Die Geschlechterdebatte wird bis heute von Klischees dominiert – die Linguistin Luise F. Pusch kämpft gegen Ungerechtigkeiten in der Sprache. Foto: Adobe Stock

Während die MeToo-Debatte tobt, diskutiert die Linguistin Luise F. Pusch in Stuttgart, ob es den Feminismus noch braucht. Es braucht ihn sehr wohl, sagt sie – und gibt sich in jeder Hinsicht kämpferisch.

Stuttgart - Sie solle doch bitte nach Stuttgart kommen und mit den Frauen diskutieren, ob der Feminismus heute noch gebraucht wird, hatte ihr die Frau in der Vorbesprechung gesagt. Und weil Luise F. Pusch der Meinung ist, dass der Feminismus noch gebraucht wird, nahm sie die Einladung der Uni Stuttgart und von den Wirtschaftsweibern gerne an. „Das war alles noch vor der MeToo-Debatte“, sagt Pusch und schweigt ganz kurz, „die hat ja gezeigt, wie dringend wir noch gebraucht werden.“

Der Name Luise F. Pusch war einst in Deutschland in aller Munde, als sie die feministische Linguistik mitgegründet hat, damals Ende der 1970er Jahre an der Uni Konstanz. Heute ist es ruhiger geworden um sie, aber ihre Energie ist ungebrochen. Ihr Buch „Deutsch als Männersprache“ wurde 140 000 Mal verkauft – laut der Zeitschrift „Emma“ häufiger als jedes andere sprachwissenschaftliches Werk nach dem Krieg.

Es ist auch ruhiger um sie geworden, weil sie nun, mit 73 Jahren, ein bisschen kürzer tritt, auch Zeit für ihr Privatleben haben möchte – mit ihrer Lebensgefährtin, einer Literaturwissenschaftlerin aus Boston, mit der sie drei Enkel hat. Bis heute pendelt das Paar zwischen Boston und Hannover – Pusch hat hier ihr Publikum, ihre Partnerin dort ihre Töchter; so ganz ruhig ist das Leben dann auch wieder nicht. Wie sie hier so spricht, ruhig und aufgeräumt aber nie ohne den entschlossenen Unterton, da könnte ihre bewegte Biografie beinahe in Vergessenheit geraten.

Sie wusste früh, dass sie Frauen liebt

Schon mit elf Jahren wurde ihr klar, dass sie Frauen liebt – und gleichzeitig, was das für ein Tabuthema ist. Eine ihrer ersten Partnerinnen saß im Rollstuhl und brachte sich schließlich selbst um, „es war eine furchtbare Zeit, für Lesben und für Behinderte gleichermaßen“, sagt sie. Sie war gerade 20, „wir waren viel zu jung für das, was wir uns vorgenommen hatten“. Es folgten Jahre des Versteckens und der Verhandelns, nur die wenigsten wussten von dieser Beziehung. Schließlich schrieb sie darüber ihr erstes Buch, „Sonja“ unter Pseudonym, die Zeit war nicht reif für ein Outing. „Es ist bis heute zwar nicht eine Mutprobe, aber noch immer nicht selbstverständlich – alle gehen davon aus, dass Menschen heterosexuell sind.“

Pusch wurde erfolgreiche Sprachwissenschaftlerin und ging direkt über zur Habilitation an der Uni Konstanz, es lief gut, die ein oder andere Professorinnenstelle winkte. Doch dann schrieb ihre Kollegin Senta Trömel-Plötz den Aufsatz „Linguistik und Frauensprache“, in dem sie analysierte, dass die Ungleichheit der Frau bereits in der Sprache angelegt sei. „An der Uni gab es damals 140 Professoren und zwei Professorinnen: Senta und mich“, sagt Pusch.

Als ihre Kollegin Anfeindungen ausgesetzt war, sprang Pusch ihr zu Seite und verteidigte sie öffentlich: Die feministische Sprachwissenschaft war geboren. „Luise, du störst die Harmonie im Fachbereich“, sagte schließlich Armin von Stechow zu ihr, einer der Professoren in Konstanz – und brachte damit erstaunlich ehrlich auf den Punkt, dass sich die männliche Mehrheit die Provokation nicht gefallen lassen würde. Ihre Karriere war gelaufen. „Ich wurde nicht einmal mehr eingeladen zu Bewerbungsgesprächen, ich galt als Störenfried.“

Besser nicht in Internetforen lesen

Seither und bis heute lebt sie vor allem von Vorträgen, Lesungen und Workshops zu gerechter Sprache, auch ihre Bücher mit feministischen Glossen verkaufen sich gut. „Meine Steuerberaterin sagt, ich sei Autorin“, sagt sie, „mehr als 30 Jahre linguistische Forschung wende ich jetzt praktisch an.“ Letztlich habe sie es leicht gehabt. „Ich hatte keine Konkurrenz in Deutschland – mir wurde es ja verweigert, Nachwuchs auszubilden.“ Enttäuscht beobachtete sie schließlich, wie die folgende Generation behauptete, sie bräuchten den Feminismus nicht mehr, „und ich stand am Feministinnen-Pranger.“ Was genau in all den Internetforen über sie geschrieben wird, so genau will sie das lieber gar nicht wissen, „ich halte mich nicht damit auf, das zieht mich nur runter.“

Die MeToo-Debatte hat auch sie wieder optimistischer werden lassen in Bezug auf den Feminismus: „Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass solche Untaten Folgen für die Karriere eines Mannes haben.“ Für sie ist das alles eine Machtfrage: Erst wenn sich genügend Frauen wehren, könne man so etwas nicht mehr unter den Teppich kehren. Wobei Pusch das „man“ wohl nur hier gelten lassen würde – ansonsten verwendet sie stattdessen gerne „frau“. Nicht, weil sie die Sache gerne andersherum hätte, nicht weil sie etwas gegen Männer hat, wie ihr gerne unterstellt wird. Allein „als Ausgleich für 2000 Jahre Patriarchat“ wäre es aus ihrer Sicht an der Zeit, den Spieß nun eine zeitlang umzudrehen. Deshalb führe der einzig realistische Weg zur Gleichberechtigung über eine Frauenquote. „Der Mann gibt ja nicht einfach so aus Gutartigkeit auf.“ Mehr Frauen in den Vorstandsetagen bedeutet gleichzeitig weniger Männer dort.

Machtverhältnisse in der Sprache

Dazu kommt, dass die ungleichen Machtverhältnisse in der Sprache verankert seien, was ihren Kampf nicht einfacher macht. „Es heißt ja immer, Frauen seien mitgemeint“, sagt sie: das so genannte generische Maskulinum ist aus ihrer Sicht einer der Knackpunkte in der Sprache, der die ungleiche Machtverteilung zementiert. Ihr Vorschlag: das generische Femininum. „Liebe Leserinnen“ – und damit sind dann auch Männer gemeint, „Wer wird Millionärin?“ – natürlich dürfen Männer auch mitmachen.

Und allein, dass sich Männer so vehement gegen diesen Vorschlag wehren, sei ein Zeichen für sie, dass das andere Geschlecht eben doch nicht mitgemeint ist. Ist ihre Forderung dann nicht ungerecht den Männern gegenüber? „Ich gehe mit der Maximalforderung in die Verhandlungen“, sagt sie. Wenn dann das „Binnen-I“ herauskommt, das große I wie in „Liebe LeserInnen“ ist sie auch zufrieden. Hauptsache, Frauen gehen in der Sprache nicht mehr unter. Und auch nicht im Leben.

Kämpferin für gerechte Sprache

Anfänge Luise F. Pusch wurde 1944 in Gütersloh geboren und lebt heute in Boston und Hannover. studierte Anglistik, Latinistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Hamburg. 1972 wurde sie im Fach Anglistik mit einer Dissertation über die Substantivierung von Verben mit Satzkomplementen im Englischen und im Deutschen promoviert. Karriere
1978 habilitierte sie sich für das Fach Sprachwissenschaft an der Universität Konstanz mit der Schrift Kontrastive Untersuchungen zum italienischen gerundio. Von 1979 bis 1984 war sie Heisenberg-Stipendiatin auf dem Gebiet der feministisch-linguistischen Forschung. Bis heute lebt sie von Vorträgen und Workshops über gerechte Sprache.

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