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Stuttgart - Die Klimakatastrophe kann nur abgewendet werden, wenn Energie effizienter genutzt und stärker auf erneuerbare Energiequellen zurückgegriffen wird. Doch die Widerstände gegen ein neues globales Energiesystem sind groß.

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b>Weg in die Katastrophe

Weg in die Katastrophe

Die Szenarien der Klimaforscher erinnern an Endzeitthriller von Hollywoodregisseur Roland Emmerich. Fakt ist: Das Weltklima gerät aus den Fugen. Überflutete Küsten, schmelzende Gletscher, versauerte Ozeane, sich ausbreitende Wüsten. Um die Folgen der drohenden Katastrophe abzumildern, sehen Experten nur einen Ausweg: "Wir müssen die globalen Emissionen an Kohlendioxid bis 2050 halbieren", fordert Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Weltweit werden rund 31 Milliarden Tonnen CO2 durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Erdöl, Gas und Kohle in die Atmosphäre geblasen. Hinzu kommen rund 6,5 Milliarden Tonnen, die durch Abholzung und Brandrodung entstehen. Trotz aller Bemühungen ist der CO2-Ausstoß seit 2000 um ein Drittel angestiegen. Grund ist vor allem die rasante Industrialisierung von Schwellenländern wie China und Indien.

Wo bleiben diese gigantischen Mengen an emittierten Kohlendioxid, die ungefähr zu gleichen Teilen von der Industrie, Gebäudeheizungen und dem Kfz-Verkehr stammen? Nach Abgaben der Deutschen Energie-Agentur (Dena) verbleibt ein Großteil in der Atmosphäre. Fünf bis zehn Milliarden Tonnen werden jährlich in den Ozeanen gebunden. Die Wälder entziehen der Atmosphäre 1,8 bis 5,1 Milliarden Tonnen.

Klimawandel

Klimawandel

Seit Beginn der Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts ist die durchschnittliche Temperatur auf dem blauen Planeten um 0,8 Grad Celsius gestiegen. Mit gravierenden Folgen: Das Polareis schmilzt, Wirbelstürme und Wetterextreme nehmen zu.

Damit der Klimawandel nicht unumkehrbar wird, darf sich die Erde nicht mehr als zwei bis drei Grad erwärmen. "Es ist keine scharfe Grenze, aber überschreiten wir sie, so werden die Schäden zusehends unbeherrschbar", warnt Schellnhuber. Mit der Halbierung der CO2-Emissionen bis 2050 hat sich die Staatengemeinschaft ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. In Industrieländern wie Deutschland sollen es sogar 80 Prozent sein.

Die meisten Menschen machen sich wenig Gedanken über ihre CO2-Bilanz. Dabei hinterlässt jede Tätigkeit, jedes Produkt, jede Dienstleistung, jede Mobilität einen CO2-Fußabdruck. Allein 40 Prozent der klimarelevanten Emissionen werden durch Ernährung und Konsum verursacht. Forscher des Freiburger Öko-Instituts und Potsdam-Instituts haben errechnet, dass zehn Rollen WC-Papier mit 2,5 Kilogramm CO2 zu Buche schlagen - wobei 84 Prozent auf die Produktion entfallen. Auch das Internet ist ein CO2-Riese. "Alle Server weltweit haben die gleiche CO2-Emission wie der Flugverkehr", erklärt Sven Teske von der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Hamburg.

Jeder Bundesbürger produziert heute durchschnittlich elf Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Bis 2050 könnten die Deutschen ihren CO2-Ausstoß nicht nur halbieren, sondern sogar auf unglaubliche 0,3 Tonnen pro Kopf senken - ohne dass sich ihr Leben dramatisch verändert. Davon ist man bei der Umweltstiftung WWF, bei Greenpeace oder beim Öko-Institut überzeugt.

Dieser Wert sei technologisch machbar, wenn die Politik dem Klimaschutz entsprechend Priorität einräumt. Andere Experten sind weit weniger optimistisch und gehen von sehr viel höheren CO2-Werten für 2050 aus. So schätzt die Internationale Energie-Agentur (IEA) in einem Szenario, dass die CO2-Emissionen sich bis 2050 nur um 16 Prozent gegenüber dem heutigen Stand reduzieren ließen.

"Auf was müssen wir verzichten, um diesen Grenzwert zu erreichen", fragt ein besorgter Leser unserer Zeitung. Erwartet uns eine "Liste von Grausamkeiten"?

Die Welt 2050

Die Welt 2050

Greenpeace-Energieexperte Teske gibt Entwarnung. "Das Recht auf Entwicklung und Energie bedeutet nicht das Recht auf CO2. Die Energiegewinnung kann weitgehend über regenerative Ressourcen funktionieren." Sein Fazit: "Es geht nicht zurück in die Höhle." Wie die meisten Experten hält er ein Minus von 80 Prozent für realistisch. "Die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien ist heute machbar."

Energiefachmann Veit Bürger vom Öko-Institut geht sogar von 95 Prozent aus. Gerade in den Bereichen Verkehr und Hausbau seien die technologischen Fortschritte enorm. "Künftig wird sich vieles über den Markt und die Energiepreise regeln." Wenn ein Liter Benzin in zehn Jahren fünf, sechs Euro koste, werde der Trend in Richtung 1,5-Liter-Auto ganz automatisch erfolgen.

