Ramón Haaf und Adriane Gaßmann freuen sich über ihre Aufgaben. Foto: Georg Linsenmann

Zwei junge Menschen wollen ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bezirksamt zur Orientierung nutzen.

Bad Cannstatt - Sich direkt nach dem Abitur ins Studium stürzen? Für Adriane Gaßmann und Ramón Haaf war das nicht „die perfekte Idee“. Die beiden jungen Stuttgarter haben sich dafür entschieden, erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren, und weil sich beide für Politik interessieren, sind sie nun beim Bezirksamt gelandet. Gaßmann räumt auch gleich direkt ein: „Ich kann hier sinnvolle Sachen machen und möchte das für mich als Orientierungsjahr nutzen.“ So geht das auch Haaf an: „Ich werde Japanologie studieren, will aber auch schauen, was ich als Zweitstudium dazupacken könnte, damit das keine brotlose Sache wird. Kulturarbeit wäre eine Möglichkeit. Ich will einfach genauer wissen, was für mich in Frage kommt.“

Das FSJ als Phase der Orientierung und Hilfe zur Selbstfindung: Zeigt sich darin auch der „Fluch des G 8“? Des Abiturs nach acht statt nach neun Jahren, das junge Leute derart in Beschlag nimmt, dass sie kaum Raum haben, parallel ihre Zukunft zu bedenken? „Ein Jahr mehr wäre gut gewesen“, sagt Gaßmann, „der Druck ist so extrem. Ich habe alles Andere aufgeben. Instrumente, Schwimmsport. Was bleibt einem anderes übrig, als den Punkten hinterherzujagen?“ Jetzt will sie das FSJ nutzen, „um den Kopf hochzuheben, mein Netz auszuwerfen und zu schauen, was mich interessiert.“ Auch der Japan-Fan Haaf, der seit vier Jahren die Sprache lernt, findet: „In der Schule hat man viel zu wenig Zeit für die persönliche Entwicklung. So ein Jahr hilft, über sich selbst nachzudenken und herauszufinden, wo man steht und wo man hin will.“

Faitrade ist ein Thema, um das sich die beiden FSJler kümmern

Und dafür haben sie ja auch konkrete Aufgaben. Etwa die Organisation des monatlichen Kino-Cafés. „Es ist eine schöne Erfahrung, zu sehen, wieviel es den Senioren bedeutet, sich zu treffen, zu reden, Freundschaften zu pflegen. Ich war richtig gerührt, als ich das das erste Mal gesehen habe“, berichtet Gaßmann. Hinzu kommt die Unterstützung des Jugendrates. Einladungen, Sitzungsvorbereitung, Ortsbesichtigungen, Protokolle: „Man sieht, dass das nicht von alleine geht und wieviel Detailarbeit dahintersteckt. Es ist spannend, zu sehen, wie Jugendliche sich ins Gemeinwesen einbringen und einmischen können“, nennt Haaf als erste Erfahrungen.

Das Duo ist auch an der Vorbereitung der nächsten Fairtrade-Woche beteiligt, klappert die Anbieter von Fairtrade-Produkten ab und schaut da auch kritisch hin: „Da ist manches kaum mehr als ein Alibi fürs Image. Ich denke, da sollte viel mehr gehen. Da muss man dranbleiben“, finden beide unisono. Durchaus positiv seien die Erfahrungen zum Projekt „Zukunft Bad Cannstatt“, für das sie „die Peripherie“ beackern und versuchen, über einschlägige Geschäfte auch Cannstatter mit Migrationshintergrund zu interessieren: „Wenn man das erklärt und die Flyer aushändigt, sind die alle neugierig und offen“, berichtet Adriane Gaßmann.

Und dann kommt das Duo noch auf ein weiteres „Pfund“ des freiwilligen Dienstes zu sprechen, was Gaßmann so zusammenfasst: „Die Seminare! Darauf freue ich mich immer besonders.“ Man lerne viel Neues kennen und könne auch hinter die Kulissen schauen. „Manchmal denke ich, dass ich jetzt meine Stadt neu kennenlernen kann. Und man findet neue Freunde! Ich mag diesen Austausch.“ Das sei sehr spannend. „Wir machen uns ja alle viele Gedanken über die Zukunft.“

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