Vorbei an klaren Seen führt der Weg durch ein eiszeitliches Gletschertal zur Berghütte von Bessiers. Foto: Eichmüller

Eine Trekking-Tour zu verschwundenen Dörfern in den französischen Pyrenäen ist für Wanderer wie ein Streifzug durch die Geschichte.

Toulouse - Unterhalb der mittelalterlichen Festung von Tarascon sur Ariège paddeln im Wildwasser Kanuten vorbei. Oben, im Schatten des Turms, macht es plopp. Alice hat eine Flasche Sambuc geöffnet und schenkt den heimischen Holunderwein aus. „Alice, wie die aus dem Wunderland“, stellt sich die sportliche Endzwanzigerin vor, die aus Salzburg stammt und seit fast fünf Jahren in Frankreich lebt. Sieben Tage wird sie eine Wandergruppe durch die Berge der französischen Pyrenäen und zu vergessenen Dörfern führen. Vier Frauen und sechs Männer im Alter von 40 bis 78 Jahren heben die Gläser, prosten sich zu. Alle sind wandererprobt. Alle sind neugierig auf eine Region, die im äußersten Südwesten Frankreichs und wenige Kilometer nördlich von Andorra ziemlich im Abseits liegt. Auf Initiative des französischen Forstdienstes wurden manche Forsthütten und Häuser der vor über 100 Jahren aufgegebenen Dörfer als Unterkünfte renoviert. So tragen die Touristen dazu bei, ein kulturelles Erbe zu bewahren.

„Wir werden jeden Tag eine andere Landschaft erleben“, verspricht Alice. „Und wir werden jeden Abend einen anderen Aperitif aus der Region Ariège trinken.“ Berauschen aber werden sich die Wanderer an einer Gebirgslandschaft mit reicher Geschichte, die hier seit der Jungsteinzeit, der Antike und dem Mittelalter Spuren hinterlassen hat. Bodenschätze brachten einst Wohlstand in die stillen Bergtäler, sie brachten aber auch einen Raubbau an der Natur und soziale Unruhen. Hinauf auf den Berg des Eisens brauchen die Wanderer keine eiserne Kondition. Nahe Auzat führen aus dem Tal von Vicdessos schattige Waldwege in Serpentinen bergauf zum Dorf Sem. Hier stapften einst Bergleute und trampelten schwer beladene Lasttiere. Sem liegt auf einem Berg aus Eisen, der seit der Antike ausgebeutet wurde. Mit Meißeln wurde das Erzmineral Hämatit aus den Mines des Rancie gekratzt, dem reichsten Eisenvorkommen der Pyrenäen. Sem wurde im Hundertjährigen Krieg (1337-1453) zur blühenden Gemeinde. Das Eisen war begehrt, die harte Arbeit auch. Hatte doch der Graf von Foix verfügt, dass ein gerechter Teil des Ertrags den Bergarbeitern zustand. Arbeiten aber durften nur Menschen aus Sem.

1827 verfügt König Karl X. eine Neuregelung der Waldnutzung

Oder Männer, die Frauen aus Sem geheiratet hatten. „Das machte unsere Frauen besonders begehrt“, berichtet Patrick Berlureau, der Bürgermeister von Sem, und schmunzelt hinter seinem eisgrauen Bart. Als 1929 bei einem Erdrutsch drei Bergarbeiter sterben und die Minen geschlossen werden, kehrt die Armut zurück. 1962 zählt Sem noch sechs Einwohner. „Inzwischen sind es wieder 25“, sagt der Bürgermeister. Am Morgen danach werden die ersten Blasen verpflastert. Der Blick in den wolkenlosen Himmel versöhnt. Steil führt der Weg auf Bergwiesen nach oben. Zwischen Erika, Thymian und Blaubeeren geht der Puls mächtig hoch. Gelassen bleiben nur die weidenden Gascogne-Rinder, die zu den Wanderern herüberglotzen. Unten im Tal ist Goulier zu erkennen, auch so ein verlorenes Dorf, das den Anschluss an die Moderne sucht. Ob der kleine gemeindeeigene Skilift, der sich in den Hang krallt, das Problem lösen kann? Oberhalb der Zufahrtsstraße zum Lift hat die Forstbehörde Office National de Forêt einen lawinengefährdeten Hang aufgeforstet, berichtet Förster Philippe, der die Gruppe begleitet. Viel interessanter aber sind die Geschichte und Geschichten der Wälder ringsum, die er erzählt. Durch den Bergbau waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts alle Berge der Ariège abgeholzt. Die Bäume hatten Balken für die Stollen geliefert und Holzkohle für die Eisenverhüttung. „Alles hier war kahl“, erzählt Philippe.

