Ein Waiblinger Amtsrichter hat die Ermittlungen der Polizei scharf kritisiert. Foto: Phillip Weingand

Ein ominöser Professor beauftragt einen jungen Mann, mit falschem Ausweis Pakete anzunehmen. Der 21-Jährige räumt vor Gericht alles ein – warum der Richter ihn trotzdem nicht wegen Betrugs verurteilen kann:

Waiblingen - Dass der Mann auf der Anklagebank wohl kaum – wie auf dem Ausweis angegeben – Hansjörg S. heißen kann, ist recht eindeutig. Der 21-Jährige aus Nigeria spricht kein Wort Deutsch, auf dem Foto ist auch ein anderer Mann abgebildet. Trotzdem hatte er im Mai versucht, mit diesem Ausweis in Waiblingen Pakete anzunehmen. Der Zusteller, den der falsche Hansjörg auf der Straße auf Englisch ansprach, wurde misstrauisch – und brachte am nächsten Tag Zivilpolizisten mit. Seitdem sitzt der mutmaßliche Betrüger in U-Haft.

Am Dienstag hat der 21-Jährige vor dem Amtsgericht Waiblingen die Vorwürfe eingeräumt und aus seinem Leben erzählt: Vom frühen Tod des Vaters und eines Bruders, der Flucht nach Libyen, der Bootsfahrt nach Italien, von wo aus er nach Deutschland gelangte. Hier wurde er nicht nur wegen Drogenschmuggels verurteilt, sondern er habe hier auch eine Freundin und einen Sohn, der wahrscheinlich Ende August geboren sei. Ob das stimmt und ob die Frau noch etwas mit ihm zu tun haben will, blieb unklar.

Der Hintermann bestellt, der Handlanger nimmt die Pakete mit falschen Papieren an

Im Mai versuchte er, sie in Stuttgart ausfindig zu machen. Dabei, so erzählte er, sei ihm all sein Hab und Gut gestohlen worden. Aus Geldnot habe er einem angeblichen „Professor“ zugesagt, mit falschen Papieren im Waiblinger Ameisenbühl den Paketboten abzufangen, Waren entgegenzunehmen und sie weiterzuleiten. Waren, die mutmaßlich vom „Professor“ bestellt wurden und nie bezahlt werden sollten. Bei ihm fand die Polizei neben seinem echten Ausweis auch zwei stümperhaft gefälschte Papiere– sowie Fake-Klingelschilder.

Der Fall schien nur auf den ersten Blick eindeutig. Der Amtsrichter Martin Luippold ließ kein gutes Haar an der Arbeit der Polizei: „In diesem Fall hatten wir die erbärmlichsten Ermittlungen aller Zeiten.“ So hätten die Beamten nicht die Pakete beschlagnahmt, die mutmaßlich geschädigten Händler nicht kontaktiert und auch nicht versucht, die Identität des ominösen „Professors“ oder Zusammenhänge zu anderen, ähnlichen Fällen aufzudecken.

Die überlastete Polizei ermittelt nach der Festnahme kaum weiter

Die Erklärungen des zuständigen Polizisten – allgemeine Überlastung, chronischer Personalmangel und Gerangel um Zuständigkeiten – stellten Luippold kaum zufrieden. Für das Urteil hatte dies Konsequenzen: Einen Schuldspruch gab es zwar in Sachen Urkundenfälschung, doch inwieweit der 21-Jährige überhaupt in einen Betrug verwickelt war, lasse sich nicht einwandfrei belegen. „Weder wissen wir, wer der Geschädigte war, noch wie hoch der Schaden ist. Theoretisch wäre es möglich, dass die Ware sogar bezahlt war“, schimpfte Luippold. Dass ein Betrug vorliege, sei zwar sehr naheliegend. „Allein wegen einer Vermutung können wir ihn aber nicht verurteilen.“

Am Ende beließ das Jugendschöffengericht es bei einem vierwöchigen Arrest, der mit der U-Haft freilich mehr als abgesessen ist. Die Zukunft des 21-jährigen Mannes sieht trotzdem alles andere als rosig aus: Für Mitte Oktober ist seine Abschiebung nach Italien angekündigt. Dort wird noch im Herbst über seinen Asylantrag entschieden. Ob er seine Freundin wiedersieht und sein Kind je kennenlernt, steht in den Sternen.

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