In Fulda ist das Wohnviertel Aschenberg bei vielen verrufen. Foto: ZDF/Henrik Eichmann

Die Doku-Serie „Aschenberg“ in der ZDF-Mediathek erzählt Positives aus einem ärmeren Stadtteil Fuldas. Sie will ganz klar das Gegenstück zu den widerlichen Absturz-Pseudodokus der Privatsender sein.

Stuttgart - Man kann das natürlich, wenn man unbedingt will, sehr eitel finden. Die fünfte und letzte Folge der Langzeitbeobachtung „Aschenberg“ des ZDF zeigt am Ende, wie das Filmteam den Bewohnern dieses als Problemzone verrufenen Stadtteils von Fulda bei einer Open-Air-Premiere die ersten beiden Folgen auf der Großleinwand zeigt. Die Kamera zeigt lachende Gesichter, kleine Leute, die Handybilder davon schießen, wie sie einmal wie die Kinostars ganz groß von der Leinwand schauen, sie fängt Glück, Erleichterung und Stolz ein. „Hier wird hoffentlich nichts Peinliches gezeigt, ich bin gespannt“ – hat der 22-jährige Fawad Ahmad, der unlängst seinen Realabschluss nachgeholt hat und zu den zentralen Figuren der Dokumentar-Serie gehört, vorab gesagt. Er hätte sich da mal keine Sorgen machen müssen.

Im Netto-Getto

Aber die Filmemacher Svaantje Schröder und Christoph Piening klopfen sich hier gar nicht auf die Schulter, was sie doch für Glücksbringer sind. Sie legen vielmehr eine sympathische Befangenheit offen und liefern die wortlose Begründung, warum sie auf manches verzichtet haben, was sich vom Aschenberg gewiss auch erzählen ließe: diesen Menschen zuliebe. „Wodka-Berg“ und „Netto-Getto“ heißt anderswo in Fulda diese Siedlung, deren Hochhäuser die Stadt überragen. Jene Privatsender, die in ihren Prostitutionsshows sozialen Scheiterns die Verlierer der Gesellschaft zu verhöhnbaren Karikaturen im Circus Maximus des Zynismus deformieren, fänden hier reiche Beute. Die vorerst exklusiv in der ZDF-Mediathek zu sehende Reihe – auch auf dem Mainzer Lerchenberg denkt man im Netflix-Zeitalter in neuen Bahnen – will aber den Gegenentwurf zu diesem Voyeurismus liefern.

Wir sehen Menschen, die etwas tun, für sich und für andere, die nicht klagen, dass sie nicht so gut dran sind wie dieser oder jene, sondern anpacken. Die nicht nur an sich, sondern auch aneinander glauben. „Aschenberg“ will zeigen, dass es das noch gibt, Zusammenhalt, Solidarität, Nachbarschaftlichkeit, und dass es ganz unprätentiös daherkommt, nicht mit wehenden Fahnen, sondern mit offenen Händen.

Aufraffen statt wegsacken

Vor zwanzig Jahren, klingt immer wieder an, sei es auf dem Aschenberg viel rauer zugegangen. Seitdem habe sich viel gebessert. Am Rand der Bilder sind immer mal wieder kurz Menschen zu sehen, die wohl weniger konstruktiv mit der Situation auf dem Aschenberg umgehen als die Spätaussiedlerin Katharina Hilkevic, die der Hausverwaltung zusetzt, sich über zu hohe Nebenkosten, die Vermüllung der Keller, die Untätigkeit des Hausmeisters beschwert und ein Mietertreffen anleiert.

Aber „Aschenberg“ will eben ermutigen, dass es anders geht, will nicht die Wegsackenden, Abstürzenden oder Aggressiven zeigen, sondern die sich Aufraffenden. Fawad Ahmad war ein Faxenmacher, er hing lieber mit seinen Freunden draußen herum, als zur Schule zu gehen. Seine miesen Noten hat er zu Hause nicht vorgezeigt, die Unterschrift seines Vaters unter dem Schulzeugnis hat er gefälscht. Nun spricht er, nicht verbittert, eher nachsichtig, von Zeitverschwendung und will aufholen. „Von nix kommt nix, schon bestimmt kein Benz“, sagt er. Und plötzlich wirkt der Aschenberg wie der Hort eines Arbeitswillens, den nicht mehr alle Wohlstandskinder haben.

Verfügbarkeit: In der ZDF-Mediathek sind alle fünf Folgen abrufbar.

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