Palästinenser in Gaza tragen einen 27-jährigen Demonstranten zu Grabe, der bei den Ausschreitungen am Montag zu Tode gekommen war. Foto: AFP

Die Europäische Union sieht in Gaza das Prinzip der Verhältnismäßigkeit verletzt. Palästinenser begraben ihre Toten.

Tel Aviv - Zu Zehntausenden sind die Menschen am Dienstag auf den Beinen, um sechzig Todesopfer in ganz Gaza zu Grabe zu tragen. Blutige Bilanz des vorangegangenen Protesttages, an dem an die 50 000 Palästinenser, nicht nur junge Männer wie sonst üblich, sondern auch Frauen und Kinder, gegen den israelischen Sicherheitszaun anrannten. Angetrieben von der Hamas, aber auch aus Verzweiflung über das aussichtslose Leben in diesem abgeriegelten Elendsstreifen.

Derartige Opferzahlen hat es zuletzt im Sommer 2014 während des Gaza-Krieges gegeben oder auch in den ersten Tagen der zweiten Intifada, die Ende September 2000 eine blutige, jahrelange Eskalationsspirale in Gang setzte. Wird sich ausgerechnet am Nakba-Tag, an dem die Palästinenser ihrer Katastrophe von Flucht und Vertreibung vor 70 Jahren gedenken, die Wut noch eindämmen lassen?

Prekäre medizinische Versorgung

Die in Gaza herrschende Hamas hat am Morgen die einige hundert Meter vor den Grenzbarrieren nach Israel errichteten Protestlager abbauen lassen. Ein erstes Zeichen, dass ihre Führer das Blutvergießen vom Vortag, das auf horrende Weise die Feststimmung der Israelis anlässlich der US-Botschaftseröffnung in Jerusalem konterkarierte, nicht erneut toppen wollen. Gazas ohnehin katastrophale medizinische Versorgungslage droht ohnehin zusammenzubrechen, nachdem allein am Montag über 1350 Schussverletzte in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Der Koordinator von Ocha, der UN-Hilfsorganisation für humanitäre Belange, hat nach einem Besuch im Shifa-Hospital von völlig überforderten Ärzteteams berichtet. Zumindest können am Dienstag zwei Lastwagen mit Arzneimitteln den Grenzpunkt Kerem Schalom nach Gaza passieren, der bei den Protesten demoliert und von Israel daraufhin geschlossen worden war. Auch im Westjordanland, wo es bis dato relativ ruhig blieb, fachen die Geschehnisse in Gaza den palästinensischen Zorn an. Präsident Mahmud Abbas hat zum Generalstreik aufgerufen und eine dreitägige Trauer verhängt.

Dabei hat er selbst freilich einen Anteil an der Misere. Seine finanziellen Sanktionen, die Abbas in jüngster Zeit wieder verschärft hatte, richteten sich eigentlich gegen die Rivalen von der Hamas, trafen jedoch die Zivilbevölkerung am härtesten. Nun allerdings, da Gaza wieder für Schlagzeilen sorgt, wird der innerpalästinensischen Solidarität Vorrang gegeben. Nichts vereint die Palästinenser so sehr wie Al-Nakba, an die mit Sirenen und einer Schweigeminute zur Mittagszeit gedacht wird.

Netanjahu verbittet sich Moralpredigt

Derweil bekommt Israel diplomatischen Druck zu spüren. Empört über den Einsatz israelischer Scharfschützen gegen teils unbewaffnete, teils mit Steinschleudern und Brandsätzen ausgerüstete palästinensische Demonstranten haben Südafrika und die Türkei ihre Botschafter aus Tel Aviv zurückbeordert. Auch die EU richtet mahnende Worte an die Regierung in Jerusalem, das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu wahren. Der Rückgriff auf scharfe Munition, um einen Massenansturm abzuwehren, ist ebenso unter israelischen Sicherheitsexperten umstritten. Der Befehl, nur auf die Füße oder Beine zu zielen, führe in einem solchen Fall fast unweigerlich zu Toten. Die Verantwortung dafür trage nicht zuletzt die Politik, die „nahezu nichts getan hat“, so der „Haaretz“-Journalist Amos Harel.

Doch vorerst setzt Israel weiter auf militärische Stärke. Via Ägypten soll es der Hamas-Führung ausgerichtet haben, deren hochrangige Mitglieder würden auf die Abschussliste gesetzt, wenn sie sich nicht um Deeskalation bemühten. Im Vergleich zum Montag flauen die Proteste in Gazas Grenzgebiet denn auch ab. Aber die Organisatoren kündigen an, weiterzumachen, zumindest bis zum Naksa-Tag am 5. Juni, der an den Sechstagekrieg von 1967 und den Beginn der Besetzung palästinensischer Gebiete erinnert.

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