Das Schlampazius in Stuttgart-Ost ist der Inbegriff einer Stadtteilkneipe – keine Eckkneipe, aber auch keine Hipster-Gastro oder gar eine Bar. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Bars wollen die neuen Stadtteilkneipen sein. Bei aller Liebe zu Rote-Bete-Cocktails – das funktioniert nicht und sorgt nur für eine Zweiklassengesellschaft am Tresen, meint unser Autor Sascha Maier.

Stuttgart - Ich habe ja nichts dagegen, in einer schmucken Bar fünfzig Euro an einem gewöhnlichen Dienstagabend auf den Kopf zu hauen – so viel vorneweg. Und Stuttgart darf sich freuen, mit dem Jigger & Spoon, der Schwarz-Weiß-Bar und wie sie alle heißen zumindest innerstädtisch ein so dichtes Bar-Netz zu haben, dass sich die Funknetzbetreiber von den Barbetreibern noch was abgucken könnten. Trotzdem: Während jede neue Bar, die aus dem Boden sprießt, auf dem jeweiligen Kiez einen regelrechten Hype auslöst, fristet der Kitt, der Kieze wirklich zusammenhält, fast schon ein Schattendasein. Die Rede ist von den Stadtteilkneipen.

Neuerdings beanspruchen Bars ja für sich, einem Stammpublikum ein zweites Wohnzimmer zu bieten, wie es die Barbetreiber gerne formulieren. Aber zumindest in meinem Wohnzimmer läuft keine Jazz-Musik bei gedimmtem Licht, es gibt auch keine raffinierten Cocktails, ich werfe mich fürs Sofa nicht in Schale und mein Wohnzimmertisch ist auch nicht aus dunklem Teakholz. In meinem Wohnzimmer läuft vielleicht Fußball in der Glotze, während ich in einem Schlabber-T-Shirt umgeben von klapprigen Möbeln aus Pressspanplatten eine Bügelbierflasche öffne – und nein, sicher kein Craftbeer.

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Mag sein, dass das nicht besonders kultiviert ist. Aber genau darin liegt ja die Krux. Ich verwette meinen geliebten, türkisen Vintage-Kühlschrank – den man sich ehrlicherweise heute so auch nicht mehr in die Bude stellen würde –, dass die meisten Barbesucher gar nicht so anders als ich in den eigenen vier Wänden hausen. Warum also beim Afterwork-Gin-Tonic so tun?

Zwei-Klassen-Tresengesellschaft ist ungesund

Das verlängerte Wohnzimmer, das es verdient, so genannt zu werden, gerät durch den Bar-Boom in die Krise. Stadtteilkneipen sterben deswegen zwar nicht aus, aber die Idee, der Tratsch-Marktplatz am Abend für alle Bewohner eines Viertelszu sein, gerät durch die neue Konkurrenz in Gefahr. Immer öfter stellt sich die Frage: Kneipe oder Bar? Und als Verfechter des Kneipenbesuchs ist man schnell als Proll verschrien.

Denn ganz klar, das Selbstbewusstsein steigern holzvertäfelte Tresen, schrecklich aus der Zeit gefallene Blech-Werbeschilder und Postkarten-Pinnwände mit lustigen Sprüchen ausnahmsweise einmal nüchtern betrachtet nicht wirklich. Aber da die wenigsten unter uns vermutlich wie Batman geworden sind, sitzen wir eben hier.

Eine Zwei-Klassen-Tresengesellschaft ist ungesund für ein Viertel. Bei allem Verständnis für Barbetreiber, mit Wohnzimmer-Feelings zu werben, um den Laden auch unter der Woche halbwegs voll zu bekommen: Werte Herrschaften, bei aller Freude, bei euch dem schmucklosen Alltag dann und wann zu entfliehen – tut doch nicht so, als sei der ganze Schnokus völlig normal und alltagstauglich.

Vom Teakholz- zum Ikeatisch zum Kacheltisch

Viele Barkeeper, die den Gästen gekonnt Speak-Easy-Illusionen vor die filmreifen Kulissen zaubern, leben nämlich in WGs, vermutlich liegt bei einigen die Matratze ganz studentisch blank auf dem Fußboden. Wenn Bier im Kühlschrank ist, ist das schon einer der besseren Tage. Bestimmt ein ganz cooles Leben, fast ein bisschen punkig, abgesehen von den Lackschuhen und den Hosenträgern, aber bestimmt nicht glamourös.

Vielleicht ist das ganze auch ein bisschen eine Frage der Perspektive. Denn während meiner einer beim Studieren einer Getränkekarte nicht ganz ernst bleiben kann, wenn er von frischer roter Bete im „Bloody Deetox“ liest, gibt es auf dem Kiez ja auch noch die Menschen, die weder Teakholz- noch Ikea-Tische zuhause haben, sondern einen Kacheltisch.

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Leute, die nicht diskutieren, ob Tegernseer oder Augustiner das beste Bier aus Bayern ist, sondern zuhause Grafenwalder aufschrauben und in der fiesen Eckkneipe x-beliebiges Export bestellen. Denen nicht auffällt, dass Jägermeister eigentlich ein ganz hochwertiger Kräuterschnaps ist und sich an der Supermarktkasse Underberg oder Chantré in 0,1-Fläschchen aufs Band stellen.

Und da ich – völlig ironiefrei – auch von diesen Mitmenschen akzeptiert werden will, könnte man jetzt argumentieren, dass eine Koexistenz von Stadtteilkneipen und Bars ja nicht unmöglich ist. In diesem Sinne: Chin-Chin!

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