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Wer mit 20 Jahren schon zweimal den Grimme-Preis gewonnen hat, könnte sich was auf sein Talent einbilden. Aber dann wäre er vielleicht nicht dort, wo Schauspieler Ludwig Trepte heute ist.

Herr Trepte, in „Deutschland ’83“ geht es um den DDR-Spion Moritz Stamm. Sie spielen seinen Bundeswehrkameraden Alex. Was hat Sie an der Rolle gereizt?
Dass Alex noch seinen Platz im Leben sucht. Spannend ist die Entwicklung, die er im Laufe der Geschichte durchmacht, wie er sich allmählich aus den Zwängen seines übermächtigen Vaters befreit. Als Sohn eines Bundeswehrgenerals tritt er zunächst in dessen Fußstapfen, obwohl ihm diese Welt widerstrebt. Dann trifft er Leute aus der Friedensbewegung, sympathisiert mit ihnen. Als er merkt, dass der Weg der Friedensbewegung auch nicht seinen Ansichten entspricht, beginnt er, sich zu radikalisieren.
„Deutschland ’83“ gilt schon jetzt als die beste Serie, die RTL jemals gedreht hat. Wie schaffen Sie es, bei solchen Ausnahmeproduktionen immer wieder besetzt zu werden?
Ich glaube, da ist viel Glück dabei: zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Vielleicht auch weil die Leute, die bei der Filmbesetzung mitentscheiden, mich inzwischen kennen und meine Arbeit schätzen. Natürlich müssen sie mich auch in der jeweiligen Figur sehen. Es muss auf beiden Seiten passen.
Sie haben mal gesagt, es sei schwer, in Ihrem Beruf authentisch zu bleiben. Wie behalten Sie die Bodenhaftung?
Meine Familie erdet mich. Ich bin ein verheirateter Mann und ein glücklicher Vater. Unsere vierjährige Tochter Mathilda ist der Mensch, der es am besten schafft, mich immer wieder auf den Boden zurückzuholen. Wenn ich viele Wochen auf Dreharbeiten war, schwebe ich schon in anderen Sphären. Dann wieder nach Hause zu kommen ist so, als ob ich in den Heimathafen fahre, wo alles freundlich und vertraut ist.
Sie spielen oft extreme Charaktere – und das ohne klassische Schauspielausbildung. Wie erschließen Sie sich Ihre Figuren?
Ich war zwar auf keiner Schauspielschule, habe mich aber coachen lassen – von Schauspiellehrern, die verschiedene Ansätze vertreten. Daraus habe ich mir die Methoden genommen, die ich spannend finde. Wie ich mir eine Figur erarbeite, hängt vom Projekt ab. Wenn ich viel Zeit habe, nehme ich sie mir auch. Ich versuche immer, die Figur komplett zu verstehen: Wo will sie hin? Was sind ihre Absichten? Was treibt sie an? Wovor hat sie Angst? Damit arbeite ich dann.
Und wie gehen Sie dabei konkret vor?
Ich lese erst mal das Drehbuch. Dabei versuche ich, jedes Detail zu erfassen. Und mit diesen Puzzleteilen an Informationen baue ich mir dann gemeinsam mit dem Regisseur die Figur zusammen. Manchmal hilft mir auch ein Schauspiel-Coach, damit ich nicht auf eine falsche Fährte komme. Dann breche ich wieder alles auf und sehe mir jedes Teil einzeln an. Überlege mir bei jedem Satz, was die Figur mir damit sagen will.
Sie haben auch schon mal einen Mörder gespielt. Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?
Ich gehe dabei immer nach meinem Bauchgefühl. Die Figur muss etwas in mir bewegen. Gerade das Abgründige finde ich spannend, das fasziniert mich. Ich denke, unter bestimmten Umständen könnte jeder zum Mörder werden. Das ist ein schmaler Grat. Ich wüsste zum Beispiel nicht, wie ich reagieren würde, wenn jemand unserer Tochter etwas antun würde. Natürlich haben wir eine Moral, aber wie wir in einer Extremsituation handeln würden, wissen wir nicht.
