Alles ziemlich grau hier: Blochin (Jürgen Vogel, li.) wird in der Wohnung von Conchita (Carol Schuler, re.) verhaftet. Foto: ZDF

Mit dem Sechsteiler „Blochin“ wollte das ZDF mal wieder mit Netflix gleichziehen. Der Abschluss zeigt, wie schwer dem herkömmlichen linearen Fernsehen so etwas fällt.

Stuttgart - Regen hat in Film und Fernsehen eine Bedeutung, die weit über das reine Naturereignis hinausgeht. Wann immer Regen fällt, dient er der dramaturgischen Verstärkung. Oder hat irgendwer je ein Filmbegräbnis ohne Wassermassen aus grautrübem Himmel erlebt? Eben! Der Regisseur Matthias Glasner ist gar in permanenter Bestattungslaune: Im Finale von„Blochin“ regnet es dauernd Bindfäden aus einem Himmel, der mit der Vokabel grauschwarz geradezu kunterbunt umschrieben wäre.

Zielvorgabe Streaming-Niveau

Immerhin, das war auch in den vorigen Folgen dieser ZDF-Serie, die das öffentlich-rechtliche Programm aufs Niveau der besten Streamingproduktionen heben sollte, häufig so. Aber als der von Jürgen Vogel gespielte Antisuperheld Blochin vor vier Jahren in ein heillos verworrenes Geflecht aus organisierter Kriminalität und politischer Korruption, Drogen- und Waffenhandel, Verrat und Liebe geriet, schien allerdings zumindest anfangs ab und an die Sonne. Doch jetzt, in den letzten 110 Minuten dieses ambitioniert vergeigten Actionthrillers? Regen, Regen, Regen.

Womit wir bei einem Dampfer namens „lineare deutsche Fiktion“ wären, der so stolz wie überfrachtet ins Verderben treibt. Dass selbst ein kunstbeflissener Kapitän wie Matthias Glasner auf dieser Fahrt die Kontrolle verliert, zeigt eindrücklich den Kardinalfehler der hiesigen Serienlandschaft: Es mangelt ihr bis in die nebensächlichste Randsequenz an Demut, Selbstironie, Augenzwinkern und Kreativität, also an allem, was Fernsehen zum Ereignis machen kann. Beinahe scheint es, als schicke das ZDF den armen Vogel nur auf Rachefeldzug, um uns diesen Mangel vor Augen zu führen.

Nichts hängt zusammen

Weil der fiese russische Killer Kyrill (Alexander Scheer) seine Tochter getötet hat, entführt Blochin dessen Geliebte (Jasna Fritzi Bauer), die bald darauf erschossen im – genau – Regen liegt. Nach eigenem Drehbuch arbeitet sich Glasner chronologisch durch die fünf Tage dazwischen, vertieft die Amour fou des Kommissars Yorik (Christoph Letkowski), taucht sie in den Morast um Staatssekretärin Steinbrenner (Jördis Triebel), manscht Thomas Heinze als artifizielles Good-Cop-Bad-Cop-Konstrukt Dominik unter und bläut uns mit Rückblenden bis in Blochins sepiabraune Kindheit ein, wie alles mit allem zusammenhängt.

Dummerweise hängt in diesem Durcheinander wenig mit irgendwas zusammen, weshalb das erstligataugliche Ensemble zügig in drittklassiger Effekthascherei versackt. Handlungsorte variieren dabei grundsätzlich zwischen dem Radical Chic verwaister Fabrikhallen oder dem Kokser-Barock russischer Oligarchen. Beiläufige Polizisten müssen Papiersätze à la „er ist wie vom Erdboden verschluckt“ aufsagen und abtreten, während die Titelfigur bald aus jeder Pore blutet und dabei seine traurig-trotzige Einheitsmimik kultiviert. Dieses selbstreferenzielle Pathos kulminiert am Ende in einem Standbild von so aufgeblähter Theatralik, als habe Samuel Beckett ein an „Dallas“ orientierte Versammlungsszene im Rohbau der Schwarzwaldklinik gedreht.

Ein löchriger Kessel

Sex aus dieser Grabbelkiste dramaturgischer Standards ist grundsätzlich grandios und Trauer allumfassend. Gangster halten ihre Kanonen schräg, während einzelne Polizisten pro Stunde häufiger die Waffe ziehen als ganze reale Dienststellen pro Jahr. Bei missbräuchlicher Nutzung werden sie dafür flugs intern verfolgt, was im Alltag nahezu nie vorkommt.

„Die ganze Geschichte ist wie ein einziger löchriger Kessel“, sagt der hybride Dominik am Schluss. Womöglich soll dieser Satz den Dauerregen mit dem Drama verbinden. Tatsächlich beschreibt Thomas Heinzes sedierter Singsang damit ungewollt die Beerdigung des linearen Serienfernsehens deutscher Herkunft. Trübe Aussichten.

Ausstrahlung: ZDF, 5. August 2019, 22.15 Uhr; alle sechs Folgen auch in der Mediathek

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: