Menschen als Gefängniszellen und Coronavirus: Demonstranten zeigen auf durchaus kreative Art und Weise ihr Anliegen. Foto: AFP/THOMAS KIENZLE

Merkelkritiker, Impfgegner und besorgte Bürger, die dauerhafte Einschränkungen der Grundrechte befürchten, kommen von nah und fern zur Demonstration auf dem Stuttgarter Wasen. Ein Redner zieht sie besonders in den Bann.

Stuttgart - Deutschlandfahnen, Schwedenfahnen, Regenbogenfahnen und viele selbst gebastelte Transparente waren am Samstag auf dem Cannstatter Wasen zu sehen. „Es sind bereits mehr Menschen am Virus verblödet als gestorben“, hieß es darauf, „Stoppt die Corona-Diktatur“ oder auch „Merkel muss weg“. Der Veranstalter, die Initiative Querdenken 711, hatte 50 000 Teilnehmer angemeldet. Um den Mindestabstand einhalten zu können, hatte der Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) entschieden, nur 10 000 Teilnehmer zuzulassen. Viele kamen von weit her, das verrieten auch die Kennzeichen der Autos auf dem Parkplatz: Freiburg, Aachen, Köln und Frankfurt waren dort vertreten.

Trotz dieser Auflage gelang es nicht immer und überall, den gebotenen Abstand zu gewährleisten. Schon auf der Anreise zum Wasen boten sich Bilder, wie man sie seit der Einführung der Kontaktbeschränkungen nicht mehr kennt: Statt einzeln oder zu zweit waren die Menschen in Pulks unterwegs. Dennoch waren die Veranstalter sehr darum bemüht, die Sicherheitsregeln einzuhalten. Das stellten auch die Polizei und Vertreter des Ordnungsamts fest. Im Bereich nahe der Bühne waren mit Kreide Kreuze als Abstandsmesser auf den Asphalt gemalt worden. Ordner kontrollierten, dass zwischen den Kreuzchen niemand stand. Weiter hinten, wo Markierungen fehlten, war dies nicht immer der Fall.

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Dort schwenkte etwa Olaf Schmiß (61) eine Deutschlandfahne. „Die habe ich mitgenommen in Bezug auf unsere deutschen Grundrechte. Dazu stehe ich, das ist unsere Nationalität und unsere Identität.“ Wäre er Politiker, so Schmiß, würde er die „drastischen Freiheitsbeschränkungen“ sofort aufheben. Für gefährlich halte er das Virus „überhaupt nicht“. Das sieht auch Ralph Kuhs (56), ein Deutscher, der im Elsass lebt, so. Froh sei er darüber, dass zu den Demos Leute aus allen gesellschaftlichen und politischen Schichten kämen, „nicht nur Rechte oder nur Linke“.

AfD-Mann Stefan Räpple auch anwesend

Einzelne Politiker waren auch anwesend. Die ­Deutschlandfahne schwenkend, ­genoss zum Beispiel der AfD-Mann Stefan Räpple den Gang durch die Menge auf dem Wasen – ein altes Wahlplakat hatte er überklebt mit dem Spruch „Die Regierung verarscht uns alle“. Mit ihm schritt die AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum über den Platz.

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Einer der Redner auf der Bühne war Stefan Homburg, Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen an der Uni Hannover. Er verglich den Lockdown mit den Hungerspielen aus dem dystopischen Roman „Die Tribute von Panem“ und die aktuelle Zeit mit den 1930er Jahren, der Machtergreifung Hitlers: „Ich habe nie verstanden, wie so etwas passieren konnte. Jetzt sieht man, wie fragil alles ist und dass sich so etwas jederzeit wiederholen könnte.“ Die Wissenschaftler halte er für weitgehend korrumpiert. Homburg ist in der Vergangenheit als Eurokritiker aufgetreten, er wird aufgrund dieser Position in der Gründungszeit der AfD zu deren Unterstützern gezählt.

Verweis auf das Modell aus Schweden

Der Stuttgarter Arzt Wilfried Geissler berichtete auf der Bühne von Freunden, die Corona-Infektionen und die dadurch ausgelöste Covid-19-Erkrankung gut überstanden hätten. Seiner Berechnung nach seien im vergangenen Monat „nur drei Prozent“ an den Folgen von Covid-19 gestorben. Deswegen finde er die Schutzmaßnahmen in Deutschland überzogen. Er verwies auf das schwedische Modell, das er richtig findet. International ist Schweden inzwischen allerdings viel kritisiert worden für seinen Weg ohne Lockdown und die Auswahl der zu beatmenden Patienten; darüber sprach der Arzt aus Möhringen jedoch nicht. Geissler ist auf Stuttgarter Demobühnen kein Unbekannter: Er war auf Demos gegen das Dieselfahrverbot aufgetreten und hatte wissenschaftliche Erkenntnisse infrage gestellt: Er bezweifelte, dass Abgase die Gesundheit massiv schädigen könnten.

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Den größten Beifall erntete jedoch der ehemalige RBB-Journalist und heutige Youtuber Ken Jebsen. Eine seiner Theorien: Corona werde von der Regierung als trojanisches Pferd eingesetzt, um die Politiker mächtiger und die Bürger ohnmächtiger zu machen. Man lebe ohnehin nur in einer Art „Demokratie-Simulation“, eine echte Demokratie sei das nicht. Jebsens Thesen sind hochumstritten. So behauptet er unter anderem, Bill Gates und seine Frau Melinda finanzierten die Weltgesundheitsorganisation WHO zu mehr als 80 Prozent. Das ist falsch. Die WHO legt ihre Finanzierung offen. Zwar ist die Stiftung der Gates eine der größten Geldgeberinnen. Ihr Anteil liegt aber bei gut elf Prozent. Auch seine Theorie, die Bundesregierung plane eine Impfpflicht, ist mehrfach widerlegt, unter anderem vom Recherchebündnis Correctiv.

Demonstranten kommen von weit her

Am Tag nach der Demo verteidigte der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Schutzmaßnahmen. Diese hätten ihre Wirkung nicht verfehlt: Die Zahl der Infektionen sei in der Stadt deutlich zurückgegangen. „Das ist ein Erfolg der Bürgerinnen und Bürger, die sich sehr diszipliniert an die grundlegenden Regeln gehalten haben“, so Kuhn.

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