180 Mitarbeiter und ein Jahresumsatz von acht Millionen Euro: Der Heimleiter Ralph Waibel trägt die Verantwortung für ein mittelständisches, gemeinnütziges Unternehmen. Foto: Frank Buchmeier

Ralph Waibel weiß, was Familien heutzutage umtreibt: Der 64-Jährige hat drei leibliche Kinder und drei Stiefkinder – und er leitet ein Kinderheim. Ein Gespräch über geschiedene Eltern, kriminelle Flüchtlingsjungen und Krisen während der Pubertät.

Mannheim - Offiziell gehört Seckenheim zu der Großstadt Mannheim, im Grunde ist es aber ein Dorf mit 16 000 Einwohnern. Ralph Waibel, den Mann mit dem Rauschebart, kennt hier fast jeder. Der 64-Jährige wohnt in Seckenheim, ist Vorsitzender des Sportvereins und engagiert sich in der evangelischen Erlösergemeinde. Und er arbeitet seit 1982 im örtlichen Schifferkinderheim. Zum 31. Dezember übergibt er die Leitung an seinen Nachfolger, vorher spricht er noch einmal Klartext.

Herr Waibel, die Zahl der staatlichen Inobhutnahmen steigt seit zwölf Jahren kontinuierlich. Es scheint, als wäre der Bedarf an Schutz und Hilfe für Kinder noch nie so groß gewesen wie heute. Woran liegt das?
Dafür gibt es viele Gründe. Zweifellos ist die Not in den vergangenen Jahren gewachsen. Beispielsweise gibt es immer mehr Mädchen, die sich ritzen, also mit Messern oder Rasierklingen selbst verletzen. So etwas ist für mich ein Zeichen, dass den Jugendlichen niemand mehr zuhört, dass sie nicht wahrgenommen werden. Positiv ist, dass Nachbarn, Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter heutzutage genauer hinschauen. Es fällt eher auf, wenn es in einer Familie zu ernsthaften Problemen kommt. Und die Jugendämter greifen gezielter ein, wenn das Kindeswohl gefährdet scheint. Schließlich führen natürlich auch gesellschaftliche Entwicklungen dazu, dass mehr Kinder in staatliche Obhut kommen. So steigt die Scheidungsrate stetig und damit auch die Zahl der Patchworkfamilien.
Ist es nicht besser, wenn sich Eltern trennen und mit einem neuen Partner eine Beziehung eingehen, als sich jahrelang zu streiten?
Leider führen neue Konstellationen selten zu harmonischen Familien. Früher hieß es: Die Kinder von Alleinerziehenden sind am meisten gefährdet. Neuere Studien zeigen, dass in Patchworkfamilien die Gefahr viel höher ist, dass es zu staatlichen Unterstützungen kommt. Das Konfliktpotenzial ist groß, wenn plötzlich ein neuer Vater oder eine neue Mutter auftaucht. Ich lebe selbst in zweiter Ehe, meine Frau hat eine achtjährige, eine 16-jährige und eine 20-jährige Tochter, da bin ich alter Simpel ganz schön gefordert. Jetzt bilde ich mir ein, dass ich viel Ahnung von Erziehung habe und weiß, wie ich Spannungen mit Heranwachsenden lösen kann. Wenn ich stur dem folgen würde, was ich denke und fühle, würde es zwischen meinen Stieftöchtern und mir vermutlich täglich knallen. Ich glaube, dass die traditionelle Familie eigentlich das Beste für ein Kind ist.
Das klingt konservativ. Dürfen Sie als Mannheimer SPD-Stadtrat so etwas überhaupt laut sagen?
Es ist richtig, dass ich mich in meiner Partei unbeliebt mache, wenn ich erkläre, dass ich kein Fan davon bin, dass beide Elternteile voll berufstätig sind. Aber ich weiß, dass es für meine eigenen drei Kinder ein Segen war, dass ihre Mutter daheim war. Ich bin nicht der Meinung, dass jedes Kind bis in die Abendstunden öffentlicher Erziehung ausgesetzt werden muss. Ganztagsschulen sind für Kinder wichtig, die daheim niemanden haben, der ihnen bei den Hausaufgaben helfen kann. In allen anderen Fällen sollten Familien so ausgestattet werden, dass sie die Betreuung selbst leisten können. Eine öffentliche Erziehung kann einem Kind emotional nicht das bieten, was ihm die Eltern bieten können. Eine Lehrerin oder ein Erzieher kann nicht so trösten wie eine Mutter oder ein Vater. Das sehen meine mittlerweile erwachsenen Kinder übrigens genauso.
Sind Sie mit Ihren eigenen Kinder anders umgegangen als mit den Kindern, die Sie in Ihrem Heim betreuen?
Nein. Als Erzieher und Vater gehe ich konsequent mit Kindern um. Konsequent heißt nicht streng, sondern klar.
Haben Sie Beispiele, was „klar“ bedeutet?
Wenn mein fünfjähriger Sohn im Winter der Meinung war, er müsse keine Jacke anziehen, gab es keine Diskussionen: Er musste eine Jacke anziehen, weil ich das als Vater so wollte. Und auf dem Gelände des Schifferkinderheims darf nicht geraucht werden, weil ich als Leiter das so verfügt habe. Es ist völlig normal, dass Kinder und Jugendliche Grenzen austesten, sie müssen sogar ihre Grenzen austesten können, sonst werden sie grenzenlos. Meine Aufgabe als Vater oder Erzieher ist, die Einhaltung bestimmter Regeln einzufordern.
Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?
Leider nein. Die heutigen Eltern sind bereits in einer Zeit aufgewachsen, in denen in der Erziehung wenig Grenzen gesetzt wurden, und sie setzen ihren eigenen Kindern nun noch weniger Grenzen. Ein typisches Beispiel: Wenn Jugendliche in der Straßenbahn ihre Füße auf den Sitz legen, traut sich kaum noch ein Erwachsener, etwas zu sagen. Vor 30 Jahren hätte das wohl kein Jugendlicher gewagt, und wenn doch, wäre er sofort auf sein Fehlverhalten angesprochen worden. Generell wird heute zu wenig Einfluss auf Kinder und Jugendliche genommen. Ich meine damit nicht, dass man ihnen alles verbieten sollte: Ein Heranwachsender muss auch mal über die Stränge schlagen können, um zu erfahren, dass auf jeden Rausch ein Kater folgt. Es geht um das richtige Auspendeln.

b>„Ich würde nie sagen, dass ein Kind schwierig ist“
Ich habe den Eindruck, dass manche Kinder schwierig sind, obwohl sich die Eltern sehr um ihr Wohl bemühen.
Ich würde niemals sagen, dass ein Kind schwierig ist, sondern dass die Familie ein Problem hat. Wenn man genauer hinguckt, findet man immer Ursachen für dieses Problem. So gibt es auch verwöhnt-verwahrloste Kinder, die überversorgt sind und eine falsche Erwartungshaltung entwickelt haben. Die ticken aus, wenn sie nicht bekommen, was sie haben wollen . . .  
. . . und landen dann womöglich in Ihrer Obhut.
Grundsätzlich kommen Kinder aus hoch belasteten Familien zu uns. Die Gründe, die zu den Belastungen führen, sind unterschiedlich: Scheidungen, Gewalt, Alkohol- und Drogenprobleme, oft ein Mix aus mehreren Faktoren. Entweder wird das Jugendamt auf solche familiären Krisen hingewiesen, etwa von der Polizei oder von der Schule, oder die Familien wenden sich von sich aus ans Jugendamt, weil sie nicht mehr weiterwissen.
Sind die Eltern in der Regel damit einverstanden, wenn ihr Kind ins Heim kommt?
Häufig sind sie das nicht. Jugendämter und Familiengerichte operieren im Spannungsfeld zwischen Elternrecht und Kindeswohl. Die schwierige Aufgabe besteht darin, dass man den Punkt erkennt, an dem das Kindeswohl so gefährdet ist, dass das Elternrecht nicht mehr greifen kann. Mit der Zeit wächst aber bei vielen Eltern die Einsicht, dass es gut ist, dass ihr Kind nicht mehr nah bei ihnen ist. Durch die Trennung wird die Luft aus einem Konflikt gelassen. Es geht bei den Streitereien ja oft um Alltagsdinge: Schulschwänzen, pubertäres Verhalten und so weiter. Durch den Abstand kommt es wieder zu einer Annäherung. Unser Ziel ist, dass die Kinder irgendwann wieder in ihre Familien zurückkehren können.
Aus welchen Milieus kommen die Kinder?
Die größte Gruppe kommt sicherlich noch immer aus armen, bildungsfernen Familien: Hartz-IV-Empfänger, beengte Wohnverhältnisse, viele Kinder unter einem Dach. Mehr als die Hälfte hat einen Migrationshintergrund. Wenn ein türkisches Mädchen vor 15 Jahren nicht gehorcht hat, wurde es kurzerhand aus der Familie ausgeschlossen. So läuft das heute nicht mehr. Nun kommen die Mädchen heim, und die Väter rasten aus: „Was bist du für eine Schlampe? Wie läufst du wieder rum?“ Und die Tochter sagt: „Meine Klassenkameradinnen laufen alle so rum.“ Es kommt unweigerlich zu Spannungen, wenn innerhalb einer Familie zwei Kulturen aufeinanderprallen.
Betreuen Sie auch Flüchtlingskinder in Ihrem Heim?
Ja: Syrer, Eritreer, Afghanen, Marokkaner . . . Wenn’s nach uns gegangen wäre, hätten wir jedes Kind in einer unserer normalen Wohngruppen untergebracht. Aber auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle war das unmöglich, weil es einfach nicht genügend Kapazität in den bestehenden Gruppen gab. Deswegen haben wir noch immer zwei Gruppen, die ausschließlich aus Flüchtlingsjungen bestehen, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind.
Wie kommen Sie mit diesen Jungen zurecht?
19 von 20 minderjährigen Flüchtlingen machen keinerlei Probleme. Aber die restlichen fünf Prozent halten uns auf Trab, weil sie kriminell sind. Sie räubern durch die Gassen, klauen Handtaschen und anderes. Werden sie erwischt, verhört sie die Polizei, dann landen sie wieder bei uns, weil sie gerade mal 12, 13 Jahre alt sind und somit noch nicht strafmündig. Wir haben keine Idee, wie wir das ändern können, weil diese Jungen nichts von uns Pädagogen wissen wollen. Sie spucken auf uns, manchmal auch im wahrsten Sinne des Wortes. Im Grunde sind das arme Kerle, es kommt ja niemand als Dieb zur Welt. Das Schlimme ist, dass sie mit ihrem Verhalten nicht nur Flüchtlinge generell diskreditieren, sondern auch unsere Einrichtung in ein schlechtes Licht rücken. Ich freue mich gewiss nicht, wenn jeden zweiten Tag ein Streifenwagen vor unserem Haus parkt.
Was könnte man dagegen tun?
Der deutsche Staat ist verpflichtet, jeden Minderjährigen, der hier ohne Eltern auftaucht, in seine Obhut zu nehmen. Das kann und darf man nicht ändern. Es gibt nur einen Weg: Wir müssen Jugendhilfe dort installieren, wo die Probleme entstehen, also beispielsweise in Marokko. Warum sollte Deutschland nicht in Nordafrika Sozialarbeiter ausbilden?
Kurzfristig hilft das nicht.
Das stimmt. Wir benötigen Sicherheitspersonal, das auf die Jungs aufpasst, und ein speziell auf sie zugeschnittenes pädagogisches Angebot – in der Hoffnung, dass wir zu dem ein oder anderen doch noch einen Zugang finden.
Bauen nur Flüchtlinge Mist?
Natürlich haben wir auch mit anderen Jugendlichen ab und an Theater. Vor einiger Zeit hat ein 18-Jähriger in der Nacht vor seiner Entlassung aus dem Heim im Suff eine halbe Schrebergartensiedlung in Seckenheim verwüstet. Unser Hausmeister war drei Wochen lang damit beschäftigt, wieder alles in Ordnung zu bringen. Ein anderer hat im Ort auf Hauswände Graffiti geschmiert. Daraufhin bin ich mit dem Jugendlichen und einem Malermeister durch Seckenheim marschiert, und wir haben gemeinsam alle Schäden erfasst. Anschließend musste der junge Mann dabei helfen, die Hauswände frisch zu streichen. Meine Botschaft ist: Wir haben nichts zu verbergen, auch dann nicht, wenn unsere Kinder etwas ausgefressen haben.

