Das Exoskelett hilft bei Arbeiten über Kopf: Es unterstützt die Muskeln.   Foto: Fraunhofer-Institut

Das Future Work Lab am Fraunhofer-Institut in Stuttgart soll die Arbeitswelt der Zukunft erlebbar machen. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka hat das Innovationslabor eröffnet.

Stuttgart - Als die Bundesforschungsministerin den Roboter bedienen darf, fangen ihre Augen an zu leuchten. „Das ist ja ganz intuitiv“, sagt Johanna Wanka (CDU), „das nimmt den Menschen die Ängste – hier muss man nicht programmieren können.“ Sie macht kein Hehl daraus, dass dies für sie ein zentraler Aspekt des Future Work Lab am Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart ist. Wanka hat das Innovationslabor für Arbeit, Mensch und Technik an diesem Donnerstag mit eröffnet.

Der digitale Wandel müsse in die Breite getragen werden, sagt Wanka. Der englische Name des Labs ist ihr jedoch ein kleiner Dorn im Auge. Bildung und Wissenschaft müssten deutlich mehr dafür tun, dass die Bürger sie verstehen. „Wir tun immer so, als wüssten alle, was Big Dataist“, sagt sie in ihrer Eröffnungsrede als Beispiel. Dabei habe eine Umfrage kürzlich ergeben, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung das eben nicht wisse, „und die Leute haben Angst davor“. Die Angst vor dem digitalen Wandel wollen die Initiatoren des Future Work Lab den Menschen nehmen – und ihnen zugleich zeigen, was überhaupt möglich ist.

„Wir sind gut für die Digitalisierungswelle gewappnet“, sagt Wanka und verweist darauf, dass US-amerikanische Szenarien als Blaupause für Deutschland nicht geeignet seien: „Wenn bei uns ein Arbeitsplatz wegfällt, wird der Mensch umgeschult.“ Hierzulande gingen mit der Automatisierung keine Arbeitsplätze verloren. Es würden wahrscheinlich sogar welche hinzukommen, sagt Wanka: „Wir haben hier eine Sonderrolle.“

„In Baden-Württemberg ist man schnell, was neue Entwicklungen angeht“

Wenn der technische Fortschritt mit der sozialen Entwicklung gekoppelt sei, gebe das den Menschen Sicherheit. „Wir können viel darüber reden, wie sich die Digitalisierung etwa auf die Gesundheit auswirkt“, so die Ministerin. „Aber was wir brauchen, ist Forschung dazu.“ Deshalb unterstütze die Bundesregierung das Lab mit dem Ziel, den Mittelstand für Veränderungen zu gewinnen. Wanka räumt ein: Die vielen kleinen Unternehmen seien einerseits Deutschlands Stärke, „aber sie machen die Verbreitung von Neuem manchmal schwierig“.

Von dem Innovationslabor erwartet sie deshalb, dass es viele Projekte zusammen mit Unternehmen umsetzt und dass die Forschung einen Paradigmenwechsel vollziehe von „man könnte machen“ zu „wir machen“. Fast schon zwangsläufig müsse das Lab in Stuttgart angesiedelt sein, ergänzt sie: „In Baden-Württemberg ist man schnell, was neue Entwicklungen angeht. Ich spüre hier große Aufgeschlossenheit.“

Dem pflichtet der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hoffmann bei. Immer wieder höre er beeindruckte Besucher aus anderen Bundesländern – „vor allem aus Berlin und Umland“ – sagen, dass es im Südwesten „in jedem Dorf ein Fabrikle und eine Turnhalle“ gebe. Irgendwie hänge das zusammen: „Das Herz der Maschinenbaubranche schlägt nun mal hier im Südwesten.“

Automatisierung als Chance

Hoffmann tritt dem Klischee entgegen, dass sich Gewerkschaften bisweilen schwer täten mit dem Fortschritt: „Wir sind in der ersten industriellen Revolution entstanden, haben die zweite und dritte mitgestaltet und werden nun auch die vierte nicht nur dulden, sondern aktiv mit ausgestalten.“ Deshalb unterstütze seine Gewerkschaft aktiv das Lab. Hier sehe man die Industrie 4.0 nicht nur technikzentriert, sondern konzentriere sich auch auf die Veränderungen der Arbeitswelt: „Das Lab stellt den Menschen in den Mittelpunkt.“

Digitalisierung ist aus seiner Sicht nicht nur ein Synonym für die Steigerung der Produktivität, „sondern auch eine Chance für selbstbestimmtes Arbeiten“. Zudem seien manche sehr schwere, gesundheitsgefährdende Tätigkeiten „nicht human gestaltbar“, sodass die Automatisierung hier tatsächlich einen Weg zur guten Arbeit der Zukunft weise.

