Die Zwillinge Tim und Fred Williams hören auf ihrem YouTube Kanal Welthits von gestern an – und erreichen damit ein Millionenpublikum. Foto: StZ/Screenshot StZ

Ein junges Zwillingspaar aus USA entdeckt auf Youtube alten Rock und Pop – und betört damit im Internet ein Millionenpublikum. Warum Tim und Fred Williams mit ihrem Kanal so erfolgreich sind.

Stuttgart - Der erste Kuss, zum ersten Mal verliebt und ohne Eltern auf Reisen, zum allerersten Mal einen richtig guten Song hören, so einen, von dem einem fast schwindlig wird, wie im Rausch – das sind Erfahrungen, die jeder junge Mensch eben so macht. Und sie sind einzigartig, lassen sich nicht wiederholen. Man kann höchstens daran erinnert werden, zum Beispiel von so jemandem wie Tim und Fred Williams aus Indiana. Die Zwillinge sind erst 21 und filmen sich auf ihrem YouTube-Kanal „TwinsthenewTrend“ beim Hören von alten Welthits. Und weil das rührend und vollkommen vereinnahmend ist, schauten ihnen diesen Sommer Millionen Internetnutzer dabei zu.

Musikhören ist heute individueller, wohl auch hermetischer

Welthits, mit denen alle, die älter als 30 sind, von Radiosendern bis zum Umfallen beschallt worden sind, waren den jungen Zwillingen vom Algorithmus ihres Streamingdienstes zuvor einfach noch nie vorgeschlagen worden. Musikhören ist heute individueller, wohl auch hermetischer. Und so kommt es, dass zwei Zwanzigjährige irgendwo in Indiana „Bohemian Rhapsody“ oder „Rocket Man“ noch nie gehört haben.

Als nach drei Minuten endlich der legendäre Drum Break einsetzt, flippen sie völlig aus

In ihren Videos sitzen die Jungs, bekleidet mit schwarzen Shirts, behängt mit Silberschmuck, vor einer posterbeklebten Wand und sagen Sachen wie: „Rolling Stones, ich kannte den Namen, dachte aber, es sei eine Modemarke.“ Als bei Phil Collins’ „In the Air Tonight“ nach drei Minuten endlich der legendäre Drum Break einsetzt, flippen sie völlig aus, Nina Simone nennen sie „Nina Simpson“ und Dolly Partons Föhnfrisur rufen sie begeistert zu: „Dolly, du hast es echt raus.“ Dabei ist es betörend, mit welcher Ernsthaftigkeit die Zwillinge den Hits begegnen. Besonders Tim Williams’ Reaktionen sind unwiderstehlich. Sein Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten, manchmal eher so, als habe er in eine scharfe Chilischote gebissen, dann wieder scheint er beinahe dahin zu schmelzen, schüttelt fassungslos den Kopf, legt die Hand auf die Brust, murmelt „Okay“ und „Mmmhmm“. Von der süßen Erinnerung an die Hits von einst profitieren auch die Helden von damals: Im August explodierten die Streamingzahlen von „In The Air Tonight“. Der Collins-Klassiker von vor vierzig Jahren stieg wieder in die Charts ein.

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