Die Plochinger Bühleiche geht langsam ihrem Ende entgegen. Foto: Horst Rudel

Die Bühleiche im Stadtteil Stumpenhof soll zu einem Torso herabgestutzt werden. Ein Pilz zerstört das Kernholz.

Plochingen - Bäume sind Landmarken und auch Marken in der Zeit. Die Bühleiche, Plochingens berühmtester Baum, ist an seinen Grenzmarken angekommen. Ein Gutachten bescheinigte jüngst dem Plochinger Gemeinderat das nahe Ende des Baumes. Die Stadträte waren fassungslos, entsetzt zeigten sich die Kommentare in den Sozialen Medien.

Für die Plochinger war die Bühleiche ein Ausflugsziel, eine Landmarke auf dem Stumpenhof auf dem Weg nach Reichenbach oder ins Lützelbachtal. Ihr gedrungener Stamm zeigt, dass sie einst alleine stand, zu einer Zeit, als die Schurwaldhöhe noch Ackerland war. Vermutlich gehörte sie einem Dorf an, das im Dreißigjährigen Krieg abgegangen ist. Von daher schätzt man ihr Alter auf bis zu 500 Jahre.

Dort war die Schlittenbahn, die jetzt zugewuchert ist von Brombeeren und Bäumen. Dort kamen wir Kinder vom Stumpenhof regelmäßig in der Esslinger Zeitung, weil ein Fotograf gegenüber wohnte und das alljährliche Schlittenfahren-Bild von dort machte. Als Mutprobe galt es, den Baum zu besteigen. Aber was wollte man dort oben? Mädchen beeindrucken. Mein Nachbar versagte kläglich, lieh sich von einem Mädchen sogar noch ein Taschentuch als Polster für die Fingerspitzen, denn es tat richtig weh, wenn man sich in die Rinde krallte, um sich hochzuziehen. Er schaffte es nicht, ich versuchte es erst gar nicht.

Von unten hatte man auch so schon eine gigantische Sicht auf die Schwäbische Alb und das Albvorland. An der Bühleiche trafen wir uns, wenn wir den Wald erkundeten, Bucheckern sammelten und die Schalen mit den Fingernägeln aufknackten. Die Oma erzählte, wie man im Krieg mit Handwagen voll Bucheckern nach Reichenbach lief zur Ölmühle und sie pressen ließ.

Im Lützelbachtal ließen wir Kinder Boote fahren, holten Froschlaich oder jagten Forellen und Krebse. Vermutlich war das damals schon höchst illegal, aber wer wird je den Wert der Natur schätzen lernen, der sie nicht mit allen Sinnen erlebt hat? Wenn man rennend die Forellen ins flache Wasser hetzte und sie dann doch noch mit einer Kieme atmend, seitlich im seichten Wasser liegend, über die Steine entkam? Da unten gab es auch noch ein Schützenloch aus dem Zweiten Weltkrieg, das die Jugend von Reichenbach und Plochingen eine Zeit lang als Lägerle nutzte. Immer wenn wir von den Streifzügen den Wald hochkamen, kündeten die mächtigen Äste der Bühleiche den Waldrand an, und wir wussten, wir waren bald Zuhause.

Damals gab es wenig zwischen uns und der Natur, es war fast wie eine seelische Bindung. Wenn ein Gewittersturm aufzog, führte uns die Oma ans Fenster und betete. Irgendwann hörten der dickste Hagel und das schlimmste Gewitter wieder auf und wir lernten, dass Beten hilft.

Nicht aber der Bühleiche, der ein Blitz in einer Nacht die Krone spaltete, die Dachbalken in unserem Haus zitterten, als es einschlug. Das muss Anfang der 80er-Jahre gewesen sein. 1984 wurden die Brandwunden großflächig mit Baumharz verstrichen, Drahtsteile wurden an ihre mächtigen Kronenäste gespannt, damit sie nicht auseinanderbrach. Immer weiter wurde sie gestutzt. 2008 kam die Rundbank weg. Doch jetzt zerstört ein Pilz das Holz und wird den Baum umbringen.

Der Gemeinderat beschloss, den alten müden Baum nicht abzusägen, sondern ihn als Torso mit 1,50 Meter langen Ästen stehen zu lassen, damit er noch viele Jahre lang seltenen Tieren zur Herberge werden kann. Das ist gut so und pietätvoll auch. Nachdem sie so lange mit uns Plochingern gelebt hat und wir mit ihr, hat die Bühleiche ein würdiges Ende verdient.

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