Mit Kopf, Herz und Hand lernen die Jugendlichen der Ziegelhütte, wie hier beim Dachausbau des Schafstalls. Foto: Horst Rudel

Die Ziegelhütte, eine Jugendhilfeeinrichtung am Randecker Maar, feiert ihr 50jähriges Bestehen. Sie bietet gestrauchelten Jugendlichen die letzte Chance, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren.

Bissingen - Dem um das Jahr 1680 herum gebaute Schafstall oben am Randecker Maar bei Ochsenwang-Bissingen winkt nach der Restaurierung nicht nur ein neues Leben als Veranstaltungszentrum für die benachbarte Ziegelhütte. Denn dieser Stall ist auch ein Symbol für das Wirken der Jugendhilfeeinrichtung, die am Dienstag, 19. Juli, mit einem Festakt das 50. Jahr ihres Bestehens feiert.

Natürlich sind es Stiftungen, Unternehmen und andere Sponsoren, die den finanziellen Grundstock für die Wiederbelebung des 350 Jahre alten Schuppens beisteuern. Natürlich sind es Denkmalschutzexperten und professionelle Handwerker, die das marode Gebäude wieder auf Vordermann bringen. Aber genauso natürlich legen die Jugendlichen der Ziegelhütte Hand an, wenn es darum geht, dem Gebäudeveteranen zu einen neuen Leben zu verhelfen.

Letzter Rettungsanker vor dem Absturz

Auch sie, die Jugendlichen, ringen in der Weltabgeschiedenheit am Albrand um ein neues Leben und darum, in der Gesellschaft unten im Tal wieder Fuß zu fassen. „Für viele ist die Ziegelhütte der letzte Rettungsanker vor dem Absturz“, sagt Hendrik van Woudenberg, der Leiter der Einrichtung. Wer in das Internat abseits des Bissinger Teilort Ochsenwang aufgenommen wird, der hat meist schon in sehr jungen Jahren traumatische Erfahrungen hinter sich. „Verwahrlosung, Schulverweigerung- und -abbruch, Suchterfahrung, Gewalterfahrung, Missbrauchserfahrung“, zählt van Woudenberg auf. In dem Internat, der an 365 Tagen im Jahr geöffnet ist, können die 36 dort wohnenden Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren ihren Schulabschluss machen – und für eine begrenzte Zeit Geborgenheit und ein Zuhause finden.

Ein Zuhause zu schaffen, das war auch schon die Absicht der Ziegelhütte-Gründer vor 50 Jahren gewesen. Allerdings hatten sie den Hof damals erstanden, um die dem fünf Kilometer entfernt liegenden Kinderheim Michaelshof entwachsenen geistig behinderten Menschen eine Bleibe im Alter zu bieten. „Die Vision damals war, rund um den Bauernhof als Zentrum eine Dorfgemeinschaft zu etablieren, in der erwachsene Behinderte ihre Lebensort finden sollten“, sagt van Woudenberg. Das hehre Ziel scheiterte jedoch an dem angrenzenden Naturschutzgebiet, das den Ausbau der Ziegelhütte verhinderte.

Von der Behinderten-Einrichtung zur Jugendhilfe

Im Jahr 1993 wurde die Einrichtung deshalb komplett umgekrempelt. Die Behinderten zogen aus und der Ziegelhütte erlebte einen Neustart als Jugendhilfeeinrichtung. Seit dem Jahr 2003 leitet van Woudenberg die Einrichtung, zunächst als pädagogisch Verantwortlicher. Inzwischen laufen bei dem 60 Jahre alten Holländer, der 1980 als Lehrer auf dem Michaelshof gekommen war, die organisatorischen und pädagogischen Fäden der Ziegelhütte zusammen. Als Schulleiter, Heimleiter, Geschäftsführer und geschäftsführender Vorstand des Trägervereins Michaelshof/Ziegelhütte prägt van Woudenberg, der sich schon als junger Lehrer der Waldorfpädagogik verschrieben hat, das weltzugewandte Gesicht der Ziegelhütte.

„Mir ist es wichtig zu zeigen, dass wir eine offene Einrichtung und keine geschlossene Gesellschaft sind“, lautet sein Credo. Sichtbar geworden ist das unter anderem bei den von der Ziegelhütte organisierten Skulpturenpfaden, die in den Jahren 2012 und 2015 jeweils tausende von Besuchern hinauf ans Randecker Maar gelockt haben. Sichtbar wird das bei Theater-und Musicalaufführungen, zu denen die Ziegelhütte regelmäßig einlädt. Sichtbar soll das in Zukunft sein, wenn der umgebaute Schafstall als Veranstaltungszentrum über den Albrand hinaus strahlt. Und sichtbar werden soll das schließlich auch zur Jubiläumsfeier, zu der van Woudenberg neben den Funktionsträgern ausdrücklich auch die Öffentlichkeit einlädt.

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