Künftig können die Rettungskräfte noch früher ausrücken, denn sie haben die Koordinaten ihres Einsatzortes schon vom Smartphone des Anrufers überspielt bekommen. Foto: DRK-Kreisverband Esslingen-Nürtingen

Eine neue Technik erlaubt es den Rettungskräften in der Leitstelle, den Standort eines Hilfesuchenden schon allein aufgrund des Anrufs zu lokalisieren. Das spart wertvolle Zeit im Notfall.

Esslingen - Das Kind ist schwer gestürzt, die Mutter verzweifelt. Beim Versuch, den Notruf 112 zu wählen, bricht die Verbindung mehrfach zusammen. Am anderen Ende der Leitung, in der Integrierten Leitstelle Esslingen, kommen nur zusammenhanglose Wortfetzen an. Eine korrekte Notrufabfrage ist unmöglich, ebenso wenig die genaue Standortbestimmung der aufgeregten Anruferin. Trotzdem ist der Einsatzwagen schon mit Blaulicht auf dem Weg zum Unfallort – ausgestattet mit Straße und Hausnummer der Anruferin. Möglich macht das eine neue Technologie: die Advanced Mobile Location (AML), die in der Leitstelle Esslingen ihre Deutschland-Premiere gegeben hat.

„Wir bekommen eine metergenaue Standortbestimmung des mit einem Smartphone anrufenden Hilfesuchenden automatisch auf unsere Bildschirme in die Leitstelle gespielt und können die Rettungskräfte schon gezielt losschicken, kaum dass das Telefon geklingelt hat“, erklärt Reiko Lange. Er ist der stellvertretende Leiter der Integrierten Leitstelle, bei der die Notrufe aus dem ganzen Landkreis auflaufen und die von der Esslinger Feuerwehrzentrale in den Pulverwiesen aus die Rettungseinsätze koordiniert.

Die schnelle Reaktion kann Leben retten

In der Esslinger Leitstelle sind tagsüber sieben und nachts drei Disponenten rund um die Uhr damit beschäftigt, Krankentransporte, den kassenärztlichen Notfalldienst, Feuerwehreinsätze, Katastrophenschutzmaßnahmen und die Notfallrettung im Landkreis zu koordinieren. Deren schnelle Reaktion kann Leben retten – wenn es auf Sekunden ankommt, wenn der Anrufer zu aufgeregt oder verwirrt ist, um seinen Standort zu benennen oder wenn er einfach nur orientierungslos ist.

Der Standort beim Absetzen des Notrufs wird für 30 Minuten in der Leitstelle angezeigt, dann wird er gelöscht. „Die Zeit reicht uns selbst dann, wenn sich ein Wanderer in unwegsamen Gelände auf der Schwäbischen Alb verirrt hat. Zudem haben wir die Koordinaten in unserem Einsatzleitrechner gespeichert“, sagt Lange.

Gerade in abgelegenen, kreuzungs- und wegearmen Landstrichen tun sich Hilfesuchende oft schwer, ihren Standort genau zu beschreiben. Werden zur Rettung oder Bergung eines Verunglückten andere Fachdienste, wie zum Beispiel die Bergwacht oder ein Rettungshubschrauber benötigt, dann könnten auch diese zielgenau zum Unglücksort geleitet werden. Die automatische Übermittlung der Standortdaten wird den Worten Langes zufolge von allen Smartphones unterstützt, die mindestens über einen Android OS 4.0 Standard verfügen und auf denen die Google Play Services installiert sind. Das seien immerhin rund 50 Prozent aller Smartphones auf dem deutschen Markt.

Standort wird automatisch übermittelt

Die Besitzer der Geräte müssen nicht von sich aus aktiv werden, um den Dienst in Anspruch zu nehmen. Die Daten für Süddeutschland werden von dem IT-Dienstleister Convexis GmbH von einem Server in Freiburg abgegriffen und an die Leitstelle weitervermittelt. Ein weiteres Gerät, das den Norden abdeckt, steht in Berlin. „Wir bekommen die Daten von Google kostenlos zur Verfügung gestellt“, sagt Lange auf Nachfrage.

Beim Thema Datenschutz sehen sich die Retter auf der sicheren Seite. Eine Arbeitsgruppe der Datenschutzkonferenz, einem Gremium der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder, habe das Konzept ausgiebig geprüft und für unbedenklich eingestuft. Für bedenklich dürften es der Einschätzung Langes zufolge allenfalls die Zeitgenossen halten, die Feuerwehr und Rotes Kreuz mit falschen Alarmen auf Trab halten. „Wenn einer anruft und einen Brand meldet, der nachweislich weit von seinem aktuellen Standort entfernt liegt, dann schöpfen wir schon in einem frühen Stadium Verdacht“, sagt er. Langes Informationen zufolge werden die anderen Leitstellen im Land nach und nach dem Esslinger Beispiel folgen – ebenso, wie es bisher sieben Leitstellen im Bundesgebiet gemacht haben.

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