlern als Ratgeber an. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Flüchtlinge alle Abschied genommen haben“, sagt Beyer.

Im Anschluss an die Vorstellungsrunde, bittet die Bezirkschefin wieder ins Rathaus. An Tischen liegen Listen für Gruppen aus, die sich etwa mit Frauenarbeit oder Sprachförderung beschäftigen wollen. Die Bürger sollen sich in diese eintragen. Mit den ersten Flüchtlingen im Bezirk rechnet die Bezirkschefin im Frühjahr. Christiane Munz möchte sich gern in der Willkommensgruppe engagieren. Sie will die Flüchtlinge empfangen. Munz zeigt sich nicht erstaunt, dass sich so viele Menschen im Bezirk für Flüchtlinge engagieren wollen., „Wir sind Degerloch“, sagt sie.

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