„Unsere Kinder sind auch eure Kinder“

Können Sie mit dieser Offenheit jeden Seckenheimer für sich gewinnen?
Es gibt Einzelne, die sich über das Heim mokieren. Denen sage ich: Unsere Kinder sind auch eure Kinder. Und wir sind nicht das Problem, sondern ein Teil der Lösung.
Ein Wohngruppenplatz kostet monatlich 4500 Euro. Ist das Geld effektiv eingesetzt?
Diese Frage ist legitim, weil die stationäre Heimerziehung ja leider häufig keine langfristigen Erfolge hat. Es gibt Eltern, die ich vor 30 Jahren betreut habe, als sie noch Kinder waren, und deren Kinder heute auch wieder im Heim sind.
Was kann man unternehmen, damit dieser Kreislauf durchbrochen wird?
Wir müssen früher, häufiger und direkter in die Familien. Deswegen wurde ja auch die Familienhilfe geschaffen, die den Eltern und Kindern zur Seite steht, sobald es Auffälligkeiten gibt. Ich bin ein großer Freund von solchen präventiven Maßnahmen. Am besten sollte man sie schon ergreifen, bevor das Kind auf der Welt ist: Von mancher schwangeren Frau weiß man ja, dass sie mit der Mutterrolle überfordert sein wird. Wenn sie rechtzeitig Unterstützung bekommt, stehen die Chancen gut, dass ihr Kind niemals in einem Heim landen wird. Jeder Euro, der in die Familienhilfe investiert wird, zahlt sich später aus. Es braucht aber noch etwa eine Dekade, bis wir die Wirkung tatsächlich spüren.
Warum sind Sie Heimerzieher geworden?
Als ich 14 war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Danach verlief meine Jugend chaotisch, und ich war ziemlich früh auf mich allein gestellt. Als junger Kerl habe ich einiges angestellt, auch Grenzwertiges. In dieser Phase habe ich aber eine Empathie für Menschen entwickelt, die es nicht leicht im Leben haben.
Wie haben Sie damals die Kurve gekriegt?
Ein Psychologe würde mir vermutlich eine gewisse Resilienz attestieren. Meine Berufserfahrung zeigt mir, dass es Kinder gibt, die die Fähigkeit besitzen, Krisen mehr oder weniger alleine zu bewältigen, und andere, die diese Fähigkeit nicht besitzen. Vielleicht habe ich die Resilienz von meiner Oma geerbt, sie war der willensstärkste Mensch, der mir je begegnet ist.
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