Der Pianist Martin Stadtfeld kommt nach Waiblingen – zusammen mit Iris Berben. Foto: Yvonne Zemke

„Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ – der Pianist Martin Stadtfeld gastiert mit Iris Berben und einem Programm über die jüdische Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger im Bürgerzentrum.

Waiblingen - Selma Meerbaum-Eisinger ist nur 18 Jahre alt geworden. Dennoch hat die jüdische Lyrikerin fast 60 Gedichte verfasst, die erst lange nach ihrem Tod veröffentlicht wurden. Einige davon rezitiert die Schauspielerin Iris Berben am 18. November im Waiblinger Bürgerzentrum unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“. Der mit dem Echo-Klassik-Preis ausgezeichnete Pianist Martin Stadtfeld liefert die Musik dazu.

Herr Stadtfeld, am 18. November treten Sie mit Iris Berben und dem Programm „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ im Bürgerzentrum auf. Iris Berben zitiert Gedichte der jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, Sie selbst steuern Klaviermusik bei. Wie sind Sie beide zusammengekommen?
Ich habe eine Anfrage bekommen, dass Iris Berben das Projekt mit mir machen möchte. Den Namen Selma Meerbaum-Eisinger hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört und ihre Geschichte auch nicht. Als ich mich dann damit beschäftigt habe, war ich sehr begeistert von dem Projekt.
Selma Meerbaum-Eisinger ist im Jahr 1942 mit nur 18 Jahren in einem NS-Zwangsarbeiterlager an Fleckfieber gestorben, ihre Gedichte sind aber meist hoffnungsvoll. Nach welchen Aspekten haben Sie die Musikstücke für das Programm ausgewählt?
Ich habe mich lange auseinandergesetzt mit der Frage, welche Stücke ich spielen soll. Einige dieser Gedichte sind sehr bewegend. Obwohl sie einerseits lebensbejahend sind, sind sie auch bedrückend, wenn man weiß, vor welchem Hintergrund und mit welcher Aussicht sie entstanden sind. Für mich war daher klar, dass ich Musik finden muss, die den Zuhörern Raum lässt und sie nicht zu sehr in eine bestimmte emotionale Richtung pusht.
Was also erwartet das Publikum am 18. November?
Schubert lässt dem Zuhörer sehr viel Freiraum, selbst fühlen zu dürfen, wie er möchte. Von ihm spiele ich gleich mehrere Stücke. Im zweiten Teil spiele ich ein Werk von Stefan Heucke, etwas sehr Traditionelles, aber Zeitgenössisches, das dem Hörer ebenfalls Raum lässt. An dem Abend wird auch Bach zu hören sein – ein Kanon. Als Ausdruck von Wiederkehr finde ich das passend, dabei kann man seine Gedanken kreisen lassen, und ich als Interpret kann das Stück so lange ausdehnen, wie es mir richtig erscheint. Dann habe ich noch Schumanns „Kinderszenen“ ausgewählt. Sie verbinden Leichtigkeit mit einem Klangbild, das unglaublichen Tiefgang hat. Das ist eines der tiefgründigsten Werke.
War dieses Wort-Ton-Projekt denn Neuland für Sie?
In dieser Form schon. Vor einigen Jahren habe ich zwar bei den Schwetzinger Festspielen Bachs „Goldberg-Variationen“ gespielt, der Schauspieler Bruno Ganz las Passagen aus Thomas Bernhards „Der Untergeher“. Allerdings war das blockweise getrennt. Dieses Mal mit Iris Berben will ich erreichen, dass die Trennung aufgehoben wird und das Publikum das Gefühl hat, dass Worte und Musik zusammengehören. Ich wünsche mir, dass beides zusammenfließt.
Sie sind zu Gast in vielen großen Konzerthäusern rund um den Globus. Was reizt Sie an einem Auftrittsort wie dem Bürgerzentrum Waiblingen?
Für mich ist der Prestigewert eines Auftrittsortes keine ausschlaggebende Kategorie. Im Laufe der Jahre erfährt man, dass es darum geht, ein Publikum zu erreichen. Ich spiele immer wieder gerne in Baden-Württemberg, denn dort trifft man oft ein Publikum, das sich sehr interessiert und auf Musik einlässt. Da ist es egal, ob man in einer kleinen oder großen Stadt spielt. Wobei es in kleineren Städten schon oft so gewesen ist, dass ich dort intensivere und beglückendere Momente erlebt habe.
Was wünschen Sie sich für Ihren Auftritt im Bürgerzentrum?
Mein Wunsch für den Abend ist der, den ich immer habe: dass die Besucher das Gefühl haben, dass ein Gleichklang im Raum ist. Wenn jeder noch lange an den Abend denkt und sich hin und wieder daran erinnert, wenn so ein Abend also nachwirkt, dann ist mir das viel wichtiger als ein Konzert, das groß bejubelt und dann schnell vergessen wird. Ich finde, gerade ein Projekt wie „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ darf nicht jede Frage beantworten, und es soll nicht nur konsumiert werden, sondern es soll etwas auslösen.

Wort-Ton-Projekt

Piano
Martin Stadtfeld ist im Jahr 1980 in Koblenz geboren und im Westerwald aufgewachsen. Er hat bei Lev Natochenny an der Musikhochschule Frankfurt Klavier studiert. Im Jahr 2002 gewann er den ersten Preis beim Bach-Wettbewerb. Eine daraufhin eingespielte CD der „Goldberg-Variationen“ von Bach landete auf Platz 1 der Klassikcharts.

Rezitation
Iris Berben hat schon als 18-Jährige in Kurzfilmen mitgespielt. Die 1950 in Detmold geborene Schauspielerin hatte Rollen in vielen Kino- und Fernsehfilmen sowie in der Comedy-Serie „Sketchup“. Seit Jahren setzt sie sich gegen Antisemitismus ein und ist vom Zentralrat der Juden ausgezeichnet worden.

Karten
Die Veranstaltung am 18. November im Waiblinger Bürgerzentrum, An der Talaue 4, beginnt um 20 Uhr. Karten kosten zwischen 25 und 34 Euro, ermäßigt zwischen 20 und 29 Euro, und sind beispielsweise bei der Touristinfo erhältlich (0 71 51 / 50 01 83 21).

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