Die Altstadt von Riga erinnert mit ihren Stufengiebeln und Backsteinkirchen an die Hansezeit. Foto: Air Baltic

Riga bewahrt das Erbe aus Hansezeit, Jugendstilepoche und Sowjetbesatzung. Die lettische Hauptstadt ist aber auch eine moderne Metropole, die junge Touristen aus ganz Europa anlockt – ohne Massentourismus.

Riga - Sozialistische Monumentalbauten stehen in Riga filigranen Holzhäusern und Backsteinkirchen gegenüber, die so auch in Norddeutschland stehen könnten. Bei einem Bummel durch die Altstadt mischen sich die Baustile und die Generationen. Hübsche, junge Karrierefrauen in hochhackigen Schuhen, die auf den gepflasterten Straßen staksen. Daneben alte Mütterchen mit Kopftuch, ärmlich gekleidet. „Viele Rentner müssen von 300 Euro im Monat leben“, erzählt die Fremdenführerin Liga Irbe. Der Kontrast zwischen arm und reich, weltoffen und rückwärtsgewandt, ehemaligem Ostblock und moderner europäischer Metropole ist im Straßenbild allerorten zu sehen.

Am Rathausplatz erinnert noch heute das Schwarzhäupterhaus mit Stufengiebeln und Rolandsfigur an Rigas Zeit als mächtige Hafenstadt der Hanse. Das Haus war einst Treffpunkt der Kaufleute und der vorwiegend deutschen Bürgerschaft Rigas. Im Mittelalter gehörte Lettland zum Deutschordensstaat. Die lettischen Bewohner Rigas besinnen sich gern ihrer deutschen Wurzeln. „Mit unserer deutschen Vergangenheit haben wir uns versöhnt, mit der russischen Vergangenheit haben wir Probleme,“, sagt die Stadtführerin Irbe, die wie viele Letten gut Deutsch spricht.

45 Jahre unter sowjetischer Besatzung

Rund 45 Jahre waren Estland, Lettland und Litauen nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion, bevor sie sich Anfang 1990 für unabhängig erklärten. Ein Relikt der sozialistischen Zeit ist die Akademie der Wissenschaften, der Turm im Moskauer Zuckerbäckerstil war 1961 ein Geschenk der Sowjetunion. Von der Aussichtsplattform sieht man noch einen anderen Koloss aus Ostblock-Zeiten am Horizont: den mit 368,5 Metern höchsten frei stehenden Fernsehturm der Europäischen Union.

Die Akademie befindet sich in der Moskauer Vorstadt. Hier leben vor allem Russischsprachige, die weder die lettische noch eine andere Staatsbürgerschaft haben, sondern einen Nichtbürgerpass, in dem „Alien“ steht. Rund elf Prozent der Einwohner Lettlands sind sogenannte „Nichtbürger“. Sie dürfen beispielsweise nicht wählen oder Beamte werden. Kremlchef Josef Stalin ließ in den 1940er Jahren Hunderttausende Letten in Zwangsarbeitslager deportieren.

Sogenannte „Nichtbürger“ und die Letten

Dafür wurden Russischsprachige aus allen Teilen des Sowjetreiches in Lettland angesiedelt. Sie und ihre Kinder bekommen nur den lettischen Pass, wenn sie einen Einbürgerungstest mit Prüfungen in Sprache, Geschichts- und Verfassungskenntnissen machen. Viele ältere Menschen können oder wollen das nicht. Bei allen Nachteilen, die der Nichtbürgerpass mit sich bringt, können deren Inhaber visafrei nach Russland einreisen – für viele, die dort Angehörige haben, ein Vorteil.

Nicht weit von dem eher ärmlichen, von Arbeitslosigkeit geprägten Moskauer Viertel ziehen junge Touristen durch das ehemalige Speicherquartier, wo sich wie in den Industrievierteln von Berlin oder Hamburg kreatives Gewerbe, Restaurants, Hipstercafés und Büros angesiedelt haben. Im Sommer finden hier Open-Air-Events und Konzerte statt. Im Vergleich zu Berlin oder Hamburg gibt es aber überall freies Internet. Europaweit hat Riga das höchste Angebot von kostenlosen WLAN-Hotspots pro Quadratkilometer und Einwohner.

Hipster im alten Industrieviertel

Von den Speichern bummeln die jungen Globetrotter weiter zu den Hallen des Zentralmarktes, wo vor Kurzem in einer der ehemaligen Produktionshallen für Zeppeline der Indoor-Streetfood-Markt „Centralais Gastro Tirgus“ eröffnet wurde. Gegessen wird an langen Tischen. DJs und Musiker spielen am Wochenende. Im Zentralmarkt kaufen die Letten alles für den täglichen Bedarf: Karpfen, Fischrogen, eingelegte Gurken, Milchprodukte. Draußen bieten Hausfrauen in Kitteln und Rentner Waldbeeren und Pilze für ein paar Cent feil, auch Blumen und gebrauchte Blusen.

Die jungen Einheimischen vergnügen sich dagegen in den Boutiquen und Restaurants der Neustadt, die für ihre Jugendstilgebäude bekannt ist. Besonders prächtig sind die restaurierten Fassaden in den Straßen Albertaiela und Elisabetesiela, auf denen sich Pflanzen über Stockwerke ranken und es nur so von Medusenhäuptern, Löwen und Masken wimmelt. Lokale Architekten wie Michail Eisenstein, dessen Sohn Sergej 1930 mit dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ berühmt wurde, schufen um die Jahrhundertwende 800 reich dekorierte Häuser.

Noch kein Massentourismus

Auf der anderen Seite des Stadtflusses Daugava lohnen Rigas historische Holzhäuser auf der Insel Kipsala einen Besuch. Sie waren für die Vergabe des Unesco-Welterbe-Titels an die Stadt von ebenso großer Bedeutung wie die Artnouveau-Architektur. Von dort hat man einen tollen Blick auf die Skyline. In der Nebensaison ist es auf der Halbinsel und in den Gassen ruhig und beschaulich. Massentourismus gibt es hier keinen. Und die britischen Sauftouristen, die vor zehn Jahren wegen der billigen Preise kamen, halten sich nun eher in Prag oder Barcelona auf. Nur im Sommer wird es belebter.

Das Nachtleben in Riga ist vielfältig und manchmal verschmelzen Club und Kneipe, wie im Folkclub Ala Pagrabs. In der Kultkneipe in Riga gibt es deftiges Essen und Livemusik. Junge Köche wollen die lettische Lokalküche, die mit viel eingelegtem Gemüse und Fisch arbeitet, bekannt machen – zum Beispiel auf der Herbst-Restaurantwoche im Oktober.

Anreise

Air Baltic fliegt viermal wöchentlich vom Flughafen Stuttgart nach Riga (www.airbaltic.com). Direktverbindungen gibt es auch ab Berlin, Hamburg, Frankfurt, München und Düsseldorf. Fähren von Stena Line fahren bis zu zehnmal wöchentlich von Travemünde nach Liepaja an der lettischen Küste (ab 79 Euro pro Auto inklusive Fahrer, www.stenaline.de). Die Überfahrt dauert 26 Stunden.

Unterkunft

Ein guter Ausgangspunkt für einen Stadtbummel ist das Hotel Pullman Riga Old Town, Doppelzimmer ab 89 Euro, www.accorhotels.com. Das Designhotel Bergs mit Gourmetrestaurant ist ideal für Paare, DZ ab 157 Euro, https://hotelbergs.lv/. Das Hotel Gutenbergs punktet mit seinem Rooftop-Restaurant, DZ ab 77 Euro, www.hotelgutenbergs.lv. Von der Dachterrasse des Dome Hotel und vom Spa-Bereich bieten sich romantische Blicke auf die Kathedrale, DZ ab 200 Euro, www.domehotel.lv.

Aktivitäten

Von der Aussichtsplattform der Akademie der Wissenschaften in 65 Meter Höhe bietet sich ein 360-Grad- Blick auf die Stadt. Zugänglich ist sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für fünf Euro pro Person, www.lza.lv

Allgemeine Informationen

Riga Tourismus, www.liveriga.com/de/

Lettisches Fremdenverkehrsamt, www.latvia.travel/de

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.20-jahre-putin-der-russische-kampf-um-die-nationale-wuerde.ad354850-46a0-4ddb-bf94-d745ad28644c.html

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neues-stadtviertel-im-meer-so-sieht-die-luxus-insel-fuer-monacos-millionaere-aus.349d20bf-1b11-4221-aa8e-87c139d785b3.html

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.so-gehen-sie-overtourism-aus-dem-weg-wir-stellen-alternativen-zu-ueberfuellten-staedten-vor.da2289f1-e5da-4f86-9478-969405da9555.html

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