„Verdächtiges Geräusch“ hat Wilhelm Kuhnert dieses Gemälde betitelt: Bis heute beeinflusst sein Werk unsere Vorstellungen von afrikanischer Wildheit und Wildnis. Foto: Jens Weyers

Vor 100 Jahren war Wilhelm Kuhnert ein international berühmter Maler. Obwohl er selbst weitgehend in Vergessenheit geraten ist, bleibt sein Bild von Afrika bis heute in den Köpfen präsent. Die Frankfurter Kunsthalle Schirn präsentiert eine Wiederentdeckung.

Frankfurt am Main - Wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit hat Wilhelm Kuhnert (1865-1926) die Vorstellung von Afrika in Europa und den USA geprägt. „Er war ein rastloser, fast besessener Künstler“ - und dabei virtuos in der Technik, sagt der Direktor der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, Philipp Demandt, am Mittwoch. Als einer der ersten europäischen Künstler, der Expeditionen in Schwarzafrika unternahm, beobachtete Kuhnert Löwen, Elefanten oder Kaffernbüffel in ihrem Lebensraum und notierte ihre Verhaltensweisen.

Anhand seiner Zeichnungen und Ölskizzen der Tier- und Pflanzenwelt unter freiem Himmel habe Kuhnert daheim im Berliner Atelier monumentale Gemälde in „technischer Virtuosität“ gefertigt, sagt Demandt. Damit erzielte Kuhnert „riesigen Erfolg“ auf Ausstellungen in Deutschland, Großbritannien und in den USA. Seine Bilder erfuhren weite Verbreitung bis hin zu Naturkundebüchern, Schokoladeverpackungen und Wandgemälden in Schulen.

Wiederentdeckung eines Vergessenen

Dennoch ist der Maler in der Öffentlichkeit weitgehend in Vergessenheit geraten. Die gegenständliche Kunst sei nach 1945 out gewesen, erklärt Demandt. Dies gelte insbesondere für die Tiermalerei, die noch um 1900 „das jungfräulichste Sujet der Malerei“ gewesen sei. Außerdem habe sich ein Unbehagen über die Großwildjagd der Kolonialzeit verbreitet. So bietet die erste große Retrospektive „Der König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika“ nun die Wiederentdeckung eines Vergessenen. Die Schirn präsentiert vom 25. Oktober bis 27. Januar rund 120 Werke aus Museen, Privatsammlungen und dem Nachlass des Malers.

Kuhnert porträtiert die Tiere und Landschaften Ostafrikas im Stil des Realismus. Demandt, der die Schau mitkuratiert hat, sieht dennoch vielfältige Einflüsse der Moderne: die Freilichtmalerei, die Reise als Erweiterung des Blicks, die experimentelle Bleistiftzeichnung, die Auseinandersetzung mit der noch neuen Fotografie. Dabei habe der Maler die dargestellten Tiere inszeniert, erläutert die Mit-Kuratorin Ilka Voermann. Sie hätten als Spiegel menschlicher Gefühle und Identifikationsobjekt der bürgerlichen Gesellschaft gedient.

Herrschaft und Überlegenheit

Darstellungen von Löwen oder Elefanten galten als Sinnbilder für Stärke, Herrschaft und Überlegenheit und damit als Vorbilder einer erwünschten Ordnung. Der Künstler malte die Tiere häufig in Untersicht und steigerte so ihre mächtige Erscheinung. Andererseits erfüllten die Wildtiere das Wunschbild nach Freiheit im Gegensatz zur realen Existenz.

Kuhnert, der im oberschlesischen Oppeln in einfachen Verhältnissen geboren wurde, kam an der Berliner Akademie mit der damals neuen Tiermalerei zusammen. Fast täglich zeichnete er im Zoo - so ergab sich ein Kontakt zu dem Forschungsreisenden und Verleger Hans Meyer, Erstbesteiger des Kilimandscharo. Meyer animierte Kuhnert zu einer Afrika-Expedition und übernahm Bilder von ihm für „Brehms Tierleben“. Dreimal reiste der Maler in die Kolonie Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, Ruanda, Burundi und Teile Mosambiks, und einmal in den anglo-ägyptischen Sudan. Monatelang marschierte Kuhnert zu Fuß, zeichnete im Matsch, von Moskitos zerstochen.

Wildnis ohne Menschen

Auffällig ist, dass nur in wenigen Werken Menschen vorkommen. „Sie dienten meist nur als Staffage und dekoratives Element der Landschaft“, erläutert Voermann. So etwa auf dem großformatigen Gemälde „Krieger auf dem Pfad vor dem Kibo“ (1917): Ein Zug von Massai mit Schild und Speer schmückt am unteren Bildrand die Landschaft. Im Zentrum breiten sich grüne Wälder aus, die sich zum schneebedeckten Berg als Fluchtpunkt ziehen.

Die Gemälde hätten das Bild von Afrika als einem wilden Naturraum ohne menschliche Kultur und Geschichte geprägt, erklärt Voermann. Ohne Menschen blieb die dargestellte Natur frei für westliche Interpretationen und Sehnsüchte. Auch die Gewalt der Kolonisatoren bleibt in Kuhnerts Werk fast ganz außen vor. Dabei nutzte der Künstler die koloniale Infrastruktur wie Militär- und Missionsstationen und pflanzte vor seinem Zelt die deutsche Reichsflagge auf.

Eine der wenigen Ausnahmen unter den Werken ist die Zeichnung „Mabruk, der Geliebte der Ndekocha, erhängt“ (1905). Kuhnert erlebte, wie der Reichskommissar Carl Peters seine Konkubine und ihren Liebhaber aus Eifersucht hängen ließ. Er sagte darüber vor einem kaiserlichen Disziplinargericht als Zeuge aus. Unter englischsprachigen Sammlern sei Kuhnert bis heute beliebt, sagt Demandt. „Er ist einer der höchstgehandelten deutschen Künstler seiner Zeit“.

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