Architektonisches Wahrzeichen: Die vom niederländischen Büro MVRVD entworfene neue Markthalle in Rotterdam ist ein bewohnter Bogen, der die Stände überspannt Foto: Daria Scagliola/Stijn Brakkee

Wie sieht die Stadt von morgen aus, wo kaufen wir ein, wie lernen wir? Und welche Rolle spielt dabei der Mensch? Zu diesen Fragen hat die Fachkonferenz Raumwelten architektonische und szenografische Ansätze vorgestellt – und einen Ort, der greifbar vermittelt, dass mit etwas Mut viel möglich wäre.

Ludwigsburg - Ufo? Donut? Weißwurstring? Nein: Lichtwolke haben die Ludwigsburger den Aufblas-Pavillon getauft, mit dem der Fachkongress in den öffentlichen Raum gegangen ist. Und die Bürger kommen tatsächlich, um das Gebilde zu inspizieren, dessen gebogener ­Innenraum ein ungewohntes Raumgefühl vermittelt, mit speziellen Datenbrillen Ausflüge in virtuelle Realitäten bot, nachts in schillernd bunter Illumination erstrahlte.

7500 Fachbesucher und Laien waren beim Fachkongress Raumwelten, der sich der Kommunikation im Raum widmet, doppelt so viele wie 2014. „Mit dem Pavillon ist es uns gelungen, das Thema näher an die Bevölkerung zu bringen“, sagt Uli Wegenast, künstlerischer Leiter der Film- und Medienfestival gGmbh (FMF), die Raumwelten veranstaltet. Besonders beliebt: Eine Klanginstallation des Briten Martyn Ware, in den 1980er Mitbegründer der Bands Human League und Heaven 17, der den Sound von Ludwigsburg eingefangen und zum Elektro-Pop-Kunstwerk verdichtet hat.

Verpackung ist nicht alles

Aufmerksamkeit bringt auch der Famab Award für Live-Kommunikation: 1400 Architekten, Event- und Messe-Gestalter, Designer und Caterer aus ganz Deutschland kamen nach Ludwigsburg. „Wir waren dank dieser Verbindung bundesweit in der Fachpresse als Ort der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema“, sagt Dittmar Lumpp, kaufmännischer Leiter der FMF.

Alles glänzt am Donnerstag in der Ludwigsburger MHP-Arena: Die Verpackung ist wichtig in dieser Branche, bei dieser Preisverleihung. Eine Idee wird zu Beginn symbolisch geboren in der Halle, eine silbrige, von innen leuchtende ­Marionette. Die Stuttgarter Toba Borke (Rap) und Pheel (Beatbox) sorgen mit Band für die Untermalung, Helene-Fischer-Conferencier Aljoscha Höhn reiht geschmeidig Satzbausteine aneinander.

Viele Auszeichnungen werden vergeben, hiesige Preisträger sind etwa Milla & Partner (Expo-Pavillon, Mailand) und Jangled Nerves („Autowerk“, Wolfsburg). Und es gibt eine ­Kategorie namens „Charity“ in der zum Beispiel das Kölner Projekt „#türauf“ ausgezeichnet wird, das die Willkommenskultur für Flüchtlinge propagiert. Verpackung ist wichtig, aber nicht alles.

Im Konferenz-Programm setzt sich fort, was 2014 begonnen wurde nach der Trennung von der Szenografie-Biennale: Es treten keine Star-Architekten wie Hani Rashid mehr auf, dafür gibt es thematische Bündelungen und mehr Referenten aus der ­Region Stuttgart, die nicht arm ist an globalen Playern. „Entscheidend ist der Nutzwertgedanke, die Verbindung zum Alltag“, sagt Lumpp. „Unser Ziel ist es, dass sich bei Raumwelten Partner für reale Projekte finden können.“ Das Vorbild: Der Animation Production Day beim Stuttgarter Trickfilm-Festival, das ebenfalls die FMF organisiert – auch er hat sich von einer reinen Podiumsveranstaltung zur Vermittlungsbörse gewandelt.

Neues Einkaufsglück

An die Wände koreanischer U-Bahn-Höfe sind Supermarktregale projiziert, Kunden kaufen via Smartphone Produkte, und wenn sie nach Hause kommen, stehen diese als reale Lieferung vor der Tür. Ein Online-Händler wagt sich in die analoge Welt: In einem Schuhgeschäft können Kunden via Smartphone Schuhe, die sie vorher im Netz ausgesucht haben, zur Anprobe anfordern – mittels analoger Rohrpost.

Einkaufswelten verändert sich so rasant wie das ganze Leben in der digitalen Revolution. Die Beharrungskräfte des Alten sind allerdings auch hier enorm: Vor 15 Jahren schon plante der Schweizer Architekt Tristan Kobler (Holzer Kobler, Zürich) ein Einkaufszentrum, in dem die Besucher golfen, spielen, fischen, klettern und schwimmen können sollten – auch die, die nichts einkaufen. „Wir hatten es damals mit Krämern zu tun, die nichts riskieren wollten“, sagt er am Freitag in seinem Vortrag bei Raumwelten. „Nun leeren sich auch in China die herkömmlichen Malls, und alle merken: Shopping muss mehr sein, sich Event und Kultur annähern, die Sinne ansprechen.“ Milaneo, Stuttgart? Nach dieser Lesart: von vorgestern.

