Sonay Cevik erläutert die Planung der türkischen Studenten im Info-Laden.        Foto: Eva Funke

Der Info-Laden „Stuttgart 21 – auf der Prag“ präsentiert seine erste Ausstellung am neuen Standort.

S-Nord - Mitten durch das Büro in der Nordbahnhofstraße 81 läuft eine unsichtbare Grenze. In der linken Hälfte ist der Info-Laden, in der rechte das Gläserne Büro untergebracht. Im Info-Laden wird ehrenamtlich, im Gläsernen Büro im Auftrag der Stadt über Stuttgart 21 informiert. Die erste Ausstellung am neuen Standort des Info-Ladens ist grenzübergreifend: Auf beiden Flächen werden die Entwürfe von Architekturstudenten aus der Türkei fürs Rosensteinviertel präsentiert. Stuttgarter Architekturstudenten haben im Gegenzug Konzepte für eine Bebauung des etwa gleichgroßen Areals um den stillgelegten Haydarpasa-Bahnhof in Istanbul entwickelt.

Warum der Austausch? Weil es zwischen dem Fakultäten für Architektur in Istanbul und dem Städtebau-Institut der Universität Stuttgart seit zehn Jahren eine Kooperation gibt: „Dass wir mit einer Ausstellung türkischer Studenten die Tradition fortsetzen können, jedes Jahr eine Ausstellung zu präsentieren, freut uns besonders. Denn ein großer Teil der Bewohner hier hat türkische Wurzeln“, sagt Josef Klegraf, Vorsitzender des Info-Ladens.

Bahnhöfe in Istanbul tragen deutsche Handschrift

Türkische Wuzeln hat auch Ersin Ugurdal. Der stellvertretende Bezirksbeirat von Stuttgart-Mitte, der längst einen deutschen Pass besitzt, hat in Stuttgart Architektur studiert und die Kontakte in die Türkei hergestellt. „Wichtig ist, dass die Studenten der verschiedenen Nationen die jeweils andere Kultur kennenlernen. Und angesichts der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Deutschland und der Türkei ist das für eine gegenseitige Toleranz noch wichtiger geworden“, stellt er fest. Die Handschrift deutscher Architekten in Istanbul trägt sowohl der Bahnhof auf der europäischen, wie der auf der asiatischen Seite: 1888 war Baubeginn für den ursprünglich als Müsir-Ahmet-Pasa-Station bezeichneten Kopfbahnhof im Stadtteil Sirkeci auf der europäischen Seite. Architekt war August Jasmund. Der preußische Beamte ist nach Istanbul geschickt worden, um dort osmanische Architektur kennenzulernen. Sein Bahnhofskomplex, der zwei Jahre später in Betrieb genommen wurde, hat die Entwürfe vieler deutscher Architekten beeinflusst.

Auf der asiatischen Seite Istanbuls wurde auf dem Hafengelände Haydarpasa nach den Plänen der Architekten Otto Ritter von Kühlmann und Hellmuth Cuno 1906 ebenfalls mit dem Bau eines Kopfbahnhofs begonnen. Die Einweihung war 1908.

Eine Chance auch nur auf ansatzweise Verwirklichung haben weder die Entwürfe der türkischen Studenten in Stuttgart noch die ihrer deutschen Kommilitonen in Istanbul. „Darum geht es auch gar nicht“, sagt der emeritierte Stuttgarter Architekturprofessor Helmut Bott. Er sieht die Chance für den Nachwuchs bei dem Projekt, das vor knapp zwei Jahren gestartet ist, darin, dass sie in der Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur mehr über sich selbst und die eigene Kultur erfahren. Das ist laut der türkischen Gastprofessorin Sonay Cevik, die die Arbeiten ihrer Landsleute betreut hat, mit den Arbeiten gelungen.

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