Wie grenzen Sie sich von Ihren Filmrollen ab?
Es gibt beim Drehen immer wieder Situationen, wo ich überlegen muss: Bin ich das jetzt gerade, oder ist das die Figur? Es kann passieren, dass die Grenze verwischt. Sobald die Kamera läuft, bin ich halt voll in meiner Rolle. Zum Beispiel jetzt gerade bei den Dreharbeiten zu meinem neuen Kinofilm „Nirgendwo“. Da gab es Momente, wo es schwierig wurde, weil ich zu sehr in meiner Figur war, um die Spannung zu halten. Aber zum Glück gibt es da einen guten Trick.
Verraten Sie uns welchen?
Man zieht am Anfang der Dreharbeiten mit einem Seil oder einem Kreidestrich eine Linie, über die man beim Drehen geht. Und am Ende der Dreharbeiten geht man wieder zurück auf die andere Seite in die Realität. Das ist eigentlich ganz simpel, aber es funktioniert. Doch je kürzer die Dreharbeiten, desto komplizierter wird es, sich auf den Punkt in eine Figur hineinzubegeben.
Ihre erfolgreichsten Figuren sind junge Rebellen. Waren Sie als Jugendlicher auch rebellisch oder eher angepasst? Ihr Vater Stephan war in der DDR ja ein bekannter Rockstar.
Teils, teils. Ich war nie wirklich angepasst, ich war ein Stück weit rebellisch. Und dass mein Vater Rockmusiker war, fand ich immer ganz toll. Seine Leidenschaft zur Musik und wie er diese Kunst über seine Stimme auslebt, das hat mich schon geprägt. Es hat mich übrigens sehr gefreut, dass die Musik auch bei „Deutschland ’83“ eine große Rolle spielt. Die Songs der 80er haben ihren Anteil daran, dass die Serie so toll geworden ist.
Apropos Musik: Die Band Fettes Brot wünscht sich „Empathie als Schulfach“. Was halten Sie davon?
Viel. Mitgefühl ist doch das, was uns Menschen ausmacht. In Zeiten von Facebook und Smartphones geht mit der direkten Kommunikation auch das Miteinander verloren. Wir begegnen uns heute oft nur noch digital. Aber ich nutze diese Technik auch, obwohl ich ihre Schattenseiten sehe. Der Mensch besteht ja aus Widersprüchen. Wichtig bleibt, dass man einander zuhört und versucht, sich in den anderen hineinzufühlen.
Was ist nach den Dreharbeiten zum Kinofilm „Nirgendwo“ Ihr nächstes Filmprojekt?
Jetzt will ich erst mal eine Pause machen. Ich sehe meine Tochter gerade übers iPhone groß werden. Das tut weh, auf beiden Seiten. Kinder können ja nicht abstrahieren. ­Mathilda fällt es schwer zu verstehen, welchen Beruf der Papa hat und warum er manchmal länger weg sein muss. Und wenn man dann nur zwei Tage zu Hause ist, fällt es nicht leicht, sich so schnell wieder aneinander zu gewöhnen. Dann fragt sie: „Warum fährt der Papa wieder?“ Und das schmerzt. Am liebsten würde ich meine Familie immer bei mir haben, aber das geht leider nicht. Deshalb werde ich mir für den Rest des Jahres eine Auszeit nehmen. Für Mathilda. Denn sie ist wichtiger als jedes Filmprojekt.
Was möchten Sie Ihrer Tochter mit auf den Lebensweg geben?
Immer wieder aufzustehen, auch wenn’s mal schwerfällt. Und immer nach vorne zu schauen. Das Wichtigste ist aber, bei sich selbst zu bleiben – egal, was passiert, und egal, was die anderen sagen.

„Deutschland ’83“, ARD, vier Doppelfolgen, jeweils donnerstags ab 20.15 Uhr

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