Ob Silvester, Ostern, Hochzeiten,Taufen oder Geburtstage: Die meisten Menschen feiern gerne Foto: Fotolia

Von der Begegnung mit einer vergnügten Tänzerin und weiteren Gründen, warum man Feste nicht auslassen sollte.

Stuttgart - „Ihr Kinderlein, kommet“ hatte auf der Einladung gestanden. An vier Donnerstagen vor Weihnachten wollte Uwe Sontheimer, der so etwas ist wie eine Stuttgarter DJ-Legende, mit alten Freunden in der neu eröffneten Königsbau-Suite feiern wie früher – mit Blick auf einen Weihnachtsbaum, der nie zuvor auf dem Schlossplatz so kitschig und so weit in den Nachthimmel hinauf geleuchtet hat.

Hits von Earth, Wind & Fire und Kool and The Gang

Etwa zu der Zeit, als Helmut Kohl Kanzler war, legte Sontheimer in den Clubs Boa, Oz und im Perkins Park auf. Es war die Zeit, als man zu Partys noch Plattenkisten analog schleppte und nicht wie heute 20 000 Songs ohne Mühe auf einen Festplatten-Streich mitbringt. Über die sozialen Netzwerke hatte es sich digital herumgesprochen, dass beim „Advent Dancing“ das Beste aus Disco, Funk und Soul laufen sollte – für ein Publikum, das im Stress von Arbeit und Familie viel zu selten dazu kommt zu feiern wie einst mit Schmetterlingen im Bauch.

Sontheimer freute sich auf ein „Versehrten-Treffen“ und widersprach, wenn jemand im sentimentalen Überschwang anmerkte, die Feste früher seien besser gewesen. „Früher – das ist lange her“, war sein Spruch, mit dem er Vergleiche im Keim erstickte. Es fiel auf, wie viele Frauen der einst stadtbekannte DJ bereits am ersten Donnerstag seiner Adventsreihe in den Königsbau gelockt hatte. Zwei gut gelaunte Freundinnen – ihr Alter war schwer zu erraten, aber sowieso egal – wippten bereits, als sie vergnügt die Treppe hoch in den ersten Stock stiegen, in dem Uwe, der immer grinst, wenn man ihn „Legende“ nennt, Hits von Earth, Wind & Fire und Kool and The Gang so raffiniert ineinander spielte, als seien sie eins.

Adventstanz in der Königsbau-Suite

Der Charmeur, der mit Schalk im Nacken ein bisschen an Heinz Erhardt erinnert, fand dabei noch Zeit, sich um seine Gäste zu kümmern. Er stellte uns den beiden Freundinnen vor, mit denen wir uns auf Anhieb verstanden, als würden wir sie lange kennen. Bei Hymnen unserer Jugend lächelten wir uns wissend an, wie dies Menschen tun, die eine gemeinsame Vergangenheit eint.

Wir hatten Spaß, rätselten über Stücke, die liefen („Ist das Electric Light Orchestra?“ – „Nein, das klingt nur so“), tanzten, schauten nach draußen auf den Weihnachtsglanz und fühlten uns gut. Eine der Freundinnen – nennen wir sie Kathrin – versuchte, ihren Mann übers Handy anzurufen. Er sei in der Stadt unterwegs. Kathrin wollte ihm vom tollen Fest berichten, auf dass er auch vorbeischauen und mitfeiern möge. Doch er ging nicht ran. Beim nächsten Mal, so verabschiedeten wir uns in bester Stimmung, nicht zu spät, wie das in unserem Alter üblich ist, würden wir uns beim Adventstanzen in der Königsbau-Suite mit ihrem Mann ­sehen. Es sollte kein nächstes Mal geben.

Fünf Tage nach unserem Kennenlernen war die lustige Kathrin tot.

Das Unbegreifliche erfuhr Sontheimer im Internet. Auf Kathrins Facebook-Seite stand mehrfach „R.I.P.“, von Freunden gepostet. Kathrin war daheim an einer Herzkrankheit gestorben, an der sie schon lange litt, was man ihr aber nicht angesehen hat.

