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Dreieinhalb Monate nach dem umstrittenen Luftschlag von Kundus wird der Vorfall jetzt parlamentarisch aufgearbeitet. Ein Untersuchungsausschuss hat sich konstituiert.

Berlin - Dreieinhalb Monate nach dem umstrittenen Luftschlag von Kundus wird der Vorfall jetzt parlamentarisch aufgearbeitet. In Berlin konstituierte sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss unter Vorsitz der SPD-Abgeordneten Susanne Kastner, der weitgehend öffentlich tagen soll.

Es ist wie ein Puzzle, das sich verdichtet. Fast mit jedem Tag tauchen neue Versatzstücke mit Hinweisen und Dokumenten auf, was in der Nacht auf den 4. September tatsächlich in Kundus geschah. Bereits am 8. September berichtete unsere Zeitung, dass es dem kommandierenden Bundeswehroberst Georg Klein nicht allein um die Vernichtung der von Taliban entführten Tanklastzüge ging. Vielmehr waren in jener Nacht vier bis fünf namentlich bekannte regionale Talibanchefs als Kidnapper der Tanklastwagen identifziert - und auf Befehl des Deutschen von US-Piloten gelenkten Nato-Kampfjets gezielt unter Beschuss genommen worden.

Monate später konstituiert sich ein Bundestagsuntersuchungsausschuss, der diesen spektakulärsten Fall der Bundeswehr-Geschichte aufklären soll. Er soll herausfinden, warum der vor der Beförderung zum General stehende Klein diese Aktion veranlasste und auf welchen Wegen seine Vorgesetzten, die Verbündeten und schließlich die Bundesregierung von den Umständen des Luftschlags erfuhren. Dass dabei fast alles schief ging, was schief gehen konnte, viel getrickst und Informationen vorenthalten wurden, steht fest, seit der damalige Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, Verteidigungs-Staatssekretär Peter Wichert und der damals amtierende Wehrminister Franz Josef Jung ihren Dienst quittieren mussten. All sie werden als Zeugen vernommen - wie auch Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Bundeskanzlerin Merkel erklären müssen, wann sie was wussten.

Dieser Zeitung liegen bereits so viele vertrauliche Informationen vor, nach denen sich die wichtigsten Entscheidungen, Verfehlungen und Vertuschungsversuche jener Nacht rekonstruieren lassen.

b>4. September, 1:49 Uhr 4. September, 1:49 Uhr

Der deutsche Oberst Georg Klein befiehlt den Abwurf zweier 500-Pfund-Bomben auf die Sandbank, wo sich angeblich Talibangrößen der Region an zwei von ihnen entführten Tanklastzügen aufhalten. Ein Nato-Untersuchungsbericht zählt später 142 Tote und Verletzte, darunter viele Zivilisten. Klein hatte sich in erster Linie auf einen afghanischer Spitzel verlassen, der nicht einmal Sichtkontakt zum Tatort hat. Dafür hält er Telefonkontakt mit den Entführern und der deutschen Einsatzleitung um Oberst Klein im Feldlager Kundus (Task Force 47). Der Mann berichtet mehrfach, es befänden sich ausschließlich Aufständische dort, die sich am Benzin zu schaffen machten. Entgegen aller Einwände im Kommandostand ("Spielt der Informant sein eigenes Spiel?") verlässt sich Klein in diesen Stunden ausschließlich auf diese labile Quelle und sendet keine eigene Aufklärer-Einheit an den Tatort. Er unterrichtet weder den Rechtsberater-Stabsoffizier der eigenen Informations- und Nachrichtenaufklärung - noch seinen Vorgesetzten, Brigadegeneral Vollmer, der vom Regionalkommando Masar-el-Sharif aus alle 4200 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan befehligt. Auch das Isaf-Hauptquartier erfährt von Oberst Klein nichts über die Militäraktion. Statt dessen erhalten die beiden US-Piloten, die von Klein bestellt in 10.000 Meter Höhe über der Sandbank kreisen und schwarz-weiß Livebilder schicken eine zumindest strittige Antwort auf ihre Frage: Sind deutsche Soldaten bedroht? Ja, heißt es aus dem deutschen Feldlager - obwohl Klein darauf verzichtet hatte, eine eigene Aufklärer-(Boden)truppe an den Tatort zu entsenden. Erst wenn dies der Fall gewesen wäre, hätten nach den Einsatzregeln der Nato Luftunterstützung angefordert werden dürfen.

Kundus, Mitte August: Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND und das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr melden der Bundesregierung angeblich Hinweise, dass die Taliban das Bundeswehrfeldlager Kundus erstürmen wollen. Oberst Klein habe demnach davon ausgehen müssen, dass die Taliban in der Nacht zum 4. September diesen mörderischen Plan mit Hilfe der Benzin beladenen Lastwagen wahrmachen wollten. Allerdings halten Sicherheitsexperten diese Version für fragwürdig, weil das Camp derart gut geschützt ist, dass sich erst recht keine feindseligen Fahrzeuge nähern könne, ohne von mehreren vorgelagerten bewaffneten Kontrollpunkten gestoppt zu werden. Außerdem macht stutzig, dass Klein seinem Vorgesetzten Vollmer auch nicht berichtet, welcher Personenkreis an der Entscheidung zum Bombenabwurf beteiligt war. Er meldete nicht einmal, ob nachrichtendienstliche Quellen wie der BND eingebunden waren, obwohl der doch davor gewarnt haben soll, die Taliban wollten das Feldlager stürmen.