1827 verfügt König Karl X. eine Neuregelung der Waldnutzung. Für die Wiederaufforstung werden Bauern enteignet, Hirten verlieren ihre Weiderechte. 1830 kommt es zu einer Revolte, die in den französischen Geschichtsbüchern „La Guerre des Demoiselles“ heißt. Der „Krieg der Fräulein“ wird von Aufständischen geführt, die mit Perücken maskiert und in Schaffelle gehüllt sind. Sie brennen Forsthütten nieder, verprügeln Beamte und reißen nachts die tagsüber gepflanzten Baumsetzlinge aus. Inzwischen wachsen wieder Bäume, so weit das Auge reicht. Immer wieder stoßen die Wanderer auf weiß-rote Wegmarkierungen. Sie gehören zum GR 10, der als 800 Kilometer langer Fernwanderweg durch den Gebirgszug der Pyrenäen Atlantik und Mittelmeer verbindet. Die Begegnungen mit anderen Wanderern werden zu einem kurzen Plausch genutzt. Ein Paar will anlässlich des zehnten Hochzeitstags zehn Etappen auf dem GR 10 bewältigen.

Seit 10 000 Jahren hat sich hier wenig verändert

Mit Blick auf ihre schweren Lasten wird der Tagesrucksack plötzlich federleicht. Denn die Wandergruppe hat es besser. Karen, die als Logistikerin der gute Geist der Tour ist, hat die schweren Sachen mit ihrem Geländewagen bereits zur nächsten Berghütte gebracht. Wo keine Straße hinführt, übernehmen drei Mulis und ein Treiber den Transport. In Marc, das nur aus ein paar wieder hergerichteten Steinhäusern besteht, wartet Silvie, die mit 120 Bienenvölkern Honig produziert. Nach der Verkostung von sieben Sorten bleibt der Geschmack von Erika- und Rhododendron-Honig am längsten im Gedächtnis. Das Wasser läuft nicht nur im Mund zusammen. Es rinnt manchmal auch unter den Füßen. Denn viele der Wege verlaufen entlang von alten, überdeckelten Wasserleitungen, die mit einem geringen Gefälle zu einem der vielen Elektrizitätswerke führen. Der Wasser- und Energiereichtum der Region hat bis vor wenigen Jahren die Aluminiumindustrie bis weit in die Täler gelockt. Das Hochtal von Bessiers wurde während der Eiszeit von einem Gletscher geformt. Eismassen schabten in den harten Granit ein U-förmiges Tal, in dem sich seit dem Ende der Eiszeit vor 10 000 Jahren wenig verändert hat. Ein paar Orrys, aus groben Steinblöcken geschichtete Unterstände, erinnern daran, dass dem kargen Hochtal bis vor ein paar Jahrzehnten lediglich die Hirten und ihre Schafe etwas abgewinnen konnten.

Am nächsten Morgen verheißt der Blick aus dem Fenster der Berghütte von Bessiers nichts Gutes. Nebel liegt über dem Tal. Schon nach wenigen Schritten des Aufstiegs ist die Hütte nicht mehr zu sehen. Kurz vor dem Gipfel Pic de Girantes tauchen plötzlich Schafe aus dem Nebel auf. Blökend stellen sie sich in den Weg und schnuppern an den Rucksäcken. Als kurz vor dem Gipfel der Nebel aufreißt und ein grandioses Panorama über die Pyrenäengipfel freigibt, entdeckt Franziska, die Juristin aus Bayern, endlich das, wonach sie seit Tagen Ausschau hält: sechs kreisende Gänsegeier. Doch sie sind nicht der Grund, warum die Schafe die Nähe der Wanderer suchen. Gerade hat die Schäferin die Herde besucht und Salz ausgelegt. Vielleicht hoffen die Schafe auf mehr davon in den Wanderrucksäcken. Gipfelkreuze in den französischen Pyrenäen sind selten. Eine Ausnahme ist der Pic de Girantes. Die Markierung besteht aus einem Stock mit einem Plastikschild. Vergangenes Jahre hat es der 83-jährige Jean-Marie Claustre errichtet und damit an ein Erlebnis erinnert, das er hier als 14-jähriger Hütejunge hatte. Im Krieg, so schreibt er in krakeliger Schrift, habe er von hier oben deutsche Patrouillen beobachtet und Flüchtlinge gewarnt, die über die spanische Grenze wollten. Am Ortseingang von Saleix erzählt Beatrix die Geschichte ihres Dorfes. Die junge Frau aus Saarbrücken verbringt in dem kleinen Gebirgsort, aus dem ihre Großmutter stammt, regelmäßig ihren Urlaub. Sie erzählt vom großen Exodus vor ein paar Jahren.

Plötzlich gab es für die Leute hier keine Arbeit mehr. Und wie zum Beweis zeigt Bea­trix hinunter nach Auzat und zu seinem überdimensionierten Sportstadion. Genau dort stand früher ein großes Aluminiumwerk. Als 2003 in Auzat die Firma Pechiney die Tore schloss, gingen 500 Arbeitsplätze verloren. Ersatz gab es nicht. Nur einen schicken Sportplatz. Im Tal von Vicdessos endet die Wandertour zwischen Auzat und Tarascon sur Ariège in Niaux. In den Kalkfelsen über dem Tal erstreckt sich ein gewaltiges Höhlenlabyrinth, das schon von 13 000 Jahren, also während der letzten Eiszeit, die Menschen anlockte, die hier Höhlenmalereien hinterließen. 700 Meter tief im Fels liegt die sogenannte schwarze Kammer mit eindrucksvollen Bildern von Bisons, Pferden und Hirschen. Wer diese Tiere und die berühmten, fast lebensecht wirkenden Steinböcke der Vorzeit sehen will, sollte vorreservieren. Denn die Zahl der Höhlenbesucher ist limitiert. Wer übrigens einen lebenden Pyrenäensteinbock erleben will, kommt zu spät. Das letzte Exemplar dieser Unterart ist im Jahr 2000 gestorben.

Infos zu Toulouse

Anreise
Mit dem Flugzeug von verschiedenen Flughäfen in Deutschland nach Toulouse. Von dort mit dem Regionalzug TER Midi Pyrénées nach Tarascon sur Ariège und dann weiter mit dem Bus nach Auzat, dem Ausgangspunkt der Wandertour.

Sonntag Aktuell Touristikpreis
Die zehntägige Wanderreise „Retrouvance: Verschwundene Dörfer der Pyrenäen“ führt in die Herzen der Täler Auzat und Vicdessos und wurde mit dem Sonntag Aktuell Touristikpreis 2012 ausgezeichnet. Auf der Trekking-Tour mit Gepäcktransport kommen die Wanderer durch verlassene Dörfer mit aufgegebenen Minen und erleben die ursprüngliche Natur und die karge Landschaft der französischen Pyrenäen in der Nähe von Andorra. Auf Initiative des französischen Forstdienstes wurden manche Häuser und Forsthütten der vor knapp 100 Jahren weitgehend aufgegebenen Dörfern renoviert. Sie dienen als Unterkunft.

Reiseanbieter
In Frankreich veranstaltet der Forstdienst Office National de Forêt diese Trekking-Tour in leicht verkürzter Form. In Deutschland hat sie Wikinger Reisen seit Sommer 2012 im Programm. Ein freier Tag nach der Wanderung kann für einen Ausflug zu den prähistorischen Höhlenmalereien genutzt werden.

Termine
Wikinger Reisen bietet die Tour im Juli und August an. Zehn Tage inklusive Flug nach Toulouse kosten ab 1450 Euro. www.wikinger-reisen.de

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