Ihr Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen.Von hundert auf null – die lebensfrohe Kathrin, die nächstes Jahr 50 geworden wäre, war ausgebremst worden. „Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung“, schrieb die Freundin, die mit ihr im Königsbau getanzt hatte, auf der Facebook-Seite. Die Dankbarkeit verwandele die Erinnerung aber in „stille Freude“.

Jetzt sagte Sontheimer: „Ihr Kinderlein, kommet trotzdem.“ Wir wollten nicht an seiner nächsten Donnerstagsparty teilnehmen, weil uns Kathrins Tod so nahe gegangen war – der Tod einer Frau, die wir gar nicht richtig kannten. Wir hatten nur zwei schöne Stunden miteinander verbracht.

Feiern ist wichtig für die seelische Gesundheit eines Menschen

Doch der DJ der guten Laune überredete uns, trotzdem bei ihm zu feiern. „Man muss sein Leben leben, solange man es hat“, meinte er. Keiner wisse, wie lange es noch gehe. Kathrin, die angeblich von ihrem nahenden Tod wusste, habe uns ein Beispiel dafür gegeben. Sie war gut drauf bis zum Schluss.

Fühlen sich die Menschen am besten, wenn sie feiern und vergessen können, dass alles schon sehr bald vorbei sein kann? Wenn sie aus dem Alltag ausbrechen, wenn Normen, Regeln, beruflicher Stress für eine gewisse Zeit außer Kraft gesetzt werden?

Feiern ist wichtig für die seelische Gesundheit eines Menschen, sagt die Buchautorin, Therapeutin und Hochschulprofessorin Irmtraud Tarr: „Gegen die Knappheit des Alltags gibt das Fest die Möglichkeit einer anderen Kommunikation, zu einer körperbetonten Sinnlichkeit.“ Man schaue sich länger in die Augen, berührte sich, probiere andere Rollen aus, flirte, tanze. „Wir trauen uns, uns näherzukommen“, schreibt die Autorin. Festgesellschaften, psychologisch gesehen ein Gruppengeschehen, haben demnach eine Ventilfunktion. Der Mensch sei auf die Gemeinschaft angelegt. Er könne nicht immer allein sein oder nur mit seinem Partner, sondern brauche die Gruppe, die Vielstimmigkeit, die Kommunikation.

Wilde Feste schon in der Steinzeit

Schon in der Steinzeit soll es wilde Feste gegeben haben, wie die Archäologen der Hebräischen Universität Jerusalem herausgefunden haben. In der Höhle Hilazon Tachtit im Norden Israels fanden sie abgenagte Knochen, deren Alter auf mindestens 12 000 Jahre geschätzt wird und die von einem großen Fressen stammen.

Die Wissenschaftler rekonstruierten anhand ihrer Funde das Gelage: Demnach ließen es sich mindestens 35 Menschen schmecken. Sie verspeisten – womöglich über mehrere Tage hinweg – drei gegrillte Auerochsen, eine Wildsau, 71 Schildkröten, die Filetstücke eines Steinadlers, einen Leoparden und zwei Marder. Mahlzeit! Rülps!

Für die Archäologen sind die entdeckten Reste der Feier der Beweis dafür, dass der Homo sapiens bereits in Festlaune war, als er damit begann, sesshaft zu werden.

Feste formen die Kultur von Völkern

Die Lust am Feiern ist seitdem nicht vergangen. Feste formen die Kultur von Völkern. Feste waren schon immer ein Heiratsmarkt und werden rund um den Globus aus weiteren Gründen gefeiert. Anlässe können der Wechsel der Jahreszeit sein wie Silvester, das uns bevorsteht, oder die Erinnerung an den Glauben wie Weihnachten. Feste gehen auch auf den Lebenszyklus zurück, auf die Stadien, die man durchläuft. Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Geburtstag, Einstand im Betrieb. Man feiert mit Freunden oder in großer Gemeinschaft bei Karneval oder Fußballsiegen. Immer wieder entstehen neue Feste. Der Christopher Street Day ist ein Beispiel. Einst blieben Homosexuelle lieber unerkannt, weil sie sich vor Intoleranz fürchteten. Heute gehen sie bunt und selbstbewusst auf die Straße und feiern nicht nur unter sich – auch Heteros haben ihren Spaß am CSD, an der Vielfalt des Lebens.

Die Festkultur verändert sich laufend. Immer öfter werden Agenturen für die Ausrichtung engagiert. Gerade bei Hochzeitsfeiern soll nichts dem Zufall überlassen werden, was den Paaren und ihren Eltern Unsummen wert ist. Damit alles gut wird, empfiehlt der Hochzeitsplaner Frank Mathée, nicht zu viel Programm zu organisieren. Eine Hochzeit werde durch Rituale bestimmt, Tortenanschnitt, Eröffnungstanz, Reden. Daher sollte der Tag nicht mit Unterhaltung und Spielen vollgepackt sein. „Höhepunkte können nur Höhepunkte sein, wenn zwischendurch die Dramaturgie nach unten geht“, findet Frank Mathée, „wenn ständig Programm stattfindet, lehnen sich die Gäste zurück, weil sie bespielt werden.“ Das Geheimnis aber sei es, den Gästen das Gefühl zu geben, dass sie ein Teil der Veranstaltung sind.

Sommermärchen von 2006 – ein endloses Fest

Auf die besten Feste muss man warten – auf die eigene Hochzeit oder auf den Weltmeistertitel seiner Mannschaft. Im Sommermärchen von 2006, lange vorm vierten Stern, hat Stuttgart gezeigt, wie man weltmeisterlich feiert. In der jubelnden Stadt hätte man glauben können, bei der Fußball-WM sei der dritte Platz das Größte und der Titel gar nix.

Und es gibt Feste, von denen man noch jahrelang spricht, auch wenn man nichts gesehen hat. Bei der Sonnenfinsternis im August­ 1999 galt Stuttgart als Sofi-Hauptstadt. Tausende Menschen mit sonderbaren Brillen feierten auf dem Schlossplatz, auch wenn im entscheidenden Moment Wolken das Himmelsschauspiel verdeckten.

Viele Jahre später haben wir durch die großen Fenster der Königsbau-Suite auf den weihnachtlichen Glanz des Schlossplatzes geschaut. DJ Uwe Sontheimer lieferte den Sound zur Discokugel, zum nostalgischen Wohlgefühl. Kathrin, die gut gelaunte Tänzerin, freute sich über den Weihnachtsbaum draußen. Nie zuvor hat er so kitschig und so weit in den Nachthimmel hinauf geleuchtet.

Jeder unterschrieb auf dem Sarg

Wir sprachen über frühere Besuche in der Boa, über gemeinsame Facebook-Freunde und amüsierten uns über den älteren Herrn, der versuchte, Kathrin und ihre Freundin an seinen Tisch zu lotsen. Kathrin blieb lieber bei uns am Fenster sitzen. Ihre Freundin wollte wissen, was ich arbeite. „Wenn du Journalist bist, was schreibst du über diesen Abend?“, fragte sie. Meine Antwort lautete, ich sei nicht im Dienst hier und werde nichts darüber schreiben. Keiner in unserer Runde konnte ahnen, dass es anders kommen sollte.

Zweieinhalb Wochen später berichtete Uwe Sontheimer von Kathrins Beerdigung. Sie habe alles vorbereitet. Es lief die Musik, die sie selbst ausgesucht hat, und jeder unterschrieb auf dem Sarg, wie man früher auf dem Gipsarm unterschrieben hat. „Weint nicht, weil es vorbei ist“, stand in der Traueranzeige, „lacht, weil es schön war.“

Dass wir leben, ist schön.

Und immer ein Grund zum Feiern.

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