4. September, 2:28 Uhr

4. September, 2:28 Uhr

Das taktische Operationszentrum der Nato, das die Berichte der US-Piloten auswertet, meldet bestätigte Tote: 56 getötete Aufständische, 14 Flüchtende. Für Protokolle darüber, was sich in den Stunden direkt nach Bombardement am Tatort abspielt, sind sie nicht mehr zuständig. Auch Oberst Klein unternimmt zunächst keinerlei Bemühungen zu klären, was an der Sandbank geschieht - obwohl er verpflichtet ist, binnen zwei Stunden die Spuren am Tatort zu sichern. Auch Unterstützung vom Hauptquartier Masar el-Sharif lehnt er ab. Fest steht nur, dass seither viele Spuren verwischt wurden, fehlen.

4. September, mittags

4. September, mittags

Als Kleins Vorgesetzter Brigadegeneral Vollmer die deutsche Militärpolizei endlich aus dem Lager Masar El-Sharif in Bewegung setzt - die Einheit beschwert sich später darüber, dass Oberst Klein ihnen nicht alle Informationen zur Verfügung stellt - erreichen um 12:34 Uhr erstmals Deutsche den Ort des Geschenes. Dort sind weder Tote noch Verletzte zu finden. Der Ort wirkt wie gereinigt, heißt es. Die Einheit gerät unter Beschuss durch Aufständische, fährt in Nachbarorte und beginnt mit der Suche nach Zeugen des Bombardements. Die Afghanen erzählen, dass die getöteten Aufständischen von deren Kumpanen und die toten Zivilisten von ihren Dorfangehörigen entfernt worden seien. Die Beerdigung der Unbeteiligten sei für den kommenden Morgen zwischen 5 und 9 Uhr vorgesehen.

Bis zum heutigen Tag gibt es keine belastbaren Angaben über Zahl und Namen von toten und verletzten Opfern des Luftschlags. Der Kommandierende der Isaf-Streitkräfte in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, hält Klein vor, keine eigenen Soldaten zur Aufklärung an den Einsatzort geschickt zu haben. Es sei doch nicht möglich, von Bildern aus 10.000 Meter Höhe zu entscheiden, ob Taliban oder Zivilsten an den Tanklastern gewesen seien.

4. September, nachmittags

4. September, nachmittags

Aus dem Einsatzführungsstab im Berliner Verteidigungsministerium geht ein Fragenkatalog im deutschen Hauptquartier Masar el Sharif ein, mit der Bitte, elf Fragen zum Luftschlag kurzfristig zu beantworten. Demnach will der Stab unter anderem wissen, wodurch die Lage vor dem Bombardement aufgeklärt wurde, wieviele Aufständische sich dort aufhielten, wie diese als Taliban erkannt worden sind und wie viele Bomben abgeworfen wurfen. Wie interne Quellen belegen, beantwortet das deutsche Isaf-Haupquartier zwar die Fragen - überweist seinen Report jedoch an das Einsatzführungskommando aller deutscher Auslandseinsätze in Potsdam mit dem Hinweis, eine Weitergabe an das Verteidigungsministerium werde nicht empfohlen. Erneut sollen hier offenkundig wesentliche Informationen zu den Ereignissen jeder Nacht der militärischen und politischen Führung im Verteidigungsministerium vorenthalten werden.

Die Potsdamer Einsatzführung erfährt indes folgende Lageeinschätzung vor dem Luftschlag: Frauen und Kinder hätten sich nicht an der Sandbank aufgehalten. Die Aufständischen hätten versucht, die manövrierunfähigen Benzin beladenen Fahrzeuge abzuzapfen und für spätere Anschläge zu nutzen. Daher sei Oberst Klein von einer unmitelbaren Gefährdung seines Feldlagers Kundus ausgegangen. Zivilisten oder Unbeteiligte seien nich am Ort zu vermuten gewesen - allerdings nur mit der Begründung, dass die Piloten der Kampfbomber die Entfernung zu umliegenden Häusern berücksichtigt hätten. Die Frage, woran genau Klein die Taliban erkannt habe, läuft dagegen ins Leere. Die vertraulichen Berichte lesen sich gerade zu schwachbrüstig: Nicht alle Personen hätten offensichtlich Waffen getragen.

5. September

5. September

Deutsche Feldjäger treffen in den Ortschaften rundum den Tatort auf einheimische Repräsentanten und Gouvereure, die ihnen trotz der zivilen Opfer frei von Vorwürfen für das harte Durchgreifen gegen die Taliban danken. Einige nennen den Luftschlag für überfällig; selbst den getöteten Kindern und Jugendlichen unterstellen sie eine ideologische Nähe zu den aufständischen Taliban. "Warum halten die sich sonst nachts dort auf?" Oberst Georg Klein verfasst ein kurzes Schreiben an Wolfgang Schneiderhan, den Generalinspekteur im Bundesverteidigungsministerium, und rechtfertigt den Luftschlag. An seinen Zeilen wird ihn nun der Untersuchungsausschuss messen: Er habe Taliban und Tanklastwagen vernichten wollen, "um Gefahr für meine Soldaten frühzeitig abzuwenden und mit höchster Wahrscheinlichkeit nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen".

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