Wie werden die Städte der Zukunft aussehen? Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat in seiner Studie "Zukunftfähiges Deutschland" ein Szenario für 2050 entworfen: Auf allen großen Gebäuden glitzern Solaranlagen. Die Häuser sind wärmegedämmt. Statt aus Kohle- und Atomkraftwerken stammt der Strom aus Biomasse, Geothermie oder Solarenergie. Städte wie München werden ihre Emissionen um fast 90 Prozent reduziert haben - ohne Minderung des Lebensstandards. Das größte Einsparpotenzial sehen Forscher bei der Wärmedämmung: Die heute verbrauchte Energie könnte um vier Fünftel sinken.

"Vor allem bei der Mobilität werden sich die Verhaltensmuster ändern", prognostiziert Claus Bartel, Projektleiter beim Wuppertal Institut. Weg von Benzinschluckern hin zu Sparautos, Bus und Bahn. "Möglicherweise kommt auch das Ende der Billigflieger." Auch er beruhigt: "Die Menschen können beruhigt sein. Wenn man möglichst früh mit der CO2-Reduzierung beginnt, kann alles kostenneutral gehen."

Energie-Revolution

Energie-Revolution

Um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen, muss das globale Energiesystem auf eine neue Basis gestellt werden. Energie muss gespart und effizienter genutzt, regenerative Quellen wie Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse stärker angezapft werden. "Fürchten muss man nur, dass man nichts tut", betont Joachim Nitsch, Ingenieur beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart. "Wenn man alles laufen lässt, wird man viele Klimaschäden haben und die Preise von Öl und Gas werden einem das Leben schwer machen. Nur wenn wir in die Zukunft investieren, können wir unseren Lebensstandard halten."

Angesichts des gescheiterten Klimagipfels in Kopenhagen sind allerdings Zweifel angebracht, ob die erforderlichen Schritte zur Rettung des Klimas rechtzeitig erfolgen. Über 190 Staaten konnten sich nicht auf eine verbindliche Reduktion der Treibhausgase über 2012 hinaus verständigen. Schlimmer noch: Nach IEA-Schätzungen wird sich der Energiebedarf bis 2050 verdoppeln.

Der "Stern-Report", ein 2006 veröffentlichter Bericht des früheren Chefökonomen der Weltbank Nicholas Stern, hat die Kosten des Klimawandels beziffert. Demnach müsste die Konzentration an Treibhausgasen unter einem Wert von 550 ppm (Parts per million - die Maßeinheit wird in der Wissenschaft für einen millionsten Teil verwendet) gehalten werden, damit die Durchschnittstemperatur nur um zwei bis drei Grad steigt.

Dafür müsste jedes Jahr ein Prozent des globalen BIP in Energiesparen und erneuerbare Energien investiert werden. Geschieht dies nicht, würde die Weltwirtschaft aufgrund der Klima bedingten Schäden kollabieren. Bei einem Fünf-Grad-Anstieg könnten sich die Schäden auf jährlich 20 Prozent des BIP summieren, so Stern.

Neues Bewusstsein

Neues Bewusstsein

Die Klimarevolution findet nicht nur in Technologiezentren und Parlamenten, sondern auch in den Köpfen der Menschen statt. Sie setzt ein neues Bewusstsein und einen schonenderen Umgang mit den Resourcen voraus. "Viele fürchten sich vor einer Veränderung in eine ungewisse Zukunft." Zu Unrecht, meint Nitsch.

Dass man sein Verhalten ändern müsse, hält er auch für einen Gewinn an Lebensqualität. "Die sorglose Verschleuderung von Ressourcen wird eingeschränkt. Die unbedenkliche Vielfliegerei wird es in diesem Maße nicht mehr geben. Wir werden mobil bleiben - mit sparsameren Autos und der Bahn."

"Es gibt unendlich viele Möglichkeiten CO2 im Alltag zu sparen", ergänzt Bartel. "Viele Verbraucher wissen gar nicht, wo sie die Stellschrauben ansetzen müssen." Wenn man beispielsweise 1000 Kilometer weniger im Jahr mit dem Auto fährt und auf Bus und Bahn umsteigt, erspart das der Atmosphäre 250 Kilogramm CO2. TV-Gerät und Stereoanlage ausschalten statt auf Standby spart pro Jahr 100 Kilogramm. Weniger Fleisch essen und regional erzeugte Bioprodukte kaufen summiert sich 400 Kilogramm jährlich.

Klimaschutz

Klimaschutz

Der Wandel von der klimaschädlichen zur klimaverträglichen Wirtschafts- und Lebensweise mit einer CO2-Reduzierung von elf auf 0,3 Tonnen sind möglich und bezahlbar. Laut Greenpeace sind bis 2030 rund 334 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen notwendig (Gebäudesanierung oder regenerative Technologien). Dem stehen Einsparungen von 670 Milliarden Euro (Ausgaben für Brennstoff oder CO2-Kosten) gegenüber. Auch technologisch sei die Umstellung kein Problem, so Bartel: "Es ist nur eine Frage der Kosten und des Tempos."

Deutschland will beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle spielen. Das Know-how - neue Baustoffe, Hochleistungswärmedämmstoffe, biologische Produktionsprozesse - stehen schon heute zur Verfügung. Bis 2050 soll der Mix aus erneuerbaren Energieträgern 90 Prozent des Stroms generieren.

"Ich bin optimistisch, was diese Zukunftszenarien angeht", sagt Bartel. In den letzten 20 Jahren habe sich enorm viel getan. Es sei zwar noch ein weiter Weg, aber die Notwendigkeit des Energiewandels sei anerkannt. "Jetzt müssen den Worten Taten folgen."

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