Die Schwere der Krankheit wird oft unterschätzt: Und sie kann jeden treffen Foto: dpa/Marijan Murat

Die Selbsttötung von Fußballprofi Robert Enke am 10. November 2009 rüttelte das Land wach. Depressionen waren plötzlich in alle Munde. 5,3 Millionen Deutsche leiden darunter.

Stuttgart - Depressionen zählen zu den häufigsten Krankheiten. Ihre Schwere wird oft unterschätzt. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden im Laufe eines Jahres 8,2 Prozent der deutschen Bevölkerung an den Folgen der psychischen Störung. Das sind 5,3 Millionen Menschen. Durchschnittlich jeder Fünfte erkrankt einmal im Lauf seines Lebens an Depressionen. Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer.

Offen mit dem Hausarzt reden

Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, rät „offen mit dem Hausarzt auch über psychische Probleme zu reden“. Die Krankheit sei oft mit hohem Leidensdruck und deutlich erhöhtem Suizidrisiko verknüpft. Weshalb lange Wartezeiten für die Behandlung beim Psychiater oder Nervenarzt „eigentlich ein Skandal“ sind.

Zwar habe sich der Wissenstand in der Öffentlichkeit und bei Ärzten in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich erhöht, weshalb die Krankheit öfter diagnostiziert werde. Aber noch immer verhinderten Vorurteile und Missverständnisse bisweilen die rasche und konsequente Behandlung. „Die Depression kann jeden treffen, der eine genetische oder erworbene Veranlagung dazu hat“, warnt Ulrich Hegerl, „sie ist eine eigenständige Erkrankung und nicht nur eine Reaktion auf widrige Lebensumstände.“

Teresa Enke bricht das Tabu

In den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte das Krankheitsbild, als sich Nationaltorhüter Robert Enke 2009 das Leben nahm. Seine Frau Teresa sprach offen über die schweren Depressionen ihres Mannes. Und sie erzählte von den Qualen, die er dabei erlitten hatte, die Krankheit vor den Mannschaftkollegen geheim zu halten.

„Teresa Enke brach mit ihrer menschlichen Größe in diesen schweren Stunden ein Tabu“, erinnert sich der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger im Interview mit unserer Zeitung, „sie sprach öffentlich von der schweren Krankheit ihres Mannes, der von Berufs wegen keine Schwäche zeigen durfte.“ Zwanzigers Appell bei der Trauerfeier „es gibt Wichtigeres als Fußball“ wurde 2009 zum Zitat des Jahres. Aber die Wirkung verpuffte weitgehend. „Ich habe nie erwartet, dass die Welt am Tag danach eine bessere ist“, sagt der Jurist aus Altendiez, „ich habe die Chance genutzt, in so einer Situation die Menschen zum Nachdenken zu bewegen.“

Es gibt Hilfsangebote

Auf seine Initiative hin gründete der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gemeinsam mit der Witwe die „Robert-Enke-Stiftung“. Sie wirkt mit Projekten gegen die Tabuisierung und Stigmatisierung der Krankheit, und sie wendet sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten.

Am psychologischen Institut Deutschen Sporthochschule in Köln entstand die Initiative „Mental gestärkt“. Dort werden Athleten, die unter dem Leistungsdruck zu erkranken drohen, vorbeugend an Psychotherapeuten oder Psychiater vermittelt.

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