Sollte es eine Pflicht geben, sich und seine Kinder impfen zu lassen? Foto: dpa

Die Masern sind keineswegs eine harmlose Kinderkrankheit, wie manchmal behauptet wird. Besonders gefürchtet ist die Hirnentzündung SSPE, eine immer tödliche Spätfolge der Masern. Ließen sich mehr Menschen impfen, könnte die Krankheit eliminiert werden. Unser nächstes Forum Gesundheit ist dem Thema gewidmet.

Stuttgart - Schon wieder so ein tieftrauriger Fall. Die kleine Aliana ist gerade einmal fünf Jahre alt – und wird sterben müssen. Das Mädchen aus Nordhessen leidet an der stets tödlich verlaufenden chronischen Gehirnentzündung SSPE, einer späten Komplikation nach Masern.

Auch bei Aliana kommt die heimtückische Krankheit schleichend. Mit vier nickt sie beim Essen immer wieder kurz ein, bald wird sie vergesslich und fällt häufig hin, wie die Mutter berichtet. Schließlich verlernt sie zu laufen und zu sprechen. Inzwischen ist das Mädchen schwerst pflegebedürftig.

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SSPE – das steht für subakute sklerosierende Panenzephalitis – tritt in der Regel vier bis zehn Jahre nach der Masern-Infektion auf. Aliana bekommt die Masern wahrscheinlich als Säugling mit drei Monaten. Aber die Krankheit wird bei ihr nicht erkannt, was immer wieder vorkommt.

Die Masern zählen zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten überhaupt, sie sind sogar ansteckender als Ebola. Als Kleinkind ist Aliana dem Virus, das in Deutschland – wie aktuell in Berlin – wegen zu geringer Impfquoten immer wieder massiv zuschlagen kann, schutzlos ausgeliefert. Weil die Mutter die Krankheit weder selbst durchmachte noch dagegen geimpft wurde, kann sie ihrer Tochter keinen Nestschutz mitgeben. Erst mit frühestens elf Monaten hätte Aliana selbst geimpft werden können.

„Wir wussten nicht, dass die Masern so gefährlich sein können“, sagt Alianas Mutter heute. Sie steht nicht allein. Viele Eltern unterschätzen die Kinderkrankheit, andere fürchten um die Risiken einer Impfung. Sie lassen ihren Nachwuchs deshalb nicht immunisieren, obwohl das Risiko einer Impfung weitaus geringer ist als das Risiko, nicht geschützt zu sein. Grund genug, dem Thema am 31. März eine Veranstaltung unsere Diskussionsreihe Forum Gesundheit zu widmen. Leserinnen und Leser unserer Zeitung, aber auch Mütter und Väter sowie andere Interessenten sind herzlich eingeladen (Anmeldung siehe Info unten).

Auch selbst ernannte Impfkritiker, die ihre teils abstrusen Thesen vorzugsweise im Internet verbreiten, tragen dazu bei, dass sich zu wenig Menschen piksen lassen – sie schüren Ängste. Da wird zum Beispiel behauptet, SSPE könne als Nebenwirkung der Masern-Impfung ausgelöst werden.

Vehement widerspricht dem Benedikt Weißbrich vom Institut für Virologie und Immunbiologie der Uni Würzburg. Wenn Hirngewebe von SSPE-Patienten getestet werden könne, sei durch molekularbiologische Untersuchungen des Virusgenoms eindeutig zu unterscheiden, ob das Gehirn von einem Masern-Impfstamm oder von einem Masern-Wildtypvirus befallen sei. „Nach meinem Kenntnisstand wurde bei SSPE-Patienten durch diese Untersuchungen noch nie ein Masern-Impfvirus gefunden“, sagt Weißbrich unserer Zeitung.

Dessen ungeachtet gebe es SSPE-Fälle, bei denen in der Vorgeschichte keine Masern-Erkrankung, jedoch eine Impfung bekannt ist. Dies schließe aber nicht aus, dass doch eine Infektion vor der Impfung stattgefunden hat. Gerade in den ersten Lebensmonaten, so Weißbrich, verliefen die Masern oft nicht typisch und würden deshalb nicht als solche erkannt. So wie vermutlich auch im Fall der kleinen Aliana.

Der Würzburger Wissenschaftler gehört in Deutschland zu den besten Kennern der Masern-Spätfolgeerkrankung. Er koordinierte eine 2013 veröffentlichte Studie, derzufolge das Risiko einer SSPE deutlich häufiger ist als bisher angenommen. Danach kommt es bei einem von 3300 Kindern, die im Alter unter fünf Jahren an Masern erkranken, zu der tödlichen chronischen Hirnentzündung. Früher war man von einem SSPE-Fall pro 100 000 Masern-Patienten ausgegangen, zuletzt von einem Verhältnis eins zu etwa 10 000.

Das SSPE-Risiko ist laut der Studie je höher, desto jünger die Kinder sind, wenn die Masern sie erwischen. Das höchste Risiko tragen Säuglinge im ersten Lebensjahr, die noch zu klein sind für eine Immunisierung mit dem MMR-Wirkstoff (MMR = Masern, Mumps, Röteln).

Weißbrich ermittelte im Zeitraum zwischen 2003 und 2009 insgesamt 31 Kinder, die in deutschen Kliniken wegen SSPE behandelt wurden. Bisher haben er und seine Kollegen im Würzburger Labor rund 170 Fälle untersucht.

Die Krankheit, an der Aliana sterben wird, mag die schwerste Masern-Komplikation sein; es gibt aber weitere gefährliche und potenziell tödliche Folgeerkrankungen wie die akute Enzephalitis (Hirnentzündung), Lungenentzündung und die Hirnentzündung mit dem Kürzel MIBE (Masern-Einschlusskörper-Enzephalitis), die wenige Monate nach einer Masern-Infektion auftritt. Auch dank der vor gut 40 Jahren eingeführten Impfung gegen Masern sind diese Komplikationen selten geworden. Das ist ein Grund dafür, dass viele Menschen sich in trügerischer Sicherheit wähnen – und sich und ihre Kinder nicht schützen lassen.

Weißbrich mahnt: „Gäbe es keine Masern-Impfung, würde das bedeuten, das praktisch jedes Kind eine Masern-Infektion durchmacht, also circa 680 000 Fälle jährlich in Deutschland. Es gäbe dann Dutzende von Masern-Toten pro Jahr.“

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