Jan Knikker (MVRVD, Rotterdam) hat eine Einkaufshalle in Holland mit Bauernhof-Projektionen zum Hingucker gemacht und soll nun in Frankreich die dunklen, ­abgeschotteten Malls der Vergangenheit retten. „Wir müssen Beziehungen zur Außenwelt schaffen“, sagt er in Ludwigsburg und zeigt die Markthalle in Rotterdam, 2014 eröffnet und ein neues Wahrzeichen der lange eher schmucklosen Stadt. Eine vollständig bewohnte Bogenarchitektur überspannt die Marktstände, der 40 mal 40 Meter große Eingang ist mit einer gläsernen Kabelnetzfassade vor dem Wetter geschützt und erlaubt freie Sicht ins Innere, das die Blicke lockt mit farbenfroher Wandgestaltung. „Rotterdam hatte lange keine Touristen“, sagt Knikker, „und muss sich nun daran gewöhnen, dass plötzlich immer mehr kommen.“

Den Bürgern Raum geben

Solche Gebäude verändern das Stadtgefühl, sind Beispiele für ein neues Architektur­Bewusstsein. Eine „Zeitenwende“ postuliert der Stuttgarter Martin Haas vom Büro haascookzemmrich. „Architektonisch gestaltete ­Lebensräume beeinflussen die Gesellschaft, wir haben eine große Verantwortung“, sagt er. Die Stadtplanung des 20. Jahrhunderts mit ihren Verkehrsschneisen und ihrer Trennung von Arbeit und Wohnen hält er für überholt: „Wir haben zu lange die Menschen und ihre Bedürfnisse vernachlässigt.“ Sein Credo: Den Bürgern Raum geben, „Orte schaffen, an denen sie sich wohlfühlen“.

Gelungen ist im dies, als er noch fürs Stuttgarter Büro Behnisch arbeitete. Beim Bau einer Konzernzentrale am Hamburger Hafen stimmte das Unternehmen zu, davor eine große Freitreppe anzulegen, die sofort zu einem beliebten Treffpunkt wurde. Im Wettbewerb für ein neues Guggenheim-Museum in Helsinki kam Haas unter die letzten fünf. „Wir haben uns gefragt: Was braucht die Stadt, was brauchen die Bürger an der Stelle?“, sagt er. Ein Ergebnis: „Sonnenstandsereignisse“ an einem Ort, der weniger Licht bekommt als andere. Mehrere Gebäude, zwischen denen Bürger sich frei bewegen können, zwischen denen das Licht sich bricht. Ein magischer Entwurf – dem Auftraggeber aber letztlich zu offen.

Nun arbeitet Haas an einem Campus für Alnatura „ohne ökologischen Fußabdruck. Das Denkmodell ist: Was wäre, wenn es keinen Strom gäbe?“, sagt er, nützt Licht und Wärme voll aus, vereinfacht Bauprozesse bis hin zu einer eigens entwickelten Lehmbauwand. Auch Nachhaltigkeit ist heute ein entscheidender Faktor: Wolfram Putz (GRAFT, Berlin), der beim Wiederaufbau in New Orleans mitgeholfen hat, stellt bei Raumwelten ein Plus-Energie-Haus vor, bei dem als Grundausstattung ein E-Mobil mit 5000 Freikilometern im Mietpreis enthalten ist, und einen Solar Kiosk für Teile Afrikas, in denen nachts mangels Strom derzeit noch absolute Dunkelheit herrscht.

Noch wird hart gerungen

Oft scheitern große Würfe an Restriktionen. „In Deutschland ist Bauen viel zu stark reguliert“, findet Haas. Auch Jan Knikker hat die Erfahrung gemacht und doch in Stuttgart in Hanglage zwischen Satteldach-Langeweile einen futuristischen Holzbau errichtet – „ein harter Kampf mit dem Baurechtsamt“, sagt er. Für ein Umdenken bräuchte es aufgeschlossene Stadtplaner, Bürgermeister, ­Gemeinderäte. Raumwelten wäre auch für sie eine Plattform, sich inspirieren zu lassen, ­Alternativen kennenzulernen.

„Es geht uns auch um die Debatte“, sagt Wegenast. „Eine Revitalisierung des urbanen Raums ist ja nicht anti-modernistisch oder romantisierend, wie manche behaupten – ­Humanismus, vom Menschen auszugehen, ist ein Kern unserer Gesellschaft.“ Der aufblasbare Pavillon darf in diesem Zusammenhang durchaus als Versuchsballon verstanden werden. „Es gab im Vorfeld einige Skepsis, was den Pavillon angeht“, sagt Lumpp. „Jetzt ­haben alle gesehen: So etwas ist möglich.“

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