Die Altkleidercontainer quellen über. Neben Alttextilien entsorgen manche auch gleich andere Abfälle mit, so dass die Müllberge wachsen. Foto: imago/Schöning, privat

Viele nutzen den Corona-Hausarrest, um auszumisten. Einige Entsorger und Recycler ächzen unter der Last, andere scheinen gewappnet.

Stuttgart - Wenn der ganze Mist vorbei ist, mache ich mir erst mal ein paar schöne Tage zu Hause!“ Der viral herumgereichte Corona-Witz ist vielleicht gar nicht so absurd, wie es scheint: Denn nach der Krise wird es bei vielen Leuten aufgeräumter und wohnlicher sein als vorher, nutzen doch viele den Hausarrest, um Ordnung zu schaffen.

Dafür sprechen neben ästhetischen und therapeutischen Gründen recht pragmatische: Die Menschen brauchen mehr Platz, weil plötzlich alle Familienmitglieder ständig zu Hause sind. Statistisch betrachtet haben die Bundesbürger zwar mit fast 46,7 Quadratmetern pro Person genug Auslauf, freilich verteilt sich der Wohnraum sehr ungleich. In kleinen Wohnungen dürfte das Ausmisten schon etwas Luft verschaffen.

Doch das große Ausrangieren verursacht auch Probleme: Die Altkleiderverwerter sind überfordert. In Stuttgart werden nicht mehr alle der etwa 200 Altkleidercontainer im Stadtgebiet geleert, weil manche Organisationen, an die sie vermietet sind, die Reißleine gezogen haben. So hat der Arbeiter-Samariter-Bund seine Container mit Flatterband abgesperrt. Es droht auch deshalb der Kollaps in der Altkleiderbranche, weil sich die Masse an Textilien auf immer weniger Anbieter verteilt. Viele der gewerblichen Betreiber geben ihre Containerstandorte auf, da das Geschäft an Rentabilität verloren hat, sagt Udo Bangerter, Pressesprecher beim Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes Baden-Württemberg. Heute betrage der Preis für eine Tonne zwischen 150 und 220 Euro. „Das war auch schon mal doppelt so viel.“

Auch die Flohmärkte finden nicht statt

Die Gemeinschaft für textile Zukunft hat jüngst einen Hilferuf an die Bundesregierung abgesetzt, sie solle der Altkleiderbranche in der Krise beispringen. Immerhin sei diese jüngst als systemrelevant eingestuft worden. In dem Schreiben warnt die Gemeinschaft, die sich für nachhaltiges Textilrecycling einsetzt, vor einer „dramatischen Zuspitzung“: „Aufgrund der schnellen Dynamik werden in kürzester Zeit alle Lager voll und die finanziellen und infrastrukturellen Möglichkeiten der Unternehmen erschöpft sein.“ Wegen der Pandemie blieben Vermarktungswege verschlossen. Das betrifft sowohl Kleidung, die weiter getragen wird, als auch Recyclingwaren, die etwa in der Automobilindustrie als Dämmstoffe genutzt werden.

Auch auf Flohmärkten werden Verbraucher ihre abgetragenen Hosen und Pullover nicht mehr los, denn die Saison fällt aus. So hat der Münchner René Götz, der bundesweit Hofflohmärkte organisiert, seinen Veranstaltungsreigen für dieses Jahr komplett abgesagt.

Bleibt das Internet, um alte Kleidung loszuwerden: In der letzten Märzwoche stieg bei Ebay-Kleinanzeigen die Zahl der Angebote um 25 Prozent im Vergleich zu den zwei Vorwochen, sagt Sprecher Pierre Du Bois. Er beobachtet auch eine stärkere Nachfrage. Die Seitenaufrufe seien um 20 Prozent gestiegen. Nutzer stellten zudem mehr in der Kategorie „Verschenken & Tauschen“ ein.

Viele Wertstoffhöfe sind geschlossen

Ein bekannter Player im Secondhandsektor ist auch der Internethändler Momox. Das Berliner Re-commerce-Unternehmen für An- und Verkauf beschäftigt 1900 Mitarbeiter und hatte 2019 einen Umsatz von 250 Millionen Euro. Wer sich regis­triert, kann gebrauchte Kleidung, Bücher, CDs und Spiele an Momox schicken und erhält dafür meist kleine Beträge. Derzeit wird die Kundschaft per Mail gewarnt, dass die Bearbeitung länger dauern kann als üblich. Auf Nachfrage heißt es jedoch: „Wir können bisher keinen Anstieg der Verkäufe seit den Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Ausbreitung von Covid-19 wahrnehmen.“

Engpässe gibt es indessen bei der Abfallwirtschaft. In einigen größeren Städten wie Karlsruhe wird man seinen sperrigen Müll derzeit nicht los. Wertstoffhöfe sind geschlossen, Grobmüll wird nicht abgeholt, mit der Begründung, dass man die eigenen Mitarbeiter schützen wolle. Wer in Stuttgart wohnt, hat Glück: Der Betrieb bei der städtischen Abfallwirtschaftsgesellschaft AWS läuft weiter. In Stuttgart wird an den Recyclinghöfen aber verstärkt darauf geachtet, dass keine Leute von außerhalb ihren Müll bringen. „Viele Höfe in den angrenzenden Landkreisen sind jetzt geschlossen, und die Leute versuchen es dann bei uns“, sagt eine Kundenbetreuerin der AWS.

In Stuttgart wird noch Sperrmüll abgeholt

Im Rems-Murr-Kreis etwa haben alle 13 Recyclinghöfe dichtgemacht, sieben davon starten vom 20. April an wieder – aber im Notbetrieb. Im Kreis Ludwigsburg sind nur ausgewählte Wertstoffhöfe eingeschränkt für dringende Anlieferungen geöffnet. Und der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Esslingen warnt, nur vorbeizukommen, wenn unbedingt erforderlich: „Andernfalls müssen Sie mit stundenlangen Wartezeiten rechnen, da aufgrund der Schutzmaßnahmen eine Blockabfertigung erfolgt.“

In der Landeshauptstadt wird sogar der Sperrmüll noch abgeholt, obwohl es länger dauern kann, weil viele Termine schon ausgebucht sind, sagt Ingo Bauer, der den Kundenservice bei der AWS leitet. Das Müllaufkommen insgesamt habe nicht zugenommen. Zwar falle mehr in den privaten Haushalten an, dafür breche der Müll beim Gewerbe weg. Bauer bewahrt Ruhe: „Wir kriegen das noch alles hin.“ Und sollte es noch dicker kommen, sei man auch dafür gerüstet: „Für den Katastrophenfall gibt es einen Notfallplan.“ Demnach fielen in Phase eins Altpapier und Sperrmüll weg, in Phase zwei müssten Rest- und Biomüll zusammen entsorgt werden, und in Phase drei würden nur noch dort die Tonnen geleert, wo die Siedlungsdichte am höchsten ist. „Gott möge das verhüten“, sagt Bauer.

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