Nur rund die Hälfte der Eltern liest ihren Kindern regelmäßig was vor. Foto: dpa

Viele Kinder und Erwachsene tun sich mit dem Lesen schwer – das wirkt sich negativ auf die Schulleistungen aus. Bibliotheken versuchen, Kinder den Zugang zu Büchern zu erleichtern. Darum geht es bei unserem nächsten Forum Bildung am 13. November in der Stuttgarter Stadtbibliothek.

Stuttgart - „Ich suche ein Buch über Mensch, Natur und Kultur“, verrät Eduard G. Der Zehnjährige ist mit seinem Vater in der Stadtbahn unterwegs zur neuen Stadtbibliothek in Stuttgart. Aber nicht nur Sachbücher stehen auf der Wunschliste des Viertklässlers, auch Comics. Die liest er gern zwischendurch und abends vor dem Einschlafen. Am besten gefallen ihm die Hefte mit Donald Duck und Star Wars.

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Kein Problem – die Stadtbibliothek hat eine Menge zu bieten, für Kinder und Erwachsene. Bücher und Zeitungen vielen Sprachen, gedruckt oder in digitaler Form. Dazu Computerspiele, Musik und Hörspiele, Filme und freien Internetzugang. Das alles wird intensiv genutzt. Die Zahl der Ausleihen hat deutlich zugenommen. Doch die Bibliothek ist nicht nur ein Ort zum Ausleihen. „Für manche ist sie fast ein zweites Zuhause“, sagt Direktorin Christine Brunner. Die verlängerten Öffnungszeiten nach dem Umzug vom Wilhelmspalais in den Würfel auf dem Stuttgart 21-Gelände und das erweiterte Angebot kommen gut an. Die Zahl der Besucher ist auf 1,1 Millionen gestiegen. Für ihr Konzept „innovativer Lernort“ wird die Bibliothek am 24. Oktober vom Deutschen Bibliotheksverband und der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius zur Bibliothek des Jahres gekürt.

Unter den Besuchern sind viele junge Leser. Erzieherinnen kommen gern mit ihren Kindern, um mit ihnen in dem Bilderbuch-Paradies zu stöbern und neuen Lesestoff zu holen, Schulklassen lernen, wo sie Literatur für finden – in Regalen oder auch in speziellen Datenbanken. Viele, aber nicht alle Wünsche von Erziehern und Lehrern könnten erfüllt werden, sagt Brunner. Dafür bräuchte es noch mehr Mitarbeiter.

Sina und Aise sind über die vielfältigen Angebote erfreut. Die Zehntklässlerinnen aus dem Stuttgarter Norden verbringen viele Nachmittage in der nahegelegenen Bibliothek, um dort Hausaufgaben zu machen oder sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten. Oder auch einfach, um sich ungestört Büchern und Zeitschriften zu widmen.

Bilderbücher fördern sprachliche Entwicklung des Kindes

Nicht alle Jugendlichen finden Bücher so spannend. Bei der letzten Pisa-Studie 2009 gaben 41 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland an, nie zum Vergnügen zu lesen. „Das ist schade“, sagt die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney. „Sie wissen gar nicht, was sie alles verpassen.“ Sie selbst ist mit Büchern groß geworden, ihre Mutter las ihr regelmäßig vor. Sie habe Märchen geliebt, vor allem Christian Andersens „Kleine Meerjungfrau“, und die Bücher von Astrid Lindgren. Die Stadtbücherei in Berlin-Spandau war einer ihrer Lieblingsorte, und in der Grundschule gewann einen Vorlesepreis. Als Abgeordnete in Berlin las sie ab und zu auch in Schulen.

Nach Angaben der Stiftung Lesen bekommt nur die Hälfte der Kinder in Deutschland im Elternhaus vorgelesen. Viele Eltern nehmen sich nicht die Zeit, manchen fehlt auch das Bewusstsein dafür, dass sie ihrem Kind Gutes tun, wenn sie mit ihm Bilderbücher ansehen und viel mit ihm sprechen. Das gibt dem Kind Vertrauen und stärkt die Bindung zu ihm, zugleich fördert es dessen sprachliche Entwicklung. Ob das in Deutsch oder einer anderen Sprache geschieht, ist dabei zweitrangig. Wer seine Muttersprache gut beherrscht, lernt schnell Deutsch, wenn er im Kindergarten mit deutsch sprechenden Kindern und Erwachsenen zusammen ist.

Wie wichtig gutes Lesen ist, belegen zwei Studien aus den vergangenen Wochen: Bei einem Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen schnitten die 15-Jährigen aus Baden-Württemberg in Mathematik und den Naturwissenschaften nur mittelmäßig ab – ein Viertel der Schüler erreichte die von der Kultusministerkonferenz gesetzten Standards nicht.

In Stuttgart trägt die Werbung fürs Lesen Früchte

Schwierigkeiten beim Lesen wirken sich auch auf die Leistungen in anderen Fächern negativ aus, betonen Bildungsexperten. Dass die Probleme vieler Kinder nicht vom Himmel fallen, sondern vererbt werden, verdeutlicht die Pisa-Studie für Erwachsene. Auch sie ihnen haben häufig Mühe, Texte zu verstehen. Manche versuchen, ihre Schwierigkeiten vor den Kindern zu verbergen, indem sie einen großen Bogen um Bücher machen – zum Nachteil ihrer Kinder.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. Nach dem Pisa-Schock 2001 kam einiges in Bewegung. Die Stuttgarter Stadtbibliothek und ihre 17 Zweigstellen bieten heute regelmäßig Veranstaltung für Kinder an, die Bücherbusse Max und Moritz versorgen Stadtbezirke, die eigene Bücherei haben. Vor mehr als zehn Jahren wurde in Stuttgart das inzwischen preisgekrönte Projekt Leseohren aufgeklappt ins Leben gerufen: mehr als 400 Lesepaten gehen regelmäßig in Büchereien, Kindergärten und Schulen und lesen Kindern vor. Inzwischen gibt es auch Paten, die in türkischer Sprache vorlesen, vereinzelt auch auf Griechisch, Italienisch, Russisch und Kroatisch. Die Nachfrage ist größer als das Angebot, sagt Leseohren-Chefin Bettina Kaiser.

In Stuttgart trägt die Werbung fürs Lesen Früchte. 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen hätten einen Bibliotheksausweis, sagt Bibliothekschefin Brunner. Damit haben sie schon einen Schlüssel für die gewaltige Schatzkiste. Sie müssen nur noch den Weg dorthin finden – dafür braucht es Eltern, Erzieher und Lehrer.


Neue Welten eröffnen durch Lesen – unter diesem Titel steht das nächste Forum Bildung am Mittwoch, 13. November, 19 Uhr, in der Stadtbibliothek Stuttgart (Mailänder Platz 1).

Die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney und Christine Brunner, Direktorin der Stadtbibliothek Stuttgart, diskutieren darüber, wie Eltern, Erzieherinnen und Lehrer Kinder für Bücher begeistern können, welche Literatur Kinder und Jugendliche überhaupt wollen und was die Stuttgarter Stadtbibliothek und ihre Außenstellen Jung und Alt alles zu bieten haben.

Die Diskussion wird von Bildungsredakteurin Maria Wetzel moderiert. Vor dem Podiumsgespräch können Leserinnen und Leser um 17.30 Uhr an einer exklusiven Führung durch die Stadtbibliothek teilnehmen. Die Plätze für die Führung sind begrenzt. Der Eintritt zum Forum Bildung und zu der Führung ist frei, eine Einlasskarte jedoch erforderlich. Diese erhalten Sie, wenn Sie sich im Internet anmelden.

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