Joachim Lehrer und Elena Hocke richten die Ausstellung ein. Foto: factum/Andreas Weise

Die Ausstellung von Malern und Fotografen in der Galerie der Stadt Herrenberg verdient das Prädikat „wertvoll“.

Böblingen - Irgendwann war es dem Reutlinger Elektrotechnik-Studenten Joachim Lehrer zuviel mit Tutorien, Vorlesungen und Praktika. Der Künstler in ihm trieb ihn in die Ausstellungshallen des Stuttgarter Kunstvereins: Dort sah er sein erstes fotorealistisches Gemälde, das ihn so faszinierte, dass er die Elektrotechnik an den Nagel hängte und Kunstgeschichte und Rhetorik studierte. Das war Mitte der Siebzigerjahre. Damals begann er auch, sich die altmeisterliche Maltechnik selbst beizubringen.

Mit der Ausstellung „Neue Romantik“, die am Donnerstag im Bürgeramt von Herrenberg begann, hat noch mehr begonnen: Die Kunstrichtung der „Neuen Romantik“ etabliert sich in der Kunstszene. Schon sieht man in den Werbefilmen von Sportartikeln den „Wanderer über dem Nebelmeer“ zitiert. Für Joachim Lehrer ist dieses Gemälde von Caspar David Friedrich auch in der Neuen Romantik zentral: „Die Haltung der Neuen Romantik spiegelt die Einsamkeit in der Vielheit. Wir sind wieder auf uns allein gestellt in dieser unübersichtlichen Welt.“

Erstaunliche Kunstfertigkeit

Lehrers Gemälde sind von einer erstaunlichen Kunstfertigkeit geprägt und zeigen auf kleinen Wohlfühl-Inseln Wohnwagen, Hausboote und Hütten, die durch menschenfeindliche Umgebungen treiben oder fadenscheinig vertäut sind. „Bilder, die ich von meinem Inneren abmale“, sagt Lehrer, und die er nur deswegen so malen konnte, weil ihm ein befreundeter Chemiker die traditionellen Pigmente der Alten Meister lieferte.

Etwa 35 Bilder sind in der Ausstellung „Neue Romantik“ zu sehen. Werner Fohrer zeigt gebrochene Gebirgslandschaften und schillerndes Wasser, die beiden Fotographen Christoph von Hausen und Rolf Linnemann haben magische Orte in der Natur aufgesucht, die sie zusätzlich illuminieren. Michael Krähmer malt geradezu surrealistische Wasserlandschaften und Elena Romanzin zeigt Architektur und Frauenporträts.

Eine Schule des Sehens

Die Kuratorin der Ausstellung „Neue Romantik“ ist Elena Hocke, sie hat auch die Entscheidung für die sechs Maler und Fotografen getroffen, deren Werke vielleicht manche an der Grenze zum Kitsch sehen würden. Bei diesem Argument winkt Joachim Lehrer einfach ab. „Dieser Einwand ist ein Begleiter meines Lebens“, sagt er lachend. Elena Hocke versteht diese Ausstellung durchaus auch didaktisch. „Die Gegenständlichkeit in der Malerei hat nie aufgehört“, sagt sie. „Wir wollen unseren Besuchern eine Schule des Sehens bieten und zeigen eben vielfältige Kunststile.“ Für diese besondere Ausstellung der „Neuen Romantik“ gilt jedenfalls eins: Hingehen und sich von den Gemälden verzaubern lassen.

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