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Dina Ugorskaja hat eine glänzende Aufnahme von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ herausgebracht.

Stuttgart - Gulda, Gould, Richter, Tureck, Schiff, Hewitt, Fischer – die Liste der Aufnahmen von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ (WTK) ist lang. Aber jetzt ist eine dazugekommen, die ohne Zweifel zu den besten gehört: Ein Jahr lang hat sich Dina Ugorskaja mit den 96 Präludien und Fugen des Zyklus beschäftigt und dabei Erstaunliches zutage gefördert.

Verblüffende Interpretation

Beispiel C-Dur-Präludium: Damit verblüfft die Pianistin nicht nur Klavierschüler („die ist aber flott!“), sondern auch Erwachsene, die das Stück seit Jahrzehnten kennen: Ugorskaja macht aus den gebrochenen Akkorden einen – man entschuldige die Metapher – Bach, im organischen Vorwärts ändert sie ständig die Artikulation. Mal spielt sie flächig, mal perlend, mal akzentuiert sie beswingt (ohne „ch“!) den synkopierten Sopran, mal setzt sie den Fokus auf murmelnde Mittelstimmen. So entsteht ein Kaleidophon, das dieses Werk in einem völlig neuen Licht erstrahlen lässt.

Auf der anderen Seite scheut die frischgebackene Wiener Professorin nicht vor extrem langsamen Tempi zurück, so beim Es-Dur-Präludium aus Band eins oder dem F-Dur-Schwesterwerk aus Teil zwei. Doch wo bei vielen anderen die Musik zerbröseln würde in einem schulmeisterlichen Ton-für-Ton, gelingt Dina Ugorskaja das rhetorische Kunststück, dass sie das Geschehen stets im Fluss hält. Und bei der vertrackten a-Moll-Fuge (Band  II) hat sie keine Mühe, die drei Stimmen im Griff zu behalten – wie sie sich überhaupt schon mit spätem Beethoven und spätem Schumann als eine der besten Kontrapunktspielerinnen unserer Zeit empfohlen hat.

Technik, Bildung, Klangvermögen

Das Geheimnis von Dina Ugorskaja liegt vielleicht darin, dass sie einerseits den spirituellen Gehalt Bach’scher Musik schon als Kind in sich aufgesogen hat, aber andererseits, wie sie selbst sagt, eben durch die Beschäftigung mit dem WTK sehr geerdet wurde. Den Rest machen Technik, Bildung – und ein Klangvermögen, das einen immer wieder aufs Neue staunen lässt.

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