An der Rückseite der Manor-Marussia-Box wurde in Suzuka eine Fahne platziert, Fans legen Erinnerungsstücke an Jules Bianchi ab. Foto: AP

Fans legen an der Garagenmauer Blumen und Gebasteltes ab, Mitglieder des Formel-1-Trosses halten im Gedenken kurz inne – der Große Preis von Japan steht auch im Zeichen des Todes von Jules Bianchi.

Suzuka - Philippe Bianchi wird nicht in ­Japan an der Rennstrecke sein, das würde er nicht verkraften. Der Vater des tödlich verunglückten Formel-1-Piloten ist nicht einmal mehr in der Lage, ein paar Blicke auf ein Rennen zu werfen, das im Fernsehen läuft. „Vielleicht kann ich mir in ein paar Monaten oder Jahren wieder einen Grand Prix ansehen. Ich weiß es nicht. Momentan ist es zu hart“, sagt der Franzose vor dem Großen Preis von Japan in Suzuka an diesem Sonntag (7 Uhr MESZ/RTL). Am 5. Oktober 2014 war Jules Bianchi während einer Gelb-Phase in einen Bergekran gekracht und hatte sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Nach 286 Tagen im Koma starb der 25-Jährige am 17. Juli im Krankenhaus in seiner Heimatstadt Nizza. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich kann mir die Bilder von Jules’ Unfall nicht ansehen“, sagt Bianchi senior.

Fans hinterließen in der verhängnisvollen Kurve 7 Blumen und erinnerten mit Bastelarbeiten vor der früheren Box des Marussia-Piloten an ihn. Für die Mitglieder von Manor-Marussia wird es ein emotionales Wochenende. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es keine schwierigen Momente geben wird“, sagte Geschäftsführer Graeme Lowdon, „viele Teammitglieder waren vor einem Jahr mit dabei.“ Auch die ehemaligen Rennfahrer-Kollegen sind in Gedanken bei dem Verstorbenen. „Jules wird immer in unseren Herzen sein“, sagte Silberpfeil-Fahrer Nico Rosberg, Ferrari-Star Sebastian Vettel meinte: „Es war ein sehr tragischer Tag, man wird ihn nie vergessen. Ich hoffe und glaube, dass man daraus gelernt hat und so etwas nie mehr passiert.“

Delta-Zeit gibt das Tempo vor

Aus Bianchis Tod wurden Lehren gezogen. Es begann eine Sicherheitsdebatte, als Folge wurde das virtuelle Safety-Car eingeführt. Seitdem liegt es nicht mehr im freien Ermessen des Fahrers, wie stark er das Tempo seines Autos bei doppelt gelb geschwenkten Flaggen (große Gefahr) reduziert, sondern eine sogenannte Delta-Zeit gibt das Tempo im jeweiligen Bereich vor. Zuvor hatte es keine exakte Vorgabe gegeben, wie stark ein Fahrer die Geschwindigkeit in einem solchen Fall reduzieren musste. „Ich glaube, dass wir so einen Unfall jetzt nicht mehr sehen würden, weil wir das virtuelle Safety-Car haben“, sagt Williams-Pilot Felipe Massa, „und ich glaube, dass wir bei normalen Rennbedingungen nie mehr einen Traktor auf der Strecke sehen.“

Auch der Streckenbetreiber von Suzuka hat auf den tragischen Unfall reagiert und das Drainagesystem der Piste verbessert – nun kann das Wasser bei einem Regenguss besser abfließen. Die Arbeiten wurden nicht nur in den Kurven 6 und 7 vorgenommen, in denen der Franzose von der Strecke geschlittert war, sondern auch in den vier weiteren Kurven. Schon am Donnerstag und Freitag wurde die neue Drainage gleich einem Härtetest unterzogen – Meteorologen haben für das gesamte Wochenende für die Küsten­region um Suzuka eine Taifunwarnung herausgegeben. Der Streckenbetreiber hat ­darüber hinaus in Kurve 12 einen größeren Bergungskran platziert, das Gerät kann von seiner Position aus havarierte Fahrzeuge bergen, ohne in die Auslaufzone fahren zu müssen. Zusätzlich wurden zwischen den Kurven 11 und 13 die alten Trägerstrukturen für verschiedene Werbebanner durch leichtere ersetzt.

Ob diese Sicherheitsverbesserungen sowie die mitfühlenden Worte der Rennfahrer und die herzlichen Gesten der Motorsport-Fans ein kleiner Trost für die Familie Bianchi sein können, vermögen nur die Eltern Philippe und Christine sowie Bruder Tom und Schwester Melanie zu sagen. Der Vater hat den Tod noch immer nicht verarbeitet. „Viele Leute sagen mir: Wenn du dir die Rennen jetzt ansiehst, hat sich eine Menge geändert. Ich entgegne dann: Gut, aber ich möchte sie nicht ansehen“, erzählt Philippe Bianchi. Womöglich wird sich der Vater von Jules sogar nie mehr ein Formel-1-Rennen ansehen.

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