Treffpunkt an der Palme: Das Waranga beim Kunstmuseum breitet sich in schönen Sommernächten weit auf dem Kleinen Schlossplatz aus. Foto: Wilhelm Mierendorf

In Sommernächten wird der Kleine Schlossplatz zum großen Schauplatz. Bei der Party zum 14. Geburtstag hat das Waranga mal wieder gebrummt. Hier treffen sich Trendbewusste mit coolen Berufen, um den Black Tiger mit Aussicht zu genießen.

Stuttgart - Waranga – so heißt ein Dorf in Uganda. Der nicht grad urschwäbische Name soll ausdrücken,was die Bar sein will: eine exotische Oase in der Hektik der Stadt.

Die urbane Insel ist exponiert – so wie man’s in Stuttgart gern hat: Halbhöhenlagen erlauben tolle Aussichten. Junge Leute sitzen halbhoch auf der Treppe beim ganz hohen Kunstmuseum. Mit Blick auf leuchtende Hügel und aufs Neue Schloss schmecken der Gin Tonic oder der Black Tiger wie im Urlaub. Bei der Feier zum 14. Geburtstag des Lokals, das sich bei schönem Wetter um ein Zigfaches mit zwei Außentheken ausdehnt, brummt’s. Der Ort mit der über vier Meter hohen Palme, die zum Überwintern in eine Halle transportiert wird, verpflichtet. Das Waranga ist Nachfolgerin einer Legende. Paul’s Boutique, wo man einst den Caipi aus der Badewanne geschöpft hat, war in den 1990ern ein Zentrum des jungen Stuttgart.

Heimweh nach dem Schlossplatz-Feeling hat Tim Bengel in der Ferne gespürt. Sechs Wochen lang ist der 27-Jährige, der mit seinen Sandbildern als „Popstar der Kunstszene“ gefeiert wird, um die Welt gereist. Quasi zur außerbetrieblichen Fortbildung war er unterwegs, von Kapstadt bis Moskau, zum Inspirieren und Finden neuer Kunstideen.

Aus dem Kollektiv „Kunschd“ wird die „Plattform 11“

Sammler kaufen seine Werke als Geldanlage. „Nach der ersten Million, die ein Bild von dir erzielt, gibst du ’ne Waranga-Runde aus“, sagt einer. Bengel lächelt milde. „Ach, ums Geld geht’s doch gar nicht“, winkt er ab, „es geht um die Challenge.“

Im Juli steht eine Herausforderung daheim an: Im führenden Auktionshaus Nagel wird er seine Werke präsentieren – mit der Plattform 11, dem „Kollektiv der jungen Kunst“, das zuvor „Kunschd“ auf gut Schwäbisch hieß und sich nun einen neuen Namen mit der Ziffer 11 aus der Vorwahl 0711 für die internationale Ausrichtung gegeben hat.

Die Kunst allein treibt diesen Bengel nicht um. „Wir müssen unser Leben völlig umstellen“, sagt er. Klar, von was er spricht. Vom Klima! Selbst in Thailand, wo er war, sei man weiter. „Dort fährt man mit E-Rollern, nicht mit Benzinautos“, berichtet der 27-Jährige. Vom Fleisch müsse man sich verabschieden, nicht nur wegen der Treibhausgase. Der Tierschutz liegt ihm „aus ethischen Gründen“ sehr am Herzen.

Kulturbürgermeister Fabian Mayer hat im Waranga gearbeitet

Seinen Durchbruch an den Rändern der etablierten Kunstwelt hatte Tim Bengel mit Videos, die millionenfach in den sozialen Medien geteilt wurden. Ohne digitale Instrumente geht nicht mehr viel. Der Youtuber mit dem blauen Schopf führt es der Politik vor. Einst hieß es, das Waranga caste sein Personal wie eine Modelagentur – so schön waren die Thekenhelden (Kulturbürgermeister Fabian Mayer hat hier in den Anfangsjahren gearbeitet). Heute ist das Waranga ein beliebter Ort von Digital Heroes. Constantin Schiller ist einer von ihnen. Der Agenturchef – auch er feiert beim 14. Geburtstag auf dem Aussichtsplateau mit – bringt Firmen und Influencer zusammen. Über Online-Marketing helfen einflussreiche, gut bezahlte Blogger etwa bei der Imagefestigung von Marken.

Junge Konsumenten werden nicht mehr über TV-Werbung erreicht – sie orientieren sich an Vorbildern im Netz. „Sehr wichtig ist es, Werbung und Partnerschaft als solche zu kennzeichnen“, sagt Schiller, „es gibt viele Anwälte, die sich darauf spezialisieren, versteckte Werbung abzumahnen.“

Aktivkohle, glaubt ein Münchner Barmixer, wird Drink-Trend

Ganz analog wirbt bei der Waranga-Party der Münchner Bartender Marcel Wanek. Mit Aktivkohle hat er den Drink Black Tiger, eine Art Mojito, kreiert, den er dunkelschwarz mit violettfarbenem Veilchen als Dekoration anbietet. Wesentlicher Bestandteil ist der Tiger Thai Tea, den die Stuttgarter Gastronomin My Linh Vo-Ben Ghozlen nach einem alten, vietnamesischen Familienrezept auf den Markt gebracht hat.

Wanek sagt voraus, dass Aktivkohle, die mit reinigender Wirkung gesund sei, Drink-Trend wird. Wie der Münchner Barstar nach Stuttgart kam? Ganz einfach: über New York! Dort hatte er für einen Galeristen bei der Vernissage eines jungen deutschen Künstlers Cocktails gemixt – der Künstler hieß Tim Bengel. Seitdem sind sie befreundet. Und wir sehen: Am Ende trifft jeder Erfolgsweg, ob über München oder New York, na klar, mitten ins Herz von Stuttgart.

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