Davon ist Stefan Wolf ohnehin überzeugt: „Hier kann man Digitalisierung betriebsindividuell ausprobieren“, schwärmt der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Südwestmetall. Das Reden darüber, wie viele Arbeitsplätze durch Automatisierung verloren gingen, sei „Effekthascherei“.

Roboter erleichtern die Arbeit

Wie die Digitalisierung die Arbeit erleichtern kann, sehen die Ministerin und die Sozialpartner anschließend beim Rundgang an einigen Exponaten des Innovationslabors: So hilft ein Roboterarm dabei, schwere Lasten zu heben – Mensch und Roboterarbeiten direkt zusammen. Die Trennung der Arbeitsbereiche, wie sie bisher meist üblich ist, muss dabei aufgehoben werden. Damit das für den Menschen nicht gefährlich ist, wird der Arbeitsbereich von oben überwacht: Ist ein Arbeiter in Reichweite der Maschine, stoppt diese.

Wie gut die Technik Menschen bei der Arbeit schützen kann, zeigen zwei weitere Stationen: Bei der „optimierten Ergonomie“ trägt ein Arbeiter Sensoren an verschiedenen Bändern um den Körper, etwa um Arme und Schultern. Seine Bewegungen werden in Echtzeit auf einen Monitor übertragen. An ihm kann man sehen, welche Bewegungen ungesund sind: Hebt der Arbeiter seine Arme über den Kopf, werden die Schultern auf dem Monitor rot. Das System sei nicht für den dauerhaften Einsatz gedacht, ergänzt Thomas Bauernhansel, Institutsleiter des Fraunhofer-IPA, sondern für Schulung und Analyse.

„Das funktioniert wie ein Elektrofahrrad“

Wer dauerhaft über dem Kopf arbeiten muss, profitiert von einem Exoskelett, einer Art Bewegungsapparat, der auf den Körper geschnallt wird und Bewegungen mithilfe kleiner Motoren unterstützt. „Das funktioniert wie ein Elektrofahrrad“, erklärt Bauernhansel. Die Motoren unterstützen die Bewegung, die der Arbeiter initiiert, aber sie nehmen sie ihm nicht ganz ab: „So werden keine Muskeln abgebaut.“

Derzeit experimentiere man mit einem Bushersteller, dessen Monteure viel über Kopf arbeiten müssen; auch der Flughafenbetreiber Fraport sei interessiert. Auf dem Vorfeld der Flughäfen werden Gepäckstücke noch immer händisch umgeladen. Das Ganze funktioniert intuitiv. „Toll, er kann sich voll auf seine Arbeit konzen­trieren“, kommentiert Ministerin Wanka.

Die letzte Station des Rundgangs kommt ihrem Arbeitsalltag freilich näher: ein Schreibtisch, bestehend aus einem riesigen Touchdisplay. Statt auf dem Bildschirm könne man auf dem „extended Workdesk“ arbeiten wie mit Papier auf dem Schreibtisch, erklärt ein Fraunhofer-Mitarbeiter das System. Und in der Tat: Selbst eine riesige Excel-Tabelle lässt sich komfortabel in voller Länge betrachten. Wanka zieht einige Dokumente hin und her. „Das könnte der Weg zum papierlosen Büro sein“, sagt sie nachdenklich. „Bestellen!“, raunt ihr ein Mitarbeiter zu. Dank Fraunhofer wird womöglich die Bundesregierung eines Tages papierlos arbeiten.

Der Wandel in der Arbeitswelt

Labor: „Arbeit verändert sich“, sagt Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer-IAO. „Sie wird schneller, dynamischer und flexibler.“ So ergeben sich neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion, die im Innovationslabor mit Demonstratoren vermittelt werden. „Der anstehende Wandel wird so erlebbar.“

Beteiligte: Neben den Fraunhofer-Instituten für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) sowie für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) sind auch das Institut für Arbeitswissenschaft der Uni Stuttgart sowie das Institut für industrielle Fertigung im Boot. Das Zentrum wird vom Bildungsministerium gefördert.

Ideenzentrum: Neben den Demonstratoren bietet das Zentrum unter dem Motto „Fit für die Arbeit der Zukunft“ Seminare und Workshops an für Mitarbeiter produzierender Unternehmen. Zudem gibt es ein Ideenzentrum für Arbeitsforschung als Plattform für weitere Forschung rund um die Arbeit der Zukunft.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: