Adolf Hitler (Taika Waititi, Mitte) gibt sich im Hitlerjugend-Lager als Spaßmacher – auch der Oscar-Kandidat „Jojo Rabbit“ läuft bei den White Nights. Foto: 20th Century Fox

Alleine gruseln ist fade. Die Fantasy Filmfest White Nights laden wieder zum kollektiven Fürchten ins Metropol ein.

Stuttgart - Achtung! Hinter der nächsten Ecke schwingt ein Meuchelmörder seine Axt! Fleischfressende Untote haben soeben in der Frischetheke des Supermarkts gewütet. Eine Horde Rowdys tyrannisiert mit ihren ferngesteuerten Superrobotern den örtlichen Kindergarten. Die Apokalypse ist da, das Ende naht!

Wer das glaubt, hat entweder schlimm verdorbene Pilze ins Gulasch geschnetzelt oder ist mit einer besonders lebhaften Fantasie geschlagen. Und freut sich an diesem Geschenk der Natur. Denn es gibt tatsächlich spezielle Exemplare der Gattung Mensch, die sich gerne fürchten. Für die sich langsam aufstellende Nackenhärchen, das ungute Kribbeln in der Magengegend, die unheilvolle Spannung kleinster Nervenfasern puren Lustgewinn bedeutet.

Für all jene, die der Angst mit einem breiten Grinsen in die böse Fratze starren, gibt es nicht nur diverse Grusel-, Horror- und Mystery-Serien bei den bekannten Streaminganbietern, sondern auch das nicht alltägliche Vergnügen kollektiven Schauderns beim Fantasy Filmfest. Neben dem zehntägigen Festivalmarathon im Spätsommer hat sich eine Miniaturausgabe im Winter etabliert. Zum fünften Mal gastieren nun schon die sogenannten White Nights im Stuttgarter Metropol. Am kommenden Wochenende gibt es hier zehn rabenschwarze Stücke der Genrefilmkunst aus Ländern wie Südkorea, USA, Kanada, Frankreich oder Indonesien.

Ein überzeugter Hitlerjunge

Große Erwartungen provoziert in diesem Jahr vor allem die für sechs Oscars nominierte Coming-of-Age-Komödie „Jojo Rabbit“ des neuseeländischen Filmemachers Taika Waititi („5 Zimmer, Küche, Sarg“, „Wo die wilden Menschen jagen“). Der Sohn eines neuseeländischen Maori und einer europäischen Siedlerin russisch-jüdischer Herkunft schildert den Alltag der Deutschen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs aus Sicht des etwa achtjährigen Jojo Betzler (Roman Griffin Davis), der nach dem Tod der älteren Schwester und der Einberufung seines Vaters mit der Mutter Rosie (Scarlett Johansson) alleine lebt.

Jojo ist ein überzeugter Hitlerjunge. Sein Glaube an das System geh t so weit, dass er sich den Führer zum imaginären Spielkameraden auserkoren hat. Weil Jojo nicht in der Lage ist, ein Kaninchen zu töten, wird der Knirps von den anderen Jungen in der HJ gemobbt. Der scheinbar nette und sehr lustige Adolf Hitler (gespielt von Regisseur Waititi) tröstet den Jungen und gibt ihm hilfreiche Tipps. Als Jojo aber auf dem Dachboden das Versteck eines jüdischen Mädchens entdeckt, beginnt sein Weltbild zu wanken. Sein Idol Adolf mimt nun auch nicht mehr den netten Onkel, sondern zerbricht selbst die rosarote Brille, spuckt als gehässiger Popanz Gift und Galle.

David Cronenberg ist auch dabei

Waititi geht mit „Jojo Rabbit“ ein riesiges Wagnis ein, von Begeisterung bis Unverständnis reicht die Palette der bisherigen Reaktionen, weil bei diesem Spaß nun einmal die Gefahr besteht, dass Hitlers Terrorregime durch die rosarot gefärbte Sicht eines Kindes verharmlost wird. Eigentlich startet diese diskussionswürdige, mit Scarlett Johansson, Sam Rockwell und Rebel Wilson stark besetzte Satire erst am 23. Januar in den Kinos. Besucher der White Nights haben die Chance, das spannende Werk schon am 18. Januar um 20.15 Uhr zu sehen – und zu diskutieren, ob unter anderem die Oscar-Nominierung als bester Film des Jahres 2020 gerechtfertigt ist.

Doch auch die weiteren neun Werke im Programm machen Lust darauf, den heimischen Sessel und beispielsweise die „Chilling Adventures of Sabrina“ bei Netflix gegen den Kinobesuch zu tauschen. So hat etwa das Filmemacher-Duo Justin Benson und Aaron Moorhead nach dem inzwischen auf DVD und Blu-ray erschienenen, spannenden Sektenhorror „The Endless“ ein neues filmisches Rätsel mit dem Titel „Synchronic“ (19. Januar, 16.30 Uhr) herausgebracht. Zwei Sanitäter bekommen es mit grausigen Todesfällen zu tun, die in Zusammenhang stehen mit einer neuartigen Designerdroge. Und dann spielt auch noch David Cronenberg, der Meister des anspruchsvollen Horrorkinos, an der Seite von Tuppence Middelton („Sense 8“) in Albert Shins Mysterythriller „Disappearance at Clifton Hill“ (19. Januar, 14.15 Uhr), der von einer rätselhaften Entführung erzählt. Mehr gepflegter Grusel geht nicht!

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