Den Kopf frei bekommen: Achtsamkeitstraining kann mit regelmäßigen Atemübungen beginnen. Quelle: Unbekannt

Sport allein reicht nicht, um Stress aus dem Job abzubauen. Auspowern im Training ist zwar gut, sagen Experten, aber vor allem innere Ausgeglichenheit macht resistent.

Für Philipp Deslandes führt der Weg nach jedem Arbeitstag ins Fitness-Studio. Der 33-Jährige ist Kraftsportler. 'Um den Kopf frei zu bekommen, mache ich Sport', sagt der Wirtschaftsingenieur, der einige Jahre bei einem Stuttgarter Automobilzulieferer arbeitete. Um neben einem zehnstündigen Arbeitstag täglich noch Zeit für einen Zwei-Stunden-Besuch im Gym aufzubringen, hat der 90-Kilo-Mann seinen Alltag wie einen Projektplan strukturiert. Vom Aufstehen um kurz vor sechs bis zum Ins-Bett-Gehen gegen halb elf hat für den gebürtigen Münchner jede Stunde einen Termin. 18.30 Uhr steht die Trainingseinheit. Sechsmal in der Woche. 'Ansonsten schaffe ich mein Pensum nicht', sagt Deslandes, dessen Erfolg sich sehen lassen kann. Hart trainierte Oberarme und breite Schultern spannen sich unter seinem Shirt.

Inzwischen ist Deslandes Geschäftsführer des Stuttgarter Fitnessmodel-Labels Gym Aesthetics, und sein Fahrplan ist etwas lockerer, weil die Selbstständigkeit einen anderen Arbeitsrhythmus erfordert. Sport macht er aber immer, um frei im Kopf zu werden. 'Das ist schon ganz richtig', bestätigt Lisa Lyssenko. Die Psychologin sagt, dass Sport zwar hilft, Stress zu bewältigen, weil er Botenstoffe produziert, die sich positiv auf den Stressabbau auswirken. Allein, das reicht nicht. Gemeinsam mit der AOK hat die Freiburgerin ein Achtsamkeitstraining entwickelt. 'Lebe Balance' leitet an, sich um Kopf-Fitness zu kümmern. Das Tabu­thema ist ein Dauerbrenner, die Fakten lügen nicht: 'Jeder Fünfte hat einmal im Leben eine psychische Erkrankung', sagt Lyssenko.

Doch gerade Männer akzeptierten noch wenig, dass sie ein Fitnessprogramm fürs Gehirn brauchen. Denn Stress entstehe im Kopf, weil Menschen Situationen interpretieren und beurteilen. Helfen würden regelmäßige Achtsamkeitstrainings mit externen Zeitgebern. Wissenschaftlich bewiesen sei, dass diese Denkauszeiten die Konzentration steigern, das Immunsystem stärken und die Gedächtnisleistung verbessern. Ein einfaches Mentaltraining sei etwa, sich hinzusetzen und sich eine Minute lang auf seinen Atem zu konzentrieren. Wer zum Einstieg nicht still sitzen könne, dem empfiehlt Lyssenko, eine Runde um den Block zu gehen und auf die Atmung zu achten. Gepaart mit der Auf­gabe, seine Gedanken nicht zu bewerten. 'Lernen Sie anzunehmen, ist das Training', sagt die Psychologin.

"Nach zwei Stunden Arbeit halte ich zwei Minuten inne"

Jan Schwarz macht das. Der Ingenieur meditiert morgens nach dem Aufstehen. Er hat nach seinem Burn-out erkannt, dass er keinen Raubbau mehr mit seinem Körper und Geist betreiben darf. Als Selbstständiger schenkt er sich über den Tag verteilt kleine Pausen. 'Nach zwei Stunden Arbeit halte ich zwei Minuten inne', erklärt der 49-Jährige, um - konzentriert auf das Atmen - an nichts zu denken. Das Gehirn lüften. Auf sich selbst reduzieren, nennt es der Wiesbadener. Ebenso hat Schwarz den Sport in seinen Arbeitsalltag integriert. Mehrmals am Tag steigt er auf sein Heimfahrrad, um jeweils fünf Minuten zu strampeln. 'Dabei schaut er Berg-Videos und freut sich auf seinen kommenden Skiurlaub. Die Kombination aus Sport und Ruhe bringe ihm genau die Gelassenheit, die er für den Job brauche. Auch für Andreas Schreglmann war Sport immer der perfekte Ausgleich zum Stress im Beruf. Der Elektroingenieur suchte wie Deslandes zuerst die körperliche Herausforderung.

Doch statt Fitness-Studio zieht es den Familienvater in die Natur zum Mountainbike-Fahren und aufs Parkett zum Tango-Argentino-Tanzen. 'Doch seit mein Sohn Philipp da ist, hat beides an Wichtigkeit verloren', sinniert der 44-Jährige. Mehr noch. Der Nürnberger, der bei einem Elektronikkonzern arbeitet, hat seine Arbeitszeit auf 28 Wochenstunden reduziert. 'Söhne brauchen ihre Väter', sagt Schreglmann. Zum Ausgleich gehe er heute zum Yoga, das sein Arbeitgeber anbietet. 'Das Studio liegt auf meinem Heimweg.' Dort sind Achtsamkeitsübungen fester Bestandteil des Kurses. Mit Fußball und Radfahren hält sich wiederum Thomas Finken seit fast 50 Jahren fit. Als ehemaliger Verbandsliga-Spieler hat der Bremer Ingenieur noch heute zweimal die Woche eine Verabredung auf dem Sportplatz. Training und Spiel dauern zweieinhalb Stunden. Für seine Seele sorgt der studierte Maschinenbauer und heutige Geschäftsführer der Firma Pensum Medical im spirituellen Gespräch. 'Einmal mit meiner Frau, die Reiki und Familienaufstellungen macht', erklärt der 59-Jährige.

Statt abends fernzusehen, kläre er sich regelmäßig im Dialog mit ihr. Für einen anderen Ausgleich sorgt wiederum ein anderer Kreis: 'Ich selber habe mich der Männerarbeit verschrieben', sagt Finken. Alle 14 Tage trifft er sich in einer ehrenamtlichen Integrationsgruppe, um an psychologischen Themen wie Blockaden oder Ängsten zu arbeiten. 'Hier habe ich meine Mission entwickelt', sagt Finken. Er will in die innere Zufriedenheit finden, um im Außen in Eintracht leben zu können. Übrigens: auch Kraftsportler Deslandes sorgt nach einem besonders harten Training für eine Körper-Geist-Entspannung. 'In der Sauna kann ich Zeit verbringen, ohne denken zu müssen', verdeutlicht er. Psychologin Lyssenko hält das für eine gute Idee. 'Der Einstieg in die Achtsamkeit kann sehr unterschiedlich sein', sagt sie. Vor allem Menschen, die sehr strukturiert sind, könne helfen, die kleinen Auszeiten im Termin­kalender einzuplanen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: