Der Berlinale-Bär am Eingang des Berlinale-Palasts im Februar 2020. Foto: dpa/Michael Kappeler

Als eines der ersten großen Filmfestivals will die Berlinale Schauspieler nicht mehr getrennt nach Geschlecht auszeichnen. Manche in der Filmbranche befürchten, dass Frauen nun schlechtere Chancen haben könnten.

Berlin - Die Entscheidung der Berlinale, Schauspieler nicht mehr getrennt nach Geschlecht auszuzeichnen, ist in Teilen der Filmbranche auf Kritik gestoßen. Die Einführung der neuen Preise sei ein „Feigenblatt für Innovation“, teilte Barbara Rohm vom Gleichstellungsbündnis Pro Quote Film am Dienstag mit. Bisher seien die Filmfestspiele in Berlin von Gendergerechtigkeit weit entfernt.

Im Wettbewerb der Berlinale wurden bisher die „beste Darstellerin“ und der „beste Darsteller“ geehrt. In Zukunft sollen Silberne Bären für die beste Leistung in einer Haupt- und einer Nebenrolle vergeben werden. Die Festivalleitung sprach von einem „Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche“.

Frauen fürchten den Konkurrenzkampf

Der Verein Pro Quote kritisierte, im Wettbewerb liefen viel mehr Filme von Männern als von Frauen. In der Filmbranche seien zwei Drittel der Rollen für Männer geschrieben, das gelte auch für Arthouse-Filme. Das heiße, dass Schauspielerinnen in Zukunft einem weiteren Konkurrenzkampf ausgesetzt seien.

„Echte Innovation schafft Raum und Sichtbarkeit für Vielfalt und bringt sie nicht noch mehr in Konkurrenz zueinander“, erklärte Rohm, die Vorsitzende des Bündnisses ist. „Warum wird nicht ein Preis für gendersensible Darstellung hinzugefügt?“

Weniger weibliche Rollen als männliche

Auch der Bundesverband Schauspiel (BFFS) sieht die Neuerung kritisch. Er argumentiert etwa mit Studien zum Fernsehen: Immer noch seien weibliche Rollen in deutschen Filmen weniger präsent als männliche. „In dieser Situation den Preis für weibliche Rollen abzuschaffen, wird dazu führen, dass Schauspielerinnen für ihre Leistungen künftig ähnlich wenig gewürdigt werden, wie es bereits jetzt bei den Frauen in den anderen Kategorien der Fall ist“, teilte Vorstandsmitglied Klara Deutschmann mit.

Die Verbandschefin Leslie Malton erklärte am Dienstag in Berlin: „Die Berlinale versucht mit ihrer Entscheidung politisch korrekter zu sein als korrekt und erweist den wichtigen Zielen zur Erreichung von Gender- und Diversitätsgerechtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes einen Bärendienst.“

Von Gleichberechtigung meilenweit entfernt

„Um mehr gendergerechtes Bewusstsein in der Branche zu erreichen und ein Signal zu setzen, müssen die derzeit benachteiligten Geschlechter sichtbarer werden“, betonte Malton. „Aber die Streichung der Geschlechterkategorien führt zum Gegenteil.“ Die deutsche Filmindustrie habe erst vor wenigen Jahren begonnen, geschlechterspezifische Benachteiligungen von Frauen als Problem anzuerkennen, sei aber von gelebter Gleichberechtigung meilenweit entfernt.

„Natürlich müssen wir uns auch für die Anliegen und Sichtbarkeit der Kolleg*innen einsetzen, denen wir mit der Verengung auf zwei Geschlechter nicht gerecht werden“, sagte ihr Vorstandskollege Antoine Monot Jr.. Sie seien derzeit in den Geschichten, die Filme erzählten, nicht genügend präsent. „Aber unser Engagement darf nicht auf Kosten der Gleichberechtigung von Frauen gehen. Damit ist niemandem gedient“, erklärte Monot.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: