Der erste Schritt in eine neue Welt: Wes Chetham, Dominique Tipper und Steven Strait (von links) in der vierten Staffel der Serie „The Expanse“ Foto: Amazon

Verrat, Intrigen, Tod und Heldentum und die Liebe: Wie bei Shakespeare geht es zu in der Science-Fiction-Serie „The Expanse“. In der vierten Staffel bringen neu entdeckte Planeten eingespielte Abhängigkeiten und Rivalitäten ins Wanken.

Stuttgart - Einen kühnen Blick in die Zukunft werfen die Autoren Daniel Abraham and Ty Franck alias James A. Corey in ihrer Science-Fiction-Romanreihe „The Expanse“ („Die Weite“): Im 24. Jahrhundert ist der Mars besiedelt sowie Teile des Asteroidengürtels, Eros, der Zwergplanet Ceres und der Jupitermond Ganymed. Die immer noch reiche Erde leidet unter extremem Hochwasser – der Klimawandel lässt grüßen –, Städte wie New York liegen hinter meterhohen Dämmen, die Vereinten Nationen sind zur Zentralregierung aufgestiegen. Dafür herrscht eine neue Rivalität mit den unabhängigen Marsianern, die sich mit spartanisch anmutender Disziplin auf militärische Augenhöhe herangekämpft haben. Beide beuten das All nach Gusto aus und damit auch die unterprivilegierten, im Asteroidengürtel unter schwierigen Bedingungen lebenden „Belters“, die eine eigene Mundart sprechen und zunehmend Widerstand leisten.

Die Serienverfilmung, zuerst auf Netflix und nun auf Amazon zu sehen, bietet atemberaubende Bilder von Reisen durchs All, von Raumschiffen und -stationen, von Expeditionen ins Ungewisse und vom Sternenkrieg – vor allem aber, und das macht sie so aktuell, zeigt sie eine ewig streitende, kleinliche Menschheit. Vieles mutet da sehr vertraut an: Nahezu alle, zuvorderst Politiker, sind nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, jeder versucht, jeden über den Tisch zu ziehen. Nur einige wenige Weltraumabenteurer und -piraten halten dagegen mit einem humanistischen Ideal, das in diesem ernsthaften, ganz unsatirischen Format fast schon romantisch erscheint – und dabei unweigerlich zutiefst menschliche Sehnsüchte nach einer besseren Welt bedient.

In der neuen Welt kämpfen Pioniere ums Überleben

In der vierten Staffel geraten eingespielte Abhängigkeiten und Rivalitäten zwischen Erde, Mars und Gürtel ins Wanken, nachdem eine ganze Reihe neuer, möglicherweise besiedelbarer Planeten entdeckt wurde. Auf der Erde sieht sich die weise, gern derb fluchende Regierungschefin Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) mit der jungen Herausforderin Nancy Gao konfrontiert, einer Populistin, die den Wählerinnen und Wählern das Blaue vom Himmel verspricht, besonders eine strahlende Zukunft auf den noch völlig unerforschten Planten.

Dort aber kämpfen die ersten Ankömmlinge ums nackte Überleben: Siedler aus dem Gürtel, irdische Forscher und eine Militärtruppe mit einem brutalen Führungsoffizier sowie die Besatzung des von Chrisjen zusätzlich entsandten Kriegsschiffs Rocinante. Dessen bunte Besatzung sind die zentralen Figuren aus dem großen Ensemble: der irdische Captain James Holden (Steven Strait), die Belterin und Ingenieurin Naomi Nagata (Dominique Tipper), der marsianische Pilot Alex Kamal (Cas Anvar) und der irdische Krieger Amos Burton (Wes Chatham). Schnell liegen drei Parteien im Clinch, der Planet offenbart aggressive Lebensformen sowie Spuren einer gefährlichen außerirdischen Macht, und Holden wird von einer mal hilfreichen, mal destruktiven Geisterscheinung heimgesucht.

Auf dem Mars bröckelt die Disziplin

Auf dem Mars lösen sich derweil Strukturen und Organisation auf: Die Verheißung neuer Welten macht den unwirtlichen roten Planeten und sein aufwändiges Terraforming-Programm plötzlich unattraktiv. Gauner treiben windige Geschäfte, Korruption und Diebstahl blühen. Selbst die Vollblut-Spartanerin Bobbie Draper (Frankie Adams), einst Vorzeige-Marine und wegen allzu menschlicher Regungen unehrenhaft entlassen, gerät in zwielichtige Machenschaften.

Bei den Beltern wiederum tobt ein interner Richtungskampf. Die Anführer Camina Drummer (Cara Gee) und Klaes Ashford (David Straithairn) wollen dem neuen Pakt mit der Erde eine Chance geben, denn er eröffnet erstmals legale Teilhabe, doch eine Gruppe um den schillernden Pirat Marco Inaros sieht nur neue leere Versprechen, er setzt auf Guerilla-Terrorismus und Sabotage.

Unterhaltsam und verstörend wie bei Shakespeare geht es da zu, es spielen sich große Dramen ab um Verrat, Intrigen, Tod und Heldentum, und über allem schwebt im kalten Weltraum als große Verheißung die Liebe. In „The Expanse“ gibt es kein Schwarz und Weiß, die Serie ist eine einzige Grauzone - sie fordert die Zuschauer immer auf Neue heraus, mit den Akteuren Entscheidungen, Loyalitäten, Allianzen und Feindschaften zu hinterfragen. Das tut sie auf sehr vielen, miteinander verwobenen Ebenen und in einem gut vorstellbaren Zukunftsszenario. So bedient sie nicht nur Genre-Freunde und Science-Fiction-Begeisterte im Überfluss.

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