Komfortabel ist anders, aber der Obdachlosenschutz, den Antonio Guerriero entworfen hat, hält wenigstens Regen und Wind ab. Foto: Sybille Neth

Eines Nachts stolperte der Stuttgarter Innenarchitekt Antonio Guerriero beinahe über einen Obdachlosen, der bei Eiseskälte im Freien übernachtete. Daraufhin entwarf er den faltbaren Schutz für Wohnsitzlose.

S-Süd - Um den Selbstversuch hat sich der Innenarchitekt Antonio Guerriero bisher gedrückt – trotz des milden Winters. „Ich habe noch nicht in meinem Obdachlosenschutz übernachtet“, gibt er zu. Im Dezember hatte er die Idee, Menschen mit seinem Knowhow Erleichterung zu verschaffen, die ohne Wohnung sind und bei Wind und Wetter draußen übernachten. Die Idee hatte er eines Nachts: „Ich war im Stadtmuseum auf der Kolchose-Party und als ich nach Hause ging, sah ich neben dem Gebäude einen Mann schlafen – dabei war es so kalt“, schildert Guerriero den Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass er etwas Nützliches für die Ärmsten der Gesellschaft schaffen will.

Material für ganze 19 Euro

Er begann zu recherchieren, ob es einen Schutz für die Übernachtung im Freien schon gibt. Er fand nichts Brauchbares. Allein die New York Times hatte über eine Art Zelt für Obdachlose aus Karton berichtet. Das wir nach dem Origami-Prinzip zu einem dreieckigen Mini-Häuschen. Der Nachteil: Pappe löst sich im Regen auf und das Papierzelt kostet rund 35 Euro. Zu teuer, dachte sich der Innenarchitekt, denn der Schutz soll ja in großer Stückzahl für die Wohnsitzlosen gratis zur Verfügung stehen. Sein Entwurf für den „19 Euro Shelter Obdachlosenschutz“ kostet nur ungefähr die Hälfte. Das Material kostet im Baumarkt alles in allem 19 Euro pro Stück und der Aufbau funktioniert für den Nutzer ohne Werkzeug. „Das ganze sieht aus, als würde es schon existieren. Aber das ist nicht so“, sinniert der Erfinder.

Auch der Hund hat Platz

Aufgestellt lässt sich unter der Plane schlafen und sogar der Hund hat da noch Platz. Die Vierbeiner dürfen nicht in die Notquartiere der Stadt, weil die Männer dort in Mehrbettzimmern übernachten und mancher Besucher Angst vor Hunden hat. Früher gab es Zwinger, die aber kein Obdachloser nutzt, weil der Hund für diese Menschen tatsächlich der beste Freund ist. Deshalb schlafen gerade die Hundebesitzer ohne Wohnung auch bei Minusgraden stets im Freien.

Hilfe durch die Joblinge

Die stabile Plastikplane, die an allen vier Seiten herunter geklappt werden kann, hält Wind und Kälte wenigstens ein bisschen ab und schafft obendrein etwas Privatsphäre. Tagsüber wird das Ganze zusammengeklappt und ist ein flaches Paket, das unter den Arm passt oder unauffällig in der Nähe des Schlafplatzes gelagert werden kann.

Die Einkaufsliste für den Eigenbau ist kurz. Zwei Holzböcke, eine Plane aus reißfestem Kunststoff, ein Teleskopbesenstiel, zwei Schrankrohrlager. Hinzu kommen Gewebeband und ein Tacker. Wer nach der Bauanleitung die Schutz-Hütte basteln will, muss kein großes Talent besitzen. Guerriero kaufte das Material für sechs Schutzhütten. Für den Bau holte er sich Hilfe bei den Joblingen, die Start Ups und soziale Initiativen tatkräftig unterstützen. Zusammen mit Fatima Aloto und Omar Alhabul von der gemeinnützigen AG Joblinge baute er die Hütten, die er der Caritas gespendet hat. „Ich will damit kein Geld verdienen“, betont er.

Ein klein wenig Privatsphäre

Fünf Bausätze hat er der Wohnungslosenhilfe an der Olgastraße geschenkt und dort warb er in der Tagesstätte für seine Konstruktion. Caritas-Mitarbeiter Kai Koch, der in der Tagesstätte arbeitet, weist darauf hin, dass ein Exemplar zu Demonstrationszwecken in seinem im Büro steht. Auch im Café 72, einer Tagesstätte der Ambulanten Hilfe für Menschen in Problemlagen und ohne Obdach, hat Gurerrio seine Hütte vorgestellt.

„Einige haben kritisiert, dass der Schutz bei starkem Wind nicht stabil sei. Aber man kann die Enden ja mit Steinen beschweren“, lautet sein Tipp. „Andererseits hat sich ein Mann gleich reingelegt“, freut er sich. Auch Koch findet, dass die Hütte in ihrer jetzigen Form brauchbar für das Übernachten unter freiem Himmel sei: „Und der Prototyp lässt sich ja auch noch weiter entwickeln.“

Werben um Nutzer und Sponsoren

Bisher reagiert Kai Kochs Klientel noch zurückhaltend, vielleicht weil der Winter bis auf wenige Nächte, ziemlich mild war. Während der Vesperkirche bis 4. März läuft der Betrieb der Tagesstätte an der Olgastraße nur auf Spar­flamme, nur wenige Besucher kommen in diesen Wochen dorthin. Wenn die Vesperkirche schließt, will Koch verstärkt für den Über­nachtungsschutz werben, denn auch in der wärmeren Jahreszeit leistet er bei Regen gute Dienste.

„Ich hoffe jetzt auf Multiplikatoren“, betont Guerriero – und auf Spender, die Bausätze finanzieren, wenn die Nachfrage bei den Wohnsitzlosen steigen sollte. Koch weiß immerhin von einem Mann, der sich eine Falthütte mitgenommen hat. „Der baut sie sich immer am gleichen geschützten Platz auf. Die Stelle ist